Vollständig in Feindesland

Wunschbild Der Lehrer ist ein gern gescholtenes Subjekt. Doch die Vorstellung, die dahinter steht, verfehlt ihren Gegenstand auf eklatante Weise. Ein Essay über den Bildungsdiskurs als ideologische Form

Deutsche Lehrer sind zu hoch bezahlt, benoten nach sozialen Vorurteilen, weigern sich, Weiterbildungsveranstaltungen zu besuchen und sorgen so für PISA-, IGLU- und sonstige Katastrophen. Kaum eine andere Berufsgruppe - von Politikern und Funktionären einmal abgesehen - taucht in den Medien seit einiger Zeit mit ähnlich verlässlicher Regelmäßigkeit auf wie die Lehrer. Die immer neuen Schreckensmeldungen transportieren noch eine andere, zweite Botschaft. Sie lautet ungefähr folgendermaßen: Die Wünsche, die man doch gerechterweise als Eltern, Bildungspolitiker, engagierter Bürger oder Schüler auf Lehrer richten kann, prallen an ihnen ab, weil sie allesamt aus einem fernen Jahrhundert stammen oder doch zumindest geistig in den sechziger Jahren stecken geblieben sind. Statt für die Verbesserung des Unterrichts und zusätzliche, die Schüler emotional einbindende Unternehmungen engagieren sie sich für abfragbares Wissen, Leistungsmessung und die Sicherung ihrer Pensionen. Und als Gegenbilder werden zuweilen in den Medien die wenigen Vorauseiler gerühmt, ehrgeizige, reformorientierte Staatsschulen, die beweisen, dass es auch ohne die große Reform bereits anders geht. Umso enttäuschender erscheint da die Masse der Lehrer. Im Bildungsdiskurs geistern deshalb auch Ideen umher, dem Unterricht dieser blassen Durchschnittsversager vermittels Evaluationen aufzuhelfen.

Mir scheint hier das Bild und damit wohl auch das Wunschbild des Lehrers auf merkwürdige und eklatante Weise seinen Gegenstand zu verfehlen. Kaum ein Lehrer erfüllt gegenwärtig noch ein solches Horrorbild. Wir haben es inzwischen mit Lehrergenerationen zu tun, die selbst nicht autoritär ausgerichtet sind, und sich schwer damit tun, Leistungen von Schülern einzufordern. Sie müssen sehr lange, über Jahre hin üben, die entsprechende Einstellung - in der Lehrerausbildung kurz "die Lehrerrolle" - zu verinnerlichen und in Handlungsroutinen umzusetzen. Die Vorstellungen, die Lehrer für gewöhnlich zu Anfang ihrer Berufstätigkeit hatten, verschwinden dennoch im Laufe der Jahre nicht, und diese Vorstellungen kreisen immer um das gute Unterrichten. Deshalb verfügen selbst völlig durchschnittliche Lehrer inzwischen über ein recht breites methodisches Repertoire und versuchen sich auch an Methoden und Konzepten, die sie nicht unbedingt bereits aus ihrer Ausbildungszeit kennen. Sie bewältigen dies selbstständig und aus eigenem Antrieb, denn Unterricht muss für jede neue Gruppe ohnehin neu arrangiert werden, und Lehrer sind dafür ausgebildet, sich und ihren Unterricht zu organisieren und für ihre Unterrichtsziele, die nur sie konkret festlegen und verfolgen können, einzurichten. All das gehört zum Aufgabenbereich eines Lehrers, darüber hinaus ein gewisses Maß an Erziehungsarbeit und schließlich die Leistungsmessung und -beurteilung. Diesen höchst durchschnittlichen Lehrern, die ich hier beschreibe, gelingt es, dem sehr komplexen Gefüge, das Schule darstellt, zum Leben zu verhelfen, und sie tun dies vergleichsweise klaglos trotz schmäler werdender Ressourcen. Wenn ich diese durchschnittlichen Lehrer betrachte, bleibt eigentlich nur ein verschwindender Anteil der Lehrerschaft übrig, auf den das abschreckende Bild, das im Bildungsdiskurs gemalt wird, zutreffen könnte. Der Durchschnittslehrer wird dagegen zu Unrecht verstört darüber grübeln, was er um Himmels willen bisher eigentlich falsch gemacht haben könnte.

Kommen wir noch einmal auf die Art der Arbeit zurück, die Lehrer leisten müssen. Ich will an dieser Stelle nicht vorrechnen, wie lange es dauert, in den verschiedenen Schulstufen einen Deutschaufsatz zu korrigieren, ganz zu schweigen von den vorbereitenden Textprodukten, die gelesen und einzeln kommentiert werden müssen. Es soll mir hier also nicht um die Quantität gehen, sondern um eine spezifische Qualität. Die Arbeit, die Lehrer in durchschnittlicher Güte für ihr Gehalt zu leisten haben, zeichnet sich vor allem durch ein kaum glaubliches Maß an Selbstständigkeit aus. Menschen, die sich mehr Vorschriften wünschen, um im didaktischen oder pädagogischen Umgang mit ihren Schülern stärker entlastet zu sein, scheitern in diesem Beruf sehr schnell. Ein Lehrer hält sich umso besser in seinem Beruf, je geschäftiger er den gegebenen rechtlichen und unterrichtlichen Rahmen stetig mit herzhaften Entscheidungen auffüllt. Die Entscheidungsnotwendigkeiten reichen vom diskreten Kopfnicken für gute Beiträge über die rasche Erziehungsmaßnahme bis zur behäbigen Jahresplanung. Die Entscheidungsdichte im Unterricht ist mit derjenigen der Fluglotsentätigkeit vergleichbar, weil Schüler selbst in Konfliktsituationen nicht ohne Orientierung bleiben dürfen. Die Einsamkeit dieser Entscheidungswelt muss ein Lehrer ertragen können. In der Lehrerausbildung wird deshalb von den Kandidaten gern "Selbstbewusstsein" und "Authentizität" gefordert, meist allerdings ohne dass verraten würde, auf welche Weise eine solche Innenausstattung herbeigeführt werden kann.

Es ist nämlich mit dem Selbstbewusstsein so eine Sache. Selbstverständlich kann sich ein fordernder Ausbilder, Schulleiter, Elternteil oder Bildungsminister auf den Standpunkt stellen, dass sein Wunschbild eines Lehrers inklusive Selbstbewusstsein von unserm Durchschnittslehrer in individuellen Kraftakten umgesetzt wird. Der Besuch von entnervenden Weiterbildungsveranstaltungen, während derer entweder Unterricht ausfällt (vormittags) oder Unterricht nicht vor- beziehungsweise nachbereitet werden kann (nachmittags), kann zur wunschgemäßen Verwandlung unseres Durchschnittslehrers da nur ein Anstoß sein. Die Verwirklichung muss er, respektive sie, ganz alleine bewältigen, sie muss mit individuellem Leben erfüllt werden. Ist das überhaupt möglich, wenn sich dieser Lehrer permanent in Frage gestellt sieht? Wenn die Ausgangspunkte immer mit der Erhöhung von Druck gekoppelt sind? Wenn nichts anderes erzeugt wird als Verunsicherung? Die ach so erwünschten Evaluationen werden nichts anderes bewirken, als dass die Sorgen Energien aufsaugen und Ängste täglich und stündlich das Unterrichtsgeschäft torpedieren, das doch nur funktioniert, wenn sich der Lehrer seiner sicher fühlt. Selbstbewusstsein aber kann man nicht befehlen. Es wird durch die Situation ermöglicht. Lehrer, die von allen Seiten in Frage gestellt werden, werden sich brav auch selbst in Frage stellen. Ein Lehrer allerdings, der sich dieser Infragestellung unterwirft, muss notwendigerweise bei seinem Geschäft zu versagen beginnen. Der Klotz, der sich als immun erweist, bleibt dagegen arbeitsfähig. Welche Art von Lehrer wünschen sich die Forderer denn nun eigentlich? Den arbeitsfähigen Klotz oder den sensiblen Krankenständler? Naturgemäß wünschen sich alle den arbeitsfähigen Sensiblen. Mit dem modernen Wundermittel der Evaluation werden sie ihn aber gewiss nicht bekommen.

Schon längst sind die Lehrer unter Druck gesetzt, auch ohne die individuelle Evaluation. In einem fort mit den großspurigen Ansprüchen aus der politischen Sphäre konfrontiert, kombiniert mit Deputatserhöhungen, Streichungen für Stundenausgleiche (zum Beispiel für Klassenlehrerfunktionen, Arbeitsgruppenleitungen), werden Lehrer in einem Maße verletzlich, dass sich Elternanfragen und traditionelles Schülermurren zu Existenzangriffen vergrößern können, zumal sie gegenwärtig gern unter dem Deckmantel pädagogischer Wünsche daherkommen. Beginnt dazu noch ein Schulleiter bei Einzelfragen in den unterrichtlichen und erzieherischen Aufgaben der Lehrer einzugreifen, wozu er sich durch Formulierungen im Schulgesetz (zum Beispiel in Berlin) ermuntert fühlen kann, ohne berechtigt zu sein, dann wird ein Lehrer sich vollständig in Feindesland fühlen müssen. Und diese Einschätzung ist eine realistische, nüchterne - keineswegs eine subjektive Fehlleistung. Diese Gefühle können nur zum Erlahmen der Handlungsfähigkeit führen.

Das Problem der Leistungsbeurteilung übrigens, zu der Lehrer verpflichtet sind, sorgt dafür, dass die Widersprüche einen Schärfegrad erreichen, der selbstzerstörerisch wirkt. Weil Lehrern einerseits die Leistungsbeurteilung - ein staatlicher Hoheitsakt, der mit Behördenbescheiden vergleichbar ist -, andererseits die didaktisch-methodische Zubereitung von anspruchsvoll daherkommenden Lehr- und Rahmenplänen abverlangt wird, müssen sie in einem ständigen Drahtseilakt zwischen hochfliegender Papierform und ernüchternder Wirklichkeit vermitteln. Endlose Energien werden nur durch Rechtfertigungen verschlungen, nicht allein durch solche nach außen (Eltern, Schülern, Schulleitern gegenüber), viel mehr wohl noch durch die inneren. Nicht wenige Lehrer versuchen, sich aus diesen Konflikten zu retten: durch Krankheit, Frühpensionierung, Abschottung, freundliche Notengebung. So schützen sie sich davor, dass man ihnen die Fünfen und Sechsen ihrer Schüler als persönliches Versagen im Methodischen oder als unpädagogische Vorgestrigkeit anrechnet. Wirksam werden diese Konflikte in der gegenwärtigen Bildungshysterie, weil sie nicht mehr ausgesprochen werden dürfen. Es ist wie bei der Geschichte von Hase und Igel: der Versagensdiskurs ruft sein "Ich bin allhier", lange bevor unser Durchschnittslehrer eine Konfliktanalyse wagt. Denn Zeit dafür hat er ohnehin nicht, mit vor wenigen Jahren gemessenen durchschnittlichen 1.900 Arbeitsstunden im Jahr, schlappen 200 mehr als bei anderen Arbeitnehmern.

Wir alle wissen, dass die Wochendeputate erhöht wurden, wir wissen, dass zum Beispiel in Berlin die Gehälter gekürzt wurden, wir wissen, dass Schulen schon lange nur mehr eine Stundenbedarfsdeckung von 100 Prozent haben, anstatt früheren 110 Prozent oder 115 Prozent, das heißt, es gibt weniger Kräfte für die kleinen Extras, es entfallen mehr Vertretungsstunden auf den einzelnen Lehrer, und so soll für immer weniger Geld immer mehr und besserer Unterricht geleistet werden. Der hehre Bildungsdiskurs als ideologische Form zielt zusammengenommen mit diesen schlichten Realitäten doch wohl vor allem auf eins: Kosten abzusenken durch verbesserte Ausbeutung der Lehrerarbeitskraft. Mit der Individualisierung der Probleme auf die angeblichen Fähigkeiten und Unfähigkeiten von Lehrern gibt es zwar die Verwohlverfeilung dieser Lehrerarbeitskraft, aber noch lange keine Verbesserung im Schulbetrieb. Indessen bereitet die gegenwärtige Bildungshysterie den Boden für einen Schulalltag, in dem nichts mehr funktioniert, Schikane und Geldmangel tarnbar sind durch den zur Zeit spottbilligen Hinweis auf versagende Lehrer und in dem diese Lehrer zugleich sinnlos verschlissen werden. Das Wunschbild vom Lehrer als freundlichem Berater, der seine Schüler individuell unterstützen kann, verlangt hingegen nicht so sehr ein ominöses "Engagement" eines Ideallehrers, sondern vielmehr ganz konkrete Zeit - Zeit, die im öffentlichen Dienst offenkundig niemand mehr bezahlen will und die der öffentliche Diskurs Lehrern, den Faultieren der Nation, als Allerletztes zugestünde.

Dr. Ursula Enderle ist Linguistin, hat Staatsexamen in den Fächern Latein und Deutsch und hat die Lehrerlaufbahn verlassen. Heute arbeitet sie als freie Lektorin.


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00:00 25.03.2005

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