Vom Aussterben bedroht

Deutschsprachige Zeitungen im Ausland Eine Lese-Reise von Paraguay über Rumänien bis nach Sibirien

Vielleicht wäre alles ganz anders gekommen, wenn Deutsch die Amtssprache der USA geworden wäre. Noch immer hält sich ja hartnäckig diese Legende, wonach bei einer Abstimmung im US-Kongress die deutsche Sprache der englischen nur um eine Stimme unterlag. Tatsächlich hat es diese Abstimmung nie gegeben, sie ist nur ein Gerücht, wie jenes, dass Deutsch eine Weltsprache sei. Was nicht heißt, dass in der Welt kein Deutsch gesprochen würde. Und gelesen.

Im nicht-deutschsprachigen Ausland erscheinen derzeit etwa 300 Tages- und Wochenzeitungen - von A wie Aktuelle Rundschau in Paraguay bis Z wie Zeitung für Dich im Slawgorodschen Sibirien.

Zählt man gar jede Vereinsmitteilung und Gemeindepostille mit, die teilweise sehr unregelmäßig erscheinen, gelangt man nach Angaben der Internationalen Medienhilfe (IMH) auf über 3.000 deutschsprachige Publikationen außerhalb des deutschen Sprachraumes. Noch jedenfalls - zeigt sich auch anhand dieser Zeitungen: Die deutsche Medienkrise wirkt weltweit.

Um es kurz zu sagen, es geht ihnen schlecht. Die meisten Zeitungen von Sao Paulo bis St. Petersburg könnten ohne zusätzliche materielle oder finanzielle Unterstützung im Rahmen des Minderheitenschutzes oder der Internationalen Medienhilfe oder des Instituts für Auslandsbeziehungen längst nicht mehr überleben. Nicht wenige werden wohl aufgrund der schwindenden Leserschaft in den kommenden Jahren vollständig eingestellt. Was ist eine Zeitung ohne Leser, was eine Zeitung, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit erscheint?

Am deutlichsten ist der Leserschwund für deutsche Medien in Russland und den GUS-Staaten. Von einstmals etwa vier Millionen Russlanddeutschen sind unterschiedlichen Schätzungen zufolge nur noch zwischen 800.000 und eine Million auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion geblieben - und die meisten von ihnen haben keine oder nur noch rudimentäre Deutschkenntnisse.

Umso erstaunlicher, dass sich zwischen Sibirien und Kaliningrad noch immer fast zwei Dutzend deutsche Zeitungen halten können - unter ihnen so traditionsreiche Titel wie die St. Petersburger Zeitung, die - mit einer 75-jährigen Unterbrechung nach dem Ersten Weltkrieg - seit 1729 produziert wird, inzwischen allerdings nur noch monatlich mit einer Restauflage von etwa 7.000 Exemplaren erscheint. Mit wöchentlich 42.000 Stück findet die Moskauer Deutsche Zeitung weit mehr Verbreitung. Weil sie im wöchentlichen Wechsel auf deutsch und russisch erscheint, ist sie nicht nur für deutsche Geschäftsleute sondern auch für Russlanddeutsche interessant. Und weil sie neben Nachrichten aus Politik und Wirtschaft auch Kulturtipps für den Moskauer Raum veröffentlicht, wird sie auch von Touristen gelesen.

Die über 40 Millionen Deutschen, die jedes Jahr ins Ausland reisen, geraten zunehmend ins Visier deutschsprachiger Zeitungen. Zwar gibt es Bild längst auch in Palma, doch steht da nicht drin, wo abends die Musik spielt.

Ob Mallorca Magazin oder Riviera Côte d´Azur Zeitung, ob Costa Blanca Nachrichten oder Balaton Zeitung - es sind vor allem Neugründungen, die sich an die Touristen wenden, mit lokalen News, Restauranttipps und ausführlichem Immobilienteil. Da empfiehlt sich "Ihr Deutscher Meisterbetrieb", die "Deutsche Arztpraxis" und "Michaela, deutsch, blond, sympathisch".

Nach Rumänien fahren lange nicht so viele Deutsche und jene, deren Vorfahren sich seit dem 13. Jahrhundert vor allem in Transsylvanien niedergelassen hatten, sind mittlerweile zum Großteil zurück in der Ur-Heimat. Von den 300.000 Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben, die 1989 noch in Rumänien lebten, sind nach der letzten offiziellen Volkszählung gerade einmal 60.000 übrig geblieben. Deutlich weniger als die bis 1993 erschienene Zeitung Neuer Weg in seligen Zeiten Auflage machte: 70.000 nämlich. Vor zehn Jahren musste sie deshalb mit mehreren kleineren Blättern zur Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien (ADZ) fusionieren. Emmerich Reichrath, Chefredakteur der in Bukarest erscheinenden ADZ hält die derzeit 3.500 Exemplare mit geschätzten 17.000 Lesern für das maximal Erreichbare.

Doch noch immer ist die ADZ die einzige deutschsprachige Zeitung in Osteuropa und eine der wenigen weltweit, die täglich erscheint. Neben der Allgemeinen Zeitung, der ältesten Zeitung Namibias, und dem Grenz-Echo für die deutschsprachige Minderheit in Ostbelgien, sind alle anderen deutschsprachigen Publikationen Wochen- und Monatsmagazine. Doch was nützt dem Chef in Bukarest dieser Ruhm. Die Technik ist veraltet, das Blau im Titel matt, die Fotos grau und grob. Leser fehlen, Geld sowieso. Schon jetzt bestehen die Ressorts seiner Zeitung praktisch nur noch aus dem Leiter, speisen sich Artikel vor allem aus Sekundärquellen lokaler Informanten und werden viele Beiträge aus rumänischen Tageszeitungen oder von der dpa übernommen. Inzwischen stellt sich auch den Kollegen die Frage, ob man nicht auf wöchentliche Erscheinungsweise umstellen sollte.

Banater Zeitung und Karpaten Rundschau haben diesen Schritt bereits Anfang der neunziger Jahre getan und liegen der ADZ nur noch als Supplement bei. Da erfährt man dann im Aufmacher, dass die Schwarzfahrer von Temesch nicht die gerechte Strafe zahlen, sondern lieber die Kontrolleure bestechen und dass die alten Schutzhütten in den Karpaten der Reihe nach abbrennen. Den Berichten örtlicher Brauchtumsfeste, in denen es von "Für viele ein unvergessliches Erlebnis" nur so wimmelt, wird viel Platz eingeräumt. Auf der letzten Seite wird im Dialekt der Schwaben beispielsweise "tie Gschicht vun unserm jungen Schtudenten, ter von tere Militär grufen is wordn" erzählt, der schon am ersten Tag dort spürte, "tass do ee richtiche Schwowe-Hand fehlt, for werklich Ordnung mache".

Nur gibt es nicht mehr viele Schwaben-Hände in Rumänien. Und weil die große Ausreisewelle fast ausschließlich ältere Menschen hinterließ, steht es um die Zukunft deutscher Zeitungen nicht sonderlich gut.

Das im siebenbürgischen Sibiu herausgegebene Wochenblatt Hermannstädter Zeitung musste seine Jungendbeilage nach anfänglichen Erfolgen mangels Interesse wieder einstellen. Weil stattdessen aber ein Teil der ausgewanderten Siebenbürger auch in der neuen Heimat wissen möchten, wie sich der deutsche Bürgermeister macht, wie die Sanierung der Altstadt vorangeht und wie viele Hermannstädter im vergangenen Jahr vom Hund gebissen wurden, wird ein großer Teil der wöchentlich etwa 2.000 Stück umfassenden Auflage inzwischen nach Deutschland expediert.

Das ist kein Einzelfall. Ob Brasil Post, Moskauer Deutsche Zeitung oder die paraguayische Aktuelle Rundschau - viele Verlage versuchen der schwindenden Leserschaft in ihren Heimatländern durch Abo-Expansion in Deutschland zu begegnen. Der Aufbau, 1934 in New York als deutsch-jüdische Emigrantenzeitung gegründet und die wohl renommierteste aller deutschsprachigen Zeitungen, ist vor einem Jahren den wohl radikalsten Schritt gegangen und hat in Berlin eine Außenstelle der Redaktion errichtet - und dadurch ein Drittel der 2.000 Abonnenten in Deutschland hinzugewonnen.

Zwar finanziert sich der Aufbau hauptsächlich durch professionelles Fundraising, aber auch die anderen in Amerika erscheinenden deutschsprachigen Zeitungen befinden sich verglichen mit dem Rest der Welt in einigermaßen sicheren finanziellen Fahrwassern. Einige wie die Amerika Woche steuern gar auf Expansionskurs. Das mag auch daran liegen, dass heute etwa 41 Prozent der Amerikaner angeben, deutsche Wurzeln zu haben. Vielleicht erklärt das auch, weshalb in den USA und Kanada 1890 über 800 deutsche Zeitungen gezählt werden konnten. Heute sind es immerhin noch 28. Und vielleicht wäre ja alles ganz anders gekommen, wenn Deutsch die Amtssprache der USA geworden wäre.

00:00 13.06.2003

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