Vom Ich zum Tier

Poesie Nicolette Krebitz hat mit „Wild“ einen eigenwilligen Film gedreht, in dem Lilith Stangenberg als junge Frau die zivilisierte Welt flieht

Man kann sich Nicolette Krebitz’ dritter Regiearbeit Wild mit unterschiedlichen Begriffen nähern: „Ätherisch“ wäre eine böswillige Beschreibung, „feministisch“ eine unnötig reduktive. Statt die suchenden Bilder von Kameramann Reinhold Vorschneider mit erdrückenden Konzepten stillzustellen, könnte man allerdings auch von zwei Redewendungen ausgehen, zwischen denen der Film eine unsichtbare Verbindung herstellt.

Auf die Formulierung „durch die Lappen gehen“ stößt Ania – Mitte 20, Generation Praktikum, geistig und körperlich auf rätselhafte Weise abwesend, was auch das Kompliment ihres Chefs erklärt, sie stelle keinen blöden Fragen – in einem Buch über Wölfe, das in der Wohnung ihres kranken Großvaters herumliegt. Sie stammt aus der Jägersprache und bezieht sich auf die Methode der „Lappjagd“, bei der Wildtiere mithilfe von Stofffetzen auf der Flucht eingekesselt werden. Darum horcht sie später auf, als ihr Chef sie bittet, ihm dabei zu helfen, eine Lieferung falsch etikettierter Altkleider „durch den Wolf zu drehen“. Das klingt auf dem Papier nach einer umständlichen Drehbuchkonstruktion, macht aber nichts, weil Wild ohnehin einer eigenen, mäandernden Logik folgt.

Zum Beispiel, indem Krebitz’ Geschichte immer wieder von impliziten auf explizite Bilder kommt. So finden die zerschredderten Lappen später ihre Bestimmung im Sinne der archaischen Jagdtradition. Ania (gespielt von der sensationellen Lilith Stangenberg, die in ihrem dritten Film an die unruhige Intensität ihrer Berliner Volksbühnen-Auftritte anknüpft) und ihre Helferinnen ziehen mit Fackeln und Wolfsgeheul durch die Nacht, während das Netz aus Lappen der Beute den Fluchtweg zustellt. Das Tier fängt sie schließlich mit einem Betäubungsmittel aus dem Krankenhaus, in dem ihr Großvater liegt.

Ania besitzt einen feinen Überlebensinstinkt, der zu sensibel ist für die Zumutungen des modernen Lebens. Ihren Chef (Georg Friedrich, in leichter Abwandlung seiner üblichen Rolle als Wiener „Strizzi“) schreit sie einmal an, dass ihr im Büro die Luft zum Atmen wegbleibe – die Fenster, der Plastikteppich. Warum also die Zivilisation nicht gleich ganz hinter sich lassen?

Cumshot inklusive

Krebitz beschreibt in Wild diesen Rückzug, der auch eine Identitätssuche ist. Verwilderung als alternatives Lebensmodell, aber nicht in anarchischem Sinne wie in Claude Faraldos Themroc, sondern als sinnliche Erfahrung: ein Ausdruck unterschlagenen, domestizierten Begehrens. Alles beginnt mit einer zufälligen Begegnung auf dem Weg zur Arbeit. Im entlegenen Stadtpark einer tristen Hochhausstadt begegnet Ania dem Wolf erstmals. Für einige Sekunden halten sie Blickkontakt, ihre Blicke treffen sich gewissermaßen auf halber Strecke. Der urbane Wolf ist seinem natürlichen Habitat genauso entfremdet wie Ania ihrer Umwelt. Die Begegnung löst in der jungen Frau ein unerklärliches Verlangen nach körperlicher Nähe aus. Doch der Cunnilingus mit dem Wolf, der die Fährte ihres Menstruationsbluts aufnimmt, ist noch Zeichen einer Angstlust, die sie bis in die Träume verfolgt. Gefangen in der Wohnung, sind die Lebensräume von Mensch und Wolf anfänglich getrennt. Während das Tier langsam domestiziert wird, verwildert Ania zunehmend. Ihre Sinne sind geschärft. Der Blick durch das Guckloch in der Wand – durch das der Wolf zurückblickt – hat auch etwas Voyeuristisches.

Aber um sexuelle Zuschreibungen geht es Krebitz nicht. Mensch und Tier bleiben sich in ihrem Wesen fremd, das Begehren Anias fungiert nur als Schlüssel. Der Sex, den sie später auf dem Schreibtisch ihres Chefs haben wird – erst als unschuldige Spielerei, später als „animalischer“ Fick inklusive Cumshot –, ist keine persönliche Erweckung, sondern eine Befreiung. Zum Abschluss kackt sie ihm auf den Tisch, ein Abschiedsgruß an die Welt der stinkenden Plastikteppiche.

Akerman, Breillat, Denis

Krebitz begibt sich mit Wild auf einen schmalen Grat zwischen Affront und feinfühliger Rohheit, die sowohl in Vorschneiders dislozierten Bildern als auch in den mitunter konterintuitiven Schnittfolgen durchscheint. Obwohl der Film im Prinzip von einer physischen Anverwandlung handelt, wirken die Bilder eher wie Produkte affektiver Arbeit. Suchen, versuchen, in sich reinhören, Verbindungen herstellen.

Regisseurin, Hauptdarstellerin und Kameramann bilden eine Symbiose, wie sie das deutsche Kino lange nicht mehr gesehen hat. Stangenbergs irre, verstörende Dünnhäutigkeit, ihr abruptes Lachen, ihre schlaffe Haltung sind wie wunderbare Spezialeffekte beim Austesten unsichtbarer Grenzen von Körper und Gesellschaft. Radikal ist das allenfalls innerhalb der Tradition von Chantal Akerman, Catherine Breillat und Claire Denis, die in ihren Filmen Vorstellungen weiblicher Subjektivität hinterfragt haben. Wild erinnert dagegen vielmehr an ein filmisches Gedicht. Ein Bestiarium am Übergang zur Nacht, in der Ania sich aufzulösen beginnt.

Info

Wild Nicolette Krebitz Deutschland 2016, 90 Minuten

06:00 13.04.2016

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