Vollglück der Beschränkung

Kopfkino Gute Pornografie ist der beste Sex-Ratgeber

Denn weil der Mensch nicht dicht ist, sucht er, frei nach Ernst Bloch, beständig nach seiner höchsten Zeit, dem erfüllten Augenblick. Wo aber - wenn nicht in der Grenzüberschreitung, zugleich also in der Auflösung seiner selbst wie in der Verschmelzung mit dem anderen, fremden Körper - könnte der schon liegen oder genauer noch sich betten? Eben - im Orgasmus. Da brechen nämlich alle Dämme, ist längst zur Einheit lustvoll kopuliert, was alltagsordentlich normal geschieden: »Vor deiner Haut beginnt die Fremde« (Hermann Lenz) - nun aber gerade nicht mehr.

Nein, stimmt nicht, wie Willi Winkler kürzlich in der Süddeutschen Zeitung im Blick auf US-amerikanische Verhältnisse zu berichten wusste, denn nach einer neuen Studie des Kinsey-Instituts lasse die sexuelle Frequenz seit den fünfziger Jahren geradezu dramatisch nach, kämen insbesondere die gestressten Männer den gestiegenen Ansprüchen ihrer fitnessgestählten Ehefrauen nicht mehr nach. Nicht nur die Wüste, sondern erst recht die neue Keuschheit wächst exponentiell. In ihrer freilich immer noch heißen Luft gedeiht dann vom niederen Blödsinn bis zum höheren Schwachsinn solch Ersprießliches wie angeblich lustvolle Ratgeber jedweder Art: über Apologien des Singledaseins oder des neuen Liebhabers reicht die unerschöpfliche Palette bis zum Handbuch der Onanie oder dem Dirty Talking (Untertitel: »Die hohe Kunst der sinnlichen Worte - eine unwiderstehliche Verführung«). Hier können wir dann endlich lesen, was wir uns - bislang - leider noch nie getraut haben zu sagen, geschweige denn zu machen. Etwa so: dass man jemanden zum Fressen begehrt - einmal davon zu schweigen, dass man jemanden auch »zu fressen« begehren kann. Au weia: Synonyme fürs Miteinander-Schlafen: »den Aal zucken lassen; den Acker pflügen; jemanden besteigen, bespringen, bereiten, drüberziehen, zureiten; Blümchen suchen; feuerquirlen; einer Frau den Knüppel zwischen die Beine werfen; eine Frau auf die Lustsaite spannen ... « und so fort.

Wozu wir´s brauchen? Eben, zu nichts! - Einzig als sozialpsychologisches Faktum ist noch interessant, was da in geballten Auflagen auf uns zurollt. Es kann erst in der gewaltigen Lücke zwischen Anspruch und Realität, romantischem Liebes-Lust-Begehren und faktischer erotischer Tristesse entstehen. Je heißer, fordernder und dringlicher geradezu die nächtlichen Wünsche, umso ernüchternder die tägliche Realität - daran ist schon Flauberts Madame Bovary seinerzeit zerbrochen. Dramatischer noch kann man es auch so ausdrücken: je mehr im Angebot ist, desto toter die Hose. Man(n) erstickt an 190er Nummern, sportiv erotischen Videoclips, man drängelt sich in Chat-Rooms und flaniert durchs Virtuelle. Am Ende der schlaflosen Nacht: Frust und Katerstimmung. Was da neben der Wüste und Keuschheit noch weiter gewachsen, das sind einzig die Telekom-Rechnungen.

Theoretische Wendung und (Ver-)Drehung: wenn es stimmt, was medientheoretische Gurus nicht müde werden zu predigen, dass wir die Welt im Bild erobern und beherrschen, dann gilt noch stärker, dass zugleich unsere Passivität und Passivisierung zugenommen haben, dass auf dem Feld der (sexuellen) Ehre, nachdem alles gezeigt worden beziehungsweise nichts mehr - toyotamäßig - unmöglich ist, tatsächlich keine Phantasie-Vorstellung mehr innovativ in unseren Alltag eingreifen kann. Das technische Herstellungsvermögen hat das Vermögen unserer Vorstellungen besiegt (in Abwandlung von Günther Anders). Also könnte eine kategorische Forderung lauten: Weg mit den gelieferten, gesendeten Bildern, Filmen, Clips. Lasst uns endlich wieder das Hohelied des Kopfkinos anstimmen - Novalis: ein jeder mache sich seine Bilder nach den gedruckten Worten auf dem Papier!

Pornografie, »von gr. Pornos = Hurer, und graphein = schreiben«, so glaubt ein Lexikon feststellen zu müssen, sei eine Form der Schundliteratur, eine unzüchtige Steigerung der erotischen Literatur mit ästhetisch wertlosen, unmissverständlichen Darstellungen geschlechtlicher Vorgänge; im Unterschied zur wirklichen Literatur sei bei der Pornografie die Darstellung der Sexualsphäre Selbstzweck oder gar in »triebstimulierender Absicht« geschehen. Aha, so einfach ist das also. Näher zum Kern der Sache als dieser Gralshüter des guten Geschmacks, der Sitten und des ästhetischen Anstands argumentiert da der Kölner Schriftsteller Dieter Wellershoff, der bereits 1970 in einem Essay, Fesselung und Entfesselung. Über Liebesroman und Pornographie, zu belegen wusste, dass der pornografische Roman ein Desiderat entdeckt hat und womöglich gar als »Selbstheilungsversuch der puritanischen Kultur« verstanden werden könne. Diesseits des auch von Wellershoff noch mitgemeinten, dialektisch aufgesteiften Zeigefingers bliebe weiter zu fragen, ob der pornografischen Phantasie mit ihrem »Wunsch nach ungehemmtem angstfreien Lustgewinn« (Wellershoff) nicht möglicherweise doch ein utopisches Potential innewohnt - der Vorschein eines gelungenen, gelingenden Liebes- und Sexlebens.

Zwar ist der pornografische Text deutlich eingeschränkt in seiner Thematik, aber immerhin im Unterschied zu den laufenden Bildern ent- statt begrenzend. Er ist im Vollglück seiner Beschränkung (Jean Paul) als Tonikum und Therapeutikum zugleich Simulationsraum und Probebühne wie auch ein Reservoir menschlicher Phantasien - politisch korrekter ausgedrückt: lustvolles Ausdrucksmittel über den Stand und Zustand der Verhältnisse zwischen den Geschlechtern, die sich entweder »benuttsen« (Reinhard Jirgl) oder andererseits befreien.

Schlechte, wixvorlagenmäßige Pornografie wäre danach eine solche, die einzig bestehende Verklemmungen bestätigt, indem sie sie zeitweise zu erlösen verspricht (qua Erleichterung!); gute dagegen eine solche, die auf unerhörte und ungehörige Weise »ungelebt Mögliches« (Bloch), mithin: Real-Phantastisches und Phantastisch-Reales, aufschreibt. Entgrenzung meint hier, dass allseits Bekanntes, allzu Vertrautes und penetrant Alltägliches, in dem wir doch alle begehren, als Spezialisten zu gelten, metaphorisch umkreist, überhöht und ästhetisch verfremdet wird. Mit Julia Kristeva zu sprechen: auch und gerade die Pornografie - jedenfalls die echte, gute - raubt uns nicht, sondern schenkt uns geradezu wieder die Metaphorik. »Das Eingeständnis des Begehrens in der Sprache eröffnet das Feld der Erzählung.«

Vorhang auf fürs Echte, für »nahezu klassische österreichische Pornographien«, wie sie der 1919 (!) geborene Arzt und Schriftsteller Alois Hallner zum Beweis dafür vorgelegt hat, dass das Alter durchaus über eine reichhaltige erotische Erfahrung, aber auch Ausstrahlung verfügen kann. Angesichts dieses erotisch-pornografischen »Reigens« (à la Schnitzler) von nahezu kosmisch de Sadeschen Ausmaßen sollten gutgemeinte, aber schlechte Ratgeber schlichtweg verstummen. Nein, hier handelt es sich um kein »dirty talking«, sondern um ein metaphorisches Umspielen phantastisch lustvoller Tagträume über allerlei lüsterne Bettstätten, mithin auch wieder: um Tagträume vom aufrechten Gang, der die dichotomische Auseinanderdividierung von Sitte und Sexus schlichtweg konterkariert und unterläuft. Da treibt´s die ganze unheilige Familie miteinander, reißt sich etwa die Tante den schämigen Neffen unter ihren gierigen Nagel, fickt die jugendliche Großmutter den Enkel und verlustieren sich Schwesterchen und Brüderchen still, manchmal auch recht laut auf dem Schragen. Man liebt sich kreuz und quer, vermisst die Körpertopographie der Höhe wie Tiefe nach und entdeckt dabei unbekannte (Sprach-)Regionen: vom »Spund« zum »Schlegel« und wieder zurück zu den »Krapferln«, um »am Wipfelschlitzerl vorquellende Tautropfen aufzunehmen« oder in einer »im Gestrüppdelta versteckten Schlucht« auf den »neugierig Ausschau haltenden Wächter« zu stoßen. Weit ist der Weg sexueller Erfahrungen vom kindlich-jugendlichen ersten Aufbegehren, der Suche wie Sucht nach unbekanntem Terrain des Lustgewinns, bis zum aufgeklärten Verkehr: »Und manches, was wir taten, war immer wieder verrückt. Das gegenseitige Blasen beispielsweise: Wenn ich ihre gut fingerendgliedgroß aus schwarzem Delta vorragende Magnifizenz zum Summen, sie mein Durchschnitts-Membrum zu oraler Eruption brachte.« Der jugendlichen Begierde antwortet der reife (ärztliche) Liebhaber so: »Gänsehaut und Muskelzittern; erigierte Mamillen; die penisartig aus der Scham ragende Klitoris; das aus der Vulva quellende Sekret; den vor sich hin trenzenden Phallus, auch wenn er eingeklemmt im Inneren der Dyade; oder gar Orgasmen, Ejakulationen.« Dazwischen liegt das gewaltige Reich der Sinne, dessen Landkarte Hallner sprachspielerisch zu umkreisen versteht - lustvoll, lüstern, lustig.

Dass er sich dabei nicht verhoben hat, macht die Bedeutsamkeit seiner geradezu klassischen Pornografien aus. Anders nämlich als die wortreich-stammelnde Inszenierung des Liebesbegehrens, anders auch als die ebenso geschwätzigen Versuche zur Benennung aufsprießender Triebe vermag die reife Alterserotik Hallners - parallel lese man dazu noch das neue Konkursbuch 40 und betrachte auch die Fotos des Bildbands Sechzig + - im Rückblick auf die Stadien ihrer Passionen ein ganzes Wörterbuch der Lust zu entfalten.

Literatur und Leben: Wer nach der Lektüre Hallners immer noch keine Lust hat, sofort ins Bett zu verschwinden, dem ist nicht mehr zu helfen. Er mag ruhig weiter nächtens durch die entsprechenden Kanäle zappen, öde Videos und Sexchannels begaffen und die Telekom (via 190er Nummern) bereichern.

Alois Hallner: Ja, Lachesis. Nahezu klassische österreichische Pornographien. Klagenfurt und Wien, Ritter-Verlag, 2001

Arne Hoffmann: Dirty Talking. Berlin, Schwarzkopf und Schwarzkopf, 2002

Konkursbuch 40. Alter. Tübingen, 2002

Anja Müller: Sechzig +. Erotische Fotographie. Tübingen, Konkursbuch-Verlag, 2002

00:00 16.05.2003

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