Volxküche, segensreiche

Berliner Abende Es war Sommer, als ich mich zum ersten Mal zögerlich einer Volxküchen-Verköstigung näherte. In der Oranienburger Straße saßen jüdische Mitbürger auf ...

Es war Sommer, als ich mich zum ersten Mal zögerlich einer Volxküchen-Verköstigung näherte. In der Oranienburger Straße saßen jüdische Mitbürger auf derselben, um Möllemann zu stoppen, und eine Parteifeindin behauptete öffentlich, die 18 des gleichnamigen Projekts sei nichts anderes als der Code: 1 für A und 8 für H. An diesem hochgeputschten Abend betrat ich die Wagenburg "Laster und Hänger", eine Burg von andernorts vertriebenen Romantikern der versunkenen Alexandra-Zigeunerjunge-Epoche, die da - 25 Wagen hoch - auf einer Kriegsbrache an der Revaler Straße ihre Träume von viel Abenteuer bei wenig Unkosten verwirklichen. Ein Ort der Ruhe und Entspannung. Am Eingang warfen sich junge Frauen unter der Anleitung versierter Lehmbauer Batzen zu, aus denen ein neuer Backofen geformt wurde. Auf mehreren von Holzpaletten gestützten Ebenen saßen Gruppen und Pärchen die abwechselnd sich und dann ihre Hunde kraulten, tranken, rauchten und bei Anbruch der Dunkelheit von der Mouchette Truppe aus dem Kinomobil der "legendären Gruppe Kaliber 35" mit Kurzfilmen zum Thema "typisch deutsch" verwöhnt wurden. Da konnten sie besichtigen wie es wird, wenn das hier vorbei ist: Polstermöbel, Ziertische, Kristallpokale und Porzellan, Messer und Gabel und die Ellenbogen vom Tisch! Es war schön. Nur mit der allgemein gelobten Volxküche hatte es nicht geklappt. Schnell waren die Frühlingsrollen der Anrainerasiaten aufgekauft und zum Einkaufspreis weitergegeben worden. Und die waren schon weggefressen.

Die Volxküchen sind aus dem Kantinen- und dem Kiezkantinenwesen des Ostens in die "Subkultur" gewandert. Ein freier Autor sieht sich heute angesichts der in den Redaktionsstuben herrschenden Panik mit ihren Auswirkungen auf Titel, Thesen, Temperamente, gar Charaktere, vor existenziellen Problemen. Kann er es sich noch leisten, an jenem gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, über das er berichten soll? Und wandert mit. Mittwochs also Laster Hänger. Dienstags RAW-Tempel, weiter vorn in der Revaler, an der Warschauer Straße. Der RAW-Tempel e.V. hat sich 1998 gegründet, um Tag und Nacht die Kultur zu fördern, durch "Zwischennutzung, Wiederbelebung und Entwicklung der DB-Brache des ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerkes (RAW!) Franz Stenzer". Ein mächtiges Gelände mit einer Vielzahl von denkmalgeschützten Gebäuden und Hallen, die seit 1994 vergammeln. Und darin jetzt aufs Verführerischste gestaltete Orte künstlerischer und soziokultureller Nutzung. Wie ein langgestreckter Weihnachtskalender mit vielen farbigen Fensterchen und illuminierten Durchbrüchen liegt er im Dunkel. Zwischen Pflasterresten und Schlamm winken Rostskulpturen und erschrecken schwarze Männer, die, bis zum Augenblick der Karambolage in die Nacht geschlagen, von der Hip-Hop-Schulung kommen. Und seit einem halben Jahr Volxküche. Wobei man hier diesen Begriff nicht gern hört. Ein als Hochlandperuaner verkleideter Sachse, der etwas abseits Quark-Bälle, nicht Quarggäulsche, verkauft, deutet einen gewissen Mangel an Qualität und Sorgfalt bei div. Volxküchen an. Hier jedoch, im "Ambulatorium" - Verzauberung. Und man kann dem guten Koch nur zustimmen, der von einer Verbindung von Hör-Seh- und Gaumengenuss, von einem Gesamtkochwerk spricht, das er hier für drei Euro an das strömende alternativautonomkünstlerische Publikum bringt. Das Ambulatorium kann man sich wie das Baumhaus von Tarzans Jane vorstellen, in künstlerischer Bearbeitung oder Trash-Version. Wilde Gemütlichkeit oder umgekehrt. Der gute Koch hat hier schon in Spargel gearbeitet, in frischen Erdbeeren und heute brilliert er mit einem Steinpilzfisch-Süppchen, das so bezwingend riecht, dass ich Skrupel bekomme, den sich reihenden Bedürftigen die Köstlichkeit wegzuschlabbern. Als dann auf der Leinwand zu gaumenmassierender Ambient-Musik das Essen durch sein blaues, nasses Element zu schwimmen begann, war Vollkommenheit erreicht. Ich beließ es im Schutze der Dunkelheit bei Quarkbällchen. Ich übe noch, nähere mich an. Es ist alles präventiv.

Und am gleichen Ort gibt es an wechselnden Abenden "Kinosuppe", aus dem alten Pantoffelkino ums Eck entwickelt. Ein fetter Film plus ein sämiges Süppchen für vier Euro! Die Pantoffeln muss man mitbringen.

Bandito Rosso ginge am Freitag, samstags Brunnenstraße 183, mittwochs beißt sich´s mit Supamolly und Schreiners Kneipe, alles so zwischen zwei und drei Euro, Montag oder Donnerstag Thommy-Weißbecker (Fahrgemeinschaft bilden!) und zum Sonntagsbrunch über die Brücke nach Kreuzberg ins Köpi.

Wird schon klappen.

00:00 18.10.2002

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