Vom heilsamen Blick in andere Kulturen

Im Gespräch Elternschaft ist nicht nur biologisch: Die Entwicklungspsychologin Heidi Keller über die Motive hinter dem Streit um die RTL-Sendung "Erwachsen auf Probe"

Die Kritik an Erwachsen auf Probe entzündet sich, wie schon beim britischen Vorbild Baby Borrowers, vor allem daran, dass Eltern unter anderem Kinder im Babyalter in die Obhut ausgewählter junger Paare geben.

Heidi Keller: Die Diskussion muss man im Kontext der absoluten Kindzentriertheit unserer Gesellschaft sehen. Anthropologen sprechen von „Neontokratie“ – die Kindheit dauert immer länger, Kinder werden angebetet, alle Fest- und Feiertage sind in Kinderbeschenktage umgewidmet worden. Kinder stellen in unserer Gesellschaft einen unendlich großen Wert dar – das ist die Kehrseite der abnehmenden Geburtenrate. Nun will ich überhaupt nicht RTL in irgendeiner Form in Schutz nehmen. Der Sendername ist sicher kein Synomym für Qualitätsfernsehen, das steht ganz außer Frage. Aber ich denke, dass in diesem Fall Schutzmechanismen eingebaut worden sind, die vielen anderen Kindern in ihren Familien versagt bleiben. Die Dreharbeiten wurden von Psychologen und Betreuern begleitet. Die Eltern mussten ihre Einwilligung geben und waren anwesend. Wenn das alles so vorbereitet und begleitet wurde, dann kann ich die Aufregung nur vor dem Hintergrund dieser Kindheitsideologie verstehen.

Eine der beteiligten Mütter hat sich in einem Interview geäußert. Ihr Sohn war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten elf Monate alt. Sie beschreibt ihn als „sehr aufgeweckten, kontaktfreudigen und fröhlichen Jungen“, der gern unter Leuten sei. Deshalb habe sie keine Bedenken gehabt, an der Produktion teilzunehmen. Liegt die Mutter richtig, wenn sie aus den beschriebenen Eigenschaften darauf schließt, dass das Kind Spaß an den Dreharbeiten haben könnte?

Kinder, die sich sicher fühlen, haben natürlich Interesse an anderen Menschen und an anderen Situationen. Wenn da ein spielerischer Kontext gegeben war, die Kinder zuhause geschlafen haben und die Mütter in der Nähe waren – wie gesagt, es fällt mir schwer, diese Aufregung zu verstehen.

Das Originalformat der BBC ist als unterhaltsames Lernprogramm konzipiert worden und diente als Basis für ein multimediales Unterrichtspaket, bei dem die jungen Protagonisten der Reihe als Identifikationsfiguren fungieren. Halten Sie das für eine geeignete Methode?

Die Situationen in Deutschland und England sind unterschiedlich. Eine Gemeinsamkeit liegt darin, dass bei uns junge Menschen keinen Kontakt mit Babys haben. In aller Regel ergibt sich erst durch das eigene Kind der erste Kontakt zu einem Baby. Und da sind nicht nur junge Leute hilflos, sondern gerade auch die älteren Mütter. Wir haben enorm hohe Inanspruchnahmen von Babysprechstunden, die es in verschiedenen Städten gibt. Es ist schon wichtig, dass Eltern vorbereitet werden. Es gibt in vielen Bundesländern Programme zur Förderung der Elternschaft beziehungsweise des Übergangs zur Elternschaft. Wenn wir uns anderweitig umschauen, etwa in einem afrikanischen Dorf, sehen wir Kinder, die mit vier, fünf Jahren auf kleinere Kinder aufpassen und so die nötige Erfahrung gewinnen. Das ist ein ganz anderer Hintergrund für die Elternschaft, den es bei uns in vielen türkischstämmigen Familien gibt. In England kommt ine hohe Rate an Teenager-Schwangerschaften hinzu. Insofern besteht ein gesellschaftliches Interesse, gerade diese Elterngruppe anzusprechen und zu vermitteln, was Elternsein bedeutet.

Die Zielsetzung wäre dann, Menschen zu erreichen, die von institutionellen Einrichtungen nicht angesprochen werden, die nicht einmal davon wissen.

Normalerweise würde man erwarten, dass da eine Familie oder Verwandtschaft, also ein Umfeld ist, das diese Rolle übernimmt. Vielleicht kann eine Fernsehsendung Denkanstöße geben, aber ich glaube nicht, dass man ideales Elternverhalten lernen kann, indem man sich eine Doku-Soap anguckt. In Gesellschaften wie der unseren steht die frühe Schwangerschaft sehr im Widerspruch zu den eigenen Bedürfnissen, was Spaß, Unterhaltung und dergleichen angeht. In anderen Kulturen ist es völlig normal, mit 16, 17 Jahren ein Kind zu bekommen. Man muss sich immer vor Augen halten: Wir haben es mit kulturellen und gesellschaftlichen Werte zu tun. Da gibt es sehr extreme Vorstellungen in den unterschiedlichen Kulturen.

Das Ausmaß der Proteste gegen Erwachsen auf Probe und deren Dynamik erinnern an die Kampagne gegen die Ausstrahlung von Big Brother. Unabhängig davon, ob die Einwände gerechtfertigt sind – haben Sie eine psychologische Erklärung für dieses Phänomen?

Das hat ja auch einen wissenschaftspolitischen Aspekt. Wenn eine Stimme laut wird oder eine Organisation sich äußert, dann können andere Organisationen nicht so tun, als wäre ihnen das gleichgültig. Man muss ebenfalls Stellung beziehen. So entsteht diese Kettenreaktion. Im Hintergrund vieler Stellungnahmen steht die Bindungstheorie mit ihrer besonderen Mutter- und Elternideologie. Demnach muss die sensitive Mutter jedes kleinste Signal des Babys wahrnehmen und angemessen schnell und adäquat darauf reagieren, damit ein Kind eine sichere Bindung erwirbt. Das heißt, sie kann nicht viel anderes tun, als ihr Baby im Visier zu haben. Das Modell wird als universell betrachtet, hat aber nur einen sehr eingegrenzten und eingeschränkten Geltungsbereich. Auch da ist es wiederum sehr heilsam, in andere Kulturen zu schauen. Bei uns entsteht Bindung durch individualisiertes Verhalten, indem dem Kind ständig gespiegelt wird, was es denkt und fühlt. Seinen Wünschen und Bedürfnissen wird nachgespürt, die müssen erfüllt werden. In anderen Kulturen erwerben Kinder die gleiche Sicherheit ohne solch individualisierte Beziehungen. Die Kinder wissen zuweilen gar nicht, wer die biologische Mutter ist. Da gibt es ein Netz von Menschen, die für ein Kind da sind und seine Bedürfnisse erfüllen – soziale Elternschaft steht im Vordergrund.

Wenn Sie von unserer Gesellschaft sprechen, heißt das Deutschland oder Westeuropa?

Ich meine damit das westliche, also euroamerikanische Mittelschichtsdenken. Es gibt natürlich Unterschiede. In Frankreich ist es anders, in England auch. Wir sprechen jetzt von Deutschland. Da finden wir diese öffentliche Kultur, die auch in der Kita, beim Kinderarzt und bei den Behörden vertreten wird: absolute Kindzentriertheit – wenn das Kind etwas möchte, wird alles andere unterbrochen – und psychologische Autonomie, die frühe Exploration der inneren Welt. Diese Erziehungskultur können sich nur Menschen leisten, die die nötige Zeit und Ressourcen haben. Menschen mit einem niedrigen formalen Bildungsniveau und geringerer sozialer Sicherheit haben andere Vorstellungen von Erziehung und Entwicklung. Die Geburtenrate ist höher und der Zusammenhalt in der Familie häufig viel größer.

Ist die von Ihnen beschriebene Kindzentriertheit ein Wohlstandsphänomen?

Ja, ganz unbedingt. Es gibt anthropologische Studien, die das ganz klar herleiten. Das war auch bei uns vor 100 Jahren noch ganz anders.

Das Gespräch führte Harald Keller

Heidi Keller, 63, ist Professorin für Psychologie mit dem Fachgebiet Entwicklung und Kultur an der Universität Osnabrück, Leiterin der "Forschungsstelle Entwicklung, Lernen und Kultur am Niedersächsischen Institut für Frühkindliche Bildung und Entwicklung und Präsidentin der International Association for Cross-Cultural Psychology. Zu ihren Veröffentlichungen zählt das Handbuch der Kleinkindforschung (als Herausgeberin). Ihre von der DFG, dem DAAD und der VW-Stiftung geförderten kulturvergleichenden Forschungen führten sie nach Lateinamerika, Asien und Afrika. Gastprofessuren absolvierte sie in Baroda, Indien, und an der Universidad de Costa Rica in San Jose sowie der UCLA und war Fellow am Institute for Advanced Study der Niederländischen Akademie der Wissenschaften.

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11:40 03.06.2009

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