Vom Glück, im 21. Jahrhundert zu leben

Pest,Pocken,Cholera „Die großen Entdeckungen in der Medizin“ erzählt die jüngere Menschheitsgeschichte
| Ausgabe 17/2013

Es ist ein anhaltendes Glücksgefühl, das die Lektüre der Großen Entdeckungen in der Medizin von William und Helen Bynum begleitet. Gezielte Blutuntersuchungen, verlässliche Fiebersenkung, schmerzfreie Operationen, erfolgreiche Schädelöffnungen – all dies beruht auf Erkenntnissen der Medizin, von denen wir heute selbstverständlich profitieren. Sie stammen aus den vergangenen 200 Jahren. Zuvor muss es furchtbar gewesen sein.

Selbst etwas heute so simples wie Fieber messen stellte die Ärzte früher vor ein technisches Problem. Zwar wusste man bereits in der Antike, dass Fieber ein Krankheitssymptom ist, und Galileo Galilei kannte ein Messgerät, das die Ausdehnung der Luft über Wasser ausnutzte. Doch erst der Physiker Gabriel Fahrenheit (1686 – 1736) und der Astronom Anders Celsius (1701 – 1744) definierten die bis heute verbindlichen Temperaturskalen. Fortschritte in der Glasbläserkunst und die Einführung von Blausäure zur Skalenätzung führten dann zu handlicheren Thermometern – jedoch noch lange nicht für den Hausgebrauch. In Deutschland führte der Arzt Carl Reinhold August Wunderlich (1815 – 1877) die Bedeutung der regelmäßigen Temperaturkontrolle vor. Er zeichnete die Fieberkurven von 25.000 Patienten auf. Eine außerordentliche Leistung, wenn man bedenkt, dass Wunderlichs Thermometer 30 Zentimeter lang war und jede Messung 20 Minuten dauerte.

Oder die Geschichte der Anästhesie: So schmerzfrei wie heute konnte jahrtausendelang nicht geheilt werden. Erst im 19. Jahrhundert begannen Ärzte Lachgas, Äther und Chloroform als Narkosemittel einzusetzen. Die Patienten spürten während der Operation nichts, starben aber häufig an den Folgen der Narkose. Die Ärzte dosierten nach Gefühl, weil sie nichts über die Eigenschaften dieser Stoffe wussten. Auch die Mediziner, die Bluttransfusionen probierten, mussten auf zufällige Erfolge setzen und beschleunigten den Tod ihrer Patienten oft. Bis 1901 der österreichische Pathologe Karl Landsteiner die Blutgruppen entdeckte und damit erklären konnte, wie die tödlichen Unverträglichkeitsreaktionen nach Transfusionen zustande kamen.

Keime unterm Mikroskop

So spiegelt sich in der Geschichte der Medizin nicht nur die Menschheitsgeschichte, sondern auch die Geschichte des allgemeinen wissenschaftlichen und technischen Fortschritts. Das Mikroskop zum Beispiel existierte schon im antiken China, in Europa wurde es ab dem 17. Jahrhundert verwendet. Durch die technischen Vorraussetzungen zur Linsenherstellung ließ sich die Mutmaßung der Wissenschaftler nun bestätigen, dass sich unter einem Mikroskop entscheidende Krankheitserreger finden lassen. Es blieb jedoch ein langer Prozess – erst das 19. Jahrhundert gilt als Goldenes Jahrhundert der Mikroskopie.

Nachdem unter dem Mikroskop Keime als Ursache für übertragbare Krankheiten entdeckt worden waren und Mikroorganismen für Infektionen verantwortlich gemacht werden konnten, begann eine Reinlichkeitsphase in der Medizin, die bis heute anhält. Bis ungefähr 1860 „operierten Chirurgen häufig in alten Kitteln, an denen Blut und Eiter klebten, und ohne die Hände und Instrumente vorher desinfiziert zu haben. Schwämme zum Auswaschen von Wunden wurden oft für verschiedene Patienten benutzt und zwischendurch nur unter dem Wasserhahn abgespült“, schreiben die Autoren in ihrer nüchtern berichtenden, aber sehr anschaulichen Art. Wie überhaupt das aufwendig illustrierte Buch niemals in Wissenschaftsjargon abgleitet und auf eine leichte Vermittlung historischer Daten und medizinischer Fakten setzt und dazu neben neuesten Computerbildern einfache Modellzeichnungen, historische Dokumente, Plakate und viele Fotos verwendet. So zeigt der Band eines der wenigen Bilder des US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt im Rollstuhl. Roosevelt (1882 – 1945) hatte sich 1921 mit dem Poliovirus infiziert und litt seitdem an Kinderlähmung.

Der Vorwurf alternativer Heiler, die sogenannte Schulmedizin klammere sich an Methoden, die der Natur entgegenwirkten, wird in diesem Buch ganz nebenbei entkräftet. Alternative Ansätze zur Krankheitsbekämpfung beschreibt der Band ebenso wie neuere Krankheiten und die Irrwege von Medizinern, den Menschen zu optimieren.

Die großen Entdeckungen in der Medizin William und Helen Bynum (Hg.) Dumont 2012, 304 S., 39,95 Euro Uta Baier ist Kunsthistorikerin

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