Vollstrecker des Propheten

TÜRKEI Die "Hizbollah" und der Krieg mit der PKK - mordete die islamische Geheimorganisation zuweilen mit staatlicher Order?

Innerhalb von sieben Tagen hat die türkische Polizei die Leichen von 33 Menschen gefunden, die während der vergangenen Jahre spurlos verschwunden waren. Ausnahmslos Opfer einer Geheimorganisation, die sich Hizbollah nennt und vorgibt, aus religiösen Motiven gehandelt zu haben. Dabei häufen sich Indizien für eine Kollaboration mit staatlichen Behörden. Offenbar war die Hizbollah Handlanger im Krieg mit der PKK und konzentrierte sich auf kurdische Unternehmer, die im Verdacht standen, Abdullah Öcalan zu unterstützen.

Man stelle sich einen Geheimbund vor, der seit mindestens neun Jahren die schwersten Verbrechen begeht, dessen ausgeklügelte Struktur der eines Geheimdienstes gleicht und der seine Spione bis ins Amt des Ministerpräsidenten zu schleusen versteht - dann aber durch einen Fehler auffliegt, der normalerweise nicht einmal einer dilettierenden Amateur-Gang unterläuft. Wohl aber dem Ilim-Flügel der gerade enttarnten türkisch-kurdischen Hizbollah. Offenbar bedenkenlos verwendeten Hizbollah-Aktivisten Kreditkarten von ihnen entführten islamisch-kurdischen Geschäftsleuten für private Einkäufe. Zum Verhängnis wurde ihnen schließlich der Erwerb zweier Stahltüren, die man sich direkt zu einer Villa im Istanbuler Stadtteil Beykoz liefern ließ. Geradezu eine Einladung zum Tag der offenen Tür an die Polizei. Als die kam, traf sie auf den Führer der Hizbollah Hüseyin Velioglu und zwei seiner Komplizen. Velioglu starb bei einem mehrstündigen Feuergefecht - die anderen ergaben sich. Im Haus fanden sich zahlreiche Dokumente über die Hizbollah, größenteils auf Disketten gespeichert.

Eine Erklärung für diesen eklanten Widerspruch, einerseits jahrelang als geheime Feme-Organisation - möglicherweise mit staatlicher Billigung - Todesurteile zu vollstrecken, andererseits unfähig zu sein, elementare Formen der Tarnung einzuhalten, muss in der Geschichte der Hizbollah gesucht werden.

Unter den Kurden in der Türkei entstanden in den achtziger Jahren verschiedene Gruppierungen dieser Bezeichnung. Die bei weitem wichtigsten wurden nach zwei religiösen Buchläden in Diyarbakir als Menzil (Rastplatz) und Ilim (Wissen) bezeichnet. Hüseyin Velioglu, Führer von Ilim, wurde 1952 nahe dem kurdischen Erdölzentrum Batman geboren und studierte gleichzeitig mit Abdullah Öcalan in Ankara an der politikwissenschaftlichen Fakultät. 1979 versuchten rechte Kreise mit Hilfe der Armee Velioglu, den man pro forma bei einer Tankstelle arbeiten ließ, zum Vorsitzenden der Gewerkschaft der Erdölarbeiter in Batman zu machen, was trotz vieler Einschüchterungsversuche am Widerstand linker Gewerkschafter scheiterte.

Die später entstandene Ilim stützte sich - ähnlich wie die kurdische Arbeiterpartei PKK - vorzugsweise auf die ärmeren Schichten der Gesellschaft, während sich Menzil mehr auf Intellektuelle orientierte. Zwischen beiden Gruppierungen kam es in den achtziger Jahren zu blutigen Zusammenstößen - ebenso seit Mai 1991 mit der PKK. Velioglus Leute begannen, jeden zu töten, den sie der Sympathie mit Öcalan verdächtigten - Schätzungen zufolge starben so bis zu 2.000 Menschen.

Die PKK revanchierte sich mit Bombenanschlägen auf Teehäuser, in denen sie Anlaufstellen der Hizbollah vermutete. Gleichzeitig jedoch versuchte die Partei, religiösen Kreisen entgegenzukommen, indem sie für ihre Anhänger ein allgemeines Alkoholverbot erließ und Händler massiv bedrohte, die Alkohol verkauften. Ein Teil der Hizbollah suchte nun tatsächlich nach einem Ausgleich mit der PKK - nicht jedoch Velioglu. Es gibt viele Indizien dafür (und ist auch kaum anders vorstellbar), dass er seinen Kampf mit Duldung, ja sogar direkter Unterstützung durch die Sicherheitsorgane fortsetzte.

Ins Fadenkreuz der Fahndung geriet die Hizbollah offenbar erst, seit die PKK - nicht zuletzt durch den Prozess gegen Öcalan - zurückgedrängt werden konnte. Die jahrelange Kollaboration der Hizbollah mit den türkischen Behörden verlor augenscheinlich an Wert. Verbindungen übrigens, die auch jenen merkwürdigen Leichtsinn erklären, mit dem die Geheimliga jahrelang unbehelligt operieren konnte. Sie hatte schlicht und einfach von der Polizei nichts zu befürchten.

Unklar bleibt indes, was die Hizbollah mit ihren letzten Entführungen und der Ermordung islamischer Geschäftsleute beabsichtigte. Zwar benutzte man deren Kreditkarten, andererseits waren die Opfer so eindeutig aus einem bestimmten islamischen Spektrum ausgewählt, dass die Vermutung naheliegt: Es ging weniger um Geld als um politische oder religiöse Differenzen. Festzustehen scheint das bei der einzigen Frau, die bisher unter den geborgenen Toten identifiziert wurde - der islamischen Feministin Konca Kuris. Ihr Lebensweg zwischen Feminismus und Islam ist so bemerkenswert, dass es sich lohnt, vor allem dieses Opfer der Hizbollah zu würdigen. Konca Kuris wurde nach ihrer Eheschließung im Alter von 16 Jahren von ihrem Schwiegervater gezwungen, das islamische Kopftuch zu tragen. Erst wehrte sie sich, dann aber begann sie, den Islam zu verinnerlichen und schloss sich einem Scheich des Nakschibendi-Ordens an. Nach anderthalb Jahren allerdings, wuchs die Abneigung gegenüber dessen religiöser Despotie. Als Begründung erklärte sie: "Die Leute essen, was der Scheich ihnen vorsetzt und manche kippen sich auch noch die Salatsoße über den Kopf."

Konca Kuris, Mutter von vier Kindern, die zusammen mit ihrem Mann ein Konfektionsgeschäft betrieb, beschäftigte sich nun im Selbststudium mit Theologie und versuchte, die Auffassungen des Islam über die Rechte der Frauen zu ergründen. Sie studierte den Koran und bestritt einige der zahlreichen, außerhalb der Heiligen Schrift überlieferten Taten und Worte des Propheten. "Das kann mein Prophet nicht gesagt haben und wenn er es gesagt hat, so kann er nicht mein Prophet sein", so und ähnlich argumentierte sie. Obwohl Konca Kuris selbst ein Kopftuch trug, bestritt sie die Forderung des Koran, wonach Frauen ihren Kopf zu bedecken hätten. Sie wehrte sich auch gegen einige Bräuche, die sie vor allem als Zeichen für die Demütigung der Frauen begriff. Sie stritt besonders für das Recht der Frauen, beim Totengebet zusammen mit den Männern vorn am Sarg stehen zu dürfen. "Wir haben den gleichen Schmerz", sagte sie.

Die Medien begannen die Einzelkämpferin als Sensation zu entdecken. Konca Kuris merkte dies wohl, nahm es aber in Kauf, um mit ihrem Interviews mehr für die Frauen erreichen zu können, obwohl sich die Drohungen - auch aus Deutschland - häuften.

Nachdem die 38-jährige islamische Feministin vor 18 Monaten von der Hizbollah entführt worden war, widerstand sie 35 Tage lang Folter und Gefangenschaft, dann "lobte" sie während einer Video-Aufzeichnung die Hizbollah. Sie hatte keine andere Möglichkeit, aber auch das Video verhieß keine Rettung. Man verstopfte ihr Nase und Mund, so dass sie erstickte. - Als jetzt während ihrer Beerdigung das Totengebet für Konca Kuris gesprochen werden sollte, verhinderte ihr Schwiegervater, dass sich einige Frauen - darunter ihre Tochter - auch neben den Sarg stellen konnten, der Imam und die Polizei halfen ihm dabei. Nur Koncas Tante Necla Ölcer ließ sich nicht abdrängen.

00:00 28.01.2000

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