Vom Dauerzündfunken kochmuldengeschädigt

Erfahrungsaustausch Es ist nicht einfach, eine Selbsthilfegruppe in Sachen Gasherd zu gründen

"Wir haben Unmengen von Streichhölzern verbraucht und deshalb haben wir uns jetzt so einen Gasanzünder mit Feuerstein gekauft, wie ihn meine Mutter benutzt hat. Den gibt es nur noch in einem einzigen Geschäft hier." Fritz Bilz führt grinsend das vorsintflutliche Gerät vor, mit dem er die vier Kochfelder seiner Küppersbusch Gas-Glaskeramik-Einbaukochfläche per Hand entzündet. Eigentlich, und das ist das Problem, entzünden sich moderne Gaskochplatten auf Knopfdruck. In den knapp vier Jahren jedoch, in denen das Kölner Ehepaar Brigitte und Fritz Bilz seine Glaskeramik-Einbaukochfläche besitzt, zeichnet sich das Gerät durch einen immer wieder auftretenden eigenartigen Fehler aus: Es klickt ununterbrochen vor sich hin, mit dem Geräusch, mit dem es sich eigentlich selbst entzünden soll. Dieses nervtötende Klicken lässt sich nur durch Ausschalten der Stromkreissicherung abstellen. Und zum Anzünden müssen Streichhölzer her oder eben jetzt der Gasanzünder. Dreimal ließen die Bilzens bislang einen Monteur kommen, das erste Mal noch während der Garantiezeit, das zweite und dritte Mal mussten sie die Reparatur natürlich bezahlen. Dreimal aber trat das Phänomen nach kurzer Zeit wieder auf.

Der Zündfunke zündet auch derzeit wieder permanent. Fritz Bilz aber ist ein selbstbewusster Verbraucher. Er schrieb an den Hersteller: "Es muss sich meiner Meinung nach bei Ihrem Produkt um eine Fehlkonstruktion handeln. Ich bin nun nicht mehr bereit, für die Reparatur weiteres Geld auszugeben. Man kann somit Ihr Fabrikat, da es unzuverlässig ist, nicht empfehlen. Unsere Nachbarn und Bekannten haben Fabrikate anderer Hersteller und sind mit deren Produkten sehr zufrieden. Mir wird wohl nichts anderes übrig bleiben, als so lange mit der Streichholzzündung zu arbeiten, bis eine neue Küche ansteht, um dann auf ein zuverlässigeres Produkt einer anderen Herstellerfirma umzusteigen." Die Firma Küppersbusch antwortete nach vier Wochen im schönsten Bürokratendeutsch: "Einen Konstruktionsfehler wie von Ihnen erläutert müssen wir verneinen." Statt dessen unterstellte man als Ursache "größere, übergelaufene Mengen Flüssigkeit", was "einem nicht bestimmungsgemäßen Gebrauch des Gerätes" gleich komme.

Nun sind sowohl der Historiker und Publizist Fritz Bilz als auch die Lehrerin Brigitte Bilz nicht nur begeisterte, sondern auch äußerst versierte Köche, die keinesfalls "größere, übergelaufene Mengen Flüssigkeit" auf ihrem Herd produzieren. Zumal, so der 58-Jährige, "der Dauerfunke nachts aufgetreten ist, lange, nachdem der Gasherd benutzt worden war". Bilz weiß, dass heutzutage für alle Fährnisse des Lebens Selbsthilfegruppen die Lösung sind. Dies teilte er denn auch umgehend dem Küppersbusch-Kundendienst mit: "Gerade Ihre vehemente Zurückweisung lässt in mir den Verdacht aufkommen, dass es weitere Kochmulden-Geschädigte Ihres Hauses gibt. Das lässt in mir die Überlegung aufkommen, durch eine Annonce im Kölner Raum nach weiteren Küppersbusch-Geschädigten Ausschau zu halten."

Die feine Drohung mit der Presse und einem Interessenverband "Küppersbusch-Geschädigter" ließ den Kundendienst diesmal schon nach zehn Tagen antworten und einräumen: "Trotz moderner Fertigungsmethoden und permanenter Qualitätskontrollen lassen sich jedoch vereinzelte Ausfälle nicht ausschließen." Die Reparatur freilich müsse selbst bezahlt werden: "Über eine Kulanzregelung können wir erst nach Feststellung der Schadensursache und der Schadenshöhe entscheiden. Unser Techniker kann Ihnen direkt vor Ort das entsprechende Kulanzformular aus seinem Laptop ausdrucken." Die Vorstellung eines kulanzformularausdruckenden Monteurs samt Laptop sorgte zwar im Hause Bilz für Heiterkeit, der Kundendienstler wurde aber nicht gerufen. "Wir haben einfach die Nase voll davon, zum vierten Mal Geld, egal wie viel, für die Reparatur auszugeben", sagt Bilz. Er wollte nun endlich wissen, ob sein Dauerzündfunkenproblem ein bedauerlicher Einzelfall oder wirklich Folge eines Konstruktionsfehlers ist und "Küppersbusch-Kochplatten-Geschädigte" suchen.

Mit dem Text "Suche Menschen, die auch Probleme mit Küppersbusch- Gaskochplatte haben, zwecks gemeinsamer Interessenvertretung" ging Bilz zur Anzeigenaufnahme des Kölner Stadt-Anzeigers. Der Kölner Stadt-Anzeiger, muss man wissen, gehört mit der Kölnischen Rundschau, dem Boulevardblatt Express und Anzeigenblättern dem Konzern NevenDumont-Schauberg, der damit in Köln quasi das Presse- und Anzeigenmonopol hält. Jetzt begann für Bilz der zweite Teil der Geschichte. Denn kaum hatte die Frau in der Anzeigenaufnahme den Text gelesen, sagte sie: "Das geht aber nicht. Da muss ich meine Vorgesetzte fragen." Herr Bilz möge doch am nächsten Tag um 17.30 Uhr wiederkommen. Der, irritiert, aber noch friedlich, erschien pünktlich. Die Dame in der Anzeigenaufnahme erklärte ihm nun, eine solche Anzeige, in der eine Firma beschuldigt werde, dürfe nicht erscheinen. Sie hielt dabei eine Kopie seines Textes in der Hand und er sah, dass unter seinem Text etwas geschrieben stand. "Zeigen Sie doch mal", sagte Bilz und schon hatte er den Zettel und ging. Wie eine Trophäe wird nun der schriftliche Beweis dafür gehütet, was man im Hause NevenDuMont für publizierbar hält und was nicht. "Hallo Fr. G., m.d.B. um Mitteilung, ob wir diesen Text veröffentlichen dürfen?" steht nämlich dort handschriftlich unter dem Anzeigentext. Und darunter: "Nein! Wenn dann ungefähr so: Suche Besitzer mit Küpp. Gaskochplatte zwecks Erfahrungsaustausch = neutral + Worte wie Probleme (=negativ) bleiben raus. G." (Satzzeichen wie im Original) Dass im Kölner Stadt-Anzeiger "Probleme = negativ" generell "raus bleiben", kann man sonst nicht feststellen, es scheint sich, so Bilz, "wohl eher um das Problem zu handeln, den Anzeigenkunden Küppersbusch nicht mit Problem = negativ in Zusammenhang zu bringen."

Inzwischen machte die ganze Sache dem 58-Jährigen wirklich Spass. Er schlug einen Kompromiss vor: "Suche Besitzer mit Küppersbusch Gaskochplatten zwecks Erfahrungsaustausch und gemeinsamer Interessenvertretung." Kein Wort von "Problem" oder "geschädigt". Doch diesmal gab es nicht einmal eine Rücksprache mit Frau G. Offensichtlich frisch geschult und gestählt lehnte die Anzeigenaufnahme auch diesen Text rundheraus ab. Fritz Bilz hat jetzt eine neue Idee: "Man kann auch über ein Call-Center Anzeigen aufgeben. Ich werde mich mal nach dem Anzeigenschluss erkundigen und dann eine Stunde vorher bei diesem Call-Center die Anzeige aufgeben. Dann haben die vielleicht keine Zeit, noch bei Frau G. nachzufragen. Oder die sind vielleicht nicht über alle Firmen und Worte informiert, die nicht vorkommen dürfen."

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00:00 17.10.2003

Ausgabe 39/2020

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