Vom Ich zum Wir - und zurück

Das Schauspiel Leipzig wird 50 Ein Jubiläum als Anlass für einen Rückblick auf die Geschichte eines Theaters, das heute wie damals um sein Publikum kämpfen muss

Leipzig gilt als Musikstadt, - mit Kreuzchor und Gewandhaus als kulturellen Juwelen. Da hat es das Schauspiel traditionell schwer seine fast 700 Plätze im großen Haus zu füllen, und das trotz 30.000 Studenten. Dabei kann Leipzig eine große Theatertradition vorweisen: die Neuberin vertrieb hier den Harlekin von der deutschen Bühne, Gottsched bemühte sich mit einer "critischen Dichtkunst" um die deutsche Schaubühne und Laube und Martersteig erneuerten von hier aus das deutsche Theater. Lessing weilte in Leipzig und erlebte dabei die Uraufführung seines ersten Lustspiels Der junge Gelehrte, auch Schillers Jungfrau von Orleans wurde hier 1801 uraufgeführt, und Goethe schrieb für ein Gastspiel seines Weimarer Ensembles einen lobenden Prolog auf Leipzig: "Belehrung! Ja, sie kann uns hier nicht fehlen, / Hier, wo sich früh, vor manche deutschen Stadt, / Geist und Geschmack entfalteten, die Bühne / Zu ordnen und zu regeln sich begann ..."

Vor dieser Tradition erstaunt ein Jubiläum wie "50 Jahre Schauspiel Leipzig", - und auch, wo doch kleinere Städte bereits 200-jähriges (Rudolstadt 1993) gefeiert oder 100-jähriges (Cottbus 2008) feiern werden. Doch Jubiläen geben nicht nur die Möglichkeit zu Jubel, sondern auch zur Selbstvergewisserung und Standortbestimmung. All das kann dem Leipziger Theater nur gut tun, zu dem den Politikern nach der Wende kein Konzept, sondern nur Sparmaßnahmen eingefallen sind. (Denen das von Irina Pauls nach der Wende gegründete Tanztheater, aber auch das Kellertheater und die kleine Spielstätte "Horch und Guck" zum Opfer gefallen sind.)

Erst einmal gilt das Jubiläum einem Bautermin (und hat Baumaßnahmen ermöglicht, für Renovierung und technische Modernisierung). Fünfzig Jahre sind für ein öffentliches Gebäude eine lange (Verschleiß)Zeit. Nachdem in der Nacht des 4. Dezember 1943 Leipzig sein Opernhaus, sowie sein altes und neues Schauspielhaus durch einen Bombenangriff verloren hat, wurden nach dem Kriege zunächst Interimsspielstätten hergerichtet. Dann wurde in den Grundmauern des alten Centraltheaters das neue Schauspielhaus errichtet und am 1. März 1957 mit Schillers Wallenstein eröffnet. Wolfgang Engel, Intendant seit 1995, hat seinen Abschied für 2008 verkündet und begeht das Jubiläum am kommenden 3. März ebenfalls mit einer Inszenierung des Wallenstein.

Dabei bringt er das Theater hinaus in die Stadt: der erste Teil findet am Nachmittag in einer leer stehenden Baumwollspinnerei statt, der zweite folgt im Schauspielhaus, und für den dritten muss man sich kurz vor Mitternacht vor das Völkerschlachtdenkmal begeben. Ein großes Projekt für ein Theater, das zu DDR-Zeiten Teil des größten Theaterbetriebes des Landes war, nachdem 1950/51 Oper, Operette, Schauspiel und Theater der jungen Generation zu einem einzigen Theaterkombinat zusammengefasst worden waren. 1958 kam Karl Kayser als neuer Generalintendant aus Weimar nach Leipzig und zeigte in seiner Antrittsinszenierung eine Bühnenversion von Scholochows Neuland unterm Pflug, ein Stück, das zur Kollektivierungskampagne passte. Das ZK-Mitglied Karl Kayser verstand Theater stets als politisch und gesellschaftlich wirksames Instrument. So begann, wie Dramaturg Walter Bankel schrieb, "eine neue Ära, gekennzeichnet durch das Streben nach einem konsequent parteilichen und volksverbundenen Spielplan und Darstellungsstil. Angestrebt und weitgehend verwirklicht wird ein Theater des poetischen Realismus, das mit schöpferischer Phantasie auf der wissenschaftlichen Grundlage des Marxismus-Leninismus aufbaut, das Fragen stellt und Antworten gibt, das Ratio und Emotion in ihrer dialektischen Ganzheit anspricht." Das war Goethes "Belehrung" auf ganz neue Weise.

Wie Viele bin ich lange Zeit an Leipzig vorbei gefahren, wenn ich mir in der DDR Theater anschaute. Schwerin, Potsdam, Dresden, Karl-Marx-Stadt, später Castorfs Anklam und Berlin waren Theaterziele. Leipzigs Schauspiel aber galt als poststalinistisch. Hier wurde zwar Brecht gespielt, doch sein Geist wurde ferngehalten. Man hing an Stanislawski und bot braves Er- und Verklärtheater. Es lag eine merkwürdig erstarrte Atmosphäre über diesem Haus. So bin ich in Leipzig zuerst ins Theater Louis Fürnberg gegangen, in die Studentenbühne, in der sowohl thematisch wie ästhetisch etwas gewagt wurde: die dort erlebte Baal-Inszenierung von Jo Fabian wäre in Kaysers Theaterkombinat nicht möglich gewesen. Weniger aus ideologischen als aus ästhetischen Gründen, die natürlich letztlich auch ideologische waren.

Immerhin bot das Leipziger Schauspiel keineswegs nur sozialistische Propagandastücke, sondern neben vielen Klassikern auch einige DDR-Dramatik. 1982 entdeckte ich im Kellertheater in der Oper (das später als kleine Bühne von der Neuen Szene abgelöst wurde) bei der Uraufführung von Volker Brauns Schmitten diesen Dramatiker für mich, dessen Guevara und der Sonnenstaat dann 1984 in Leipzig schon nur noch als DDR-Erstaufführung herauskommen konnte. Christian Martin, Eugen Ruge, Werner Heiduczek, Paul Barz und Uwe Saeger wurden gespielt, alles sogenannte "problematische" Autoren. Saegers viel diskutiertes Stück Flugversuch über junge Menschen auf der Suche nach sich selbst und sogar 1989 noch Peter Braschs Revolutionsstück Santerre waren Uraufführungen, bei denen Karl Georg Kayser, der Sohn des Intendanten, wie bei vielen neuen Stücken Regie führte. (Was in Theaterkreisen böse kommentiert wurde: der Sohn darf ein bisschen mehr wagen, ohne wirklich ästhetisch oder inhaltlich radikale Fragen zu stellen.) Sogar Die Schlacht vom sonst in Leipzig deutlich nicht geschätzten Heiner Müller wurde gespielt, wie auch einige sogenannte Perestroika-Stücke von Schatrow und Aitmatow. Die wirkten in Leipzig allerdings recht zahm, vielleicht, weil sie eingemeindet waren in den vorherrschend affirmativen Stil des Hauses. Das Schauspiel Leipzig war eben zu DDR-Zeiten so janusköpfig wie alles in der DDR. Es könnte durchaus produktiv sein, gerade am Beispiel des scheinbar/anscheinend völlig linientreuen Leipziger Theaters und dessen uneinheitlichem Spielplan bei gleichzeitiger ästhetischer Einheitlichkeit der Regiehandschriften über die Wirkungsweise von Theater in der DDR zu forschen. Ein umfängliches Buch, das im Verlag Theater der Zeit zum Jubiläum erschienen ist, gibt dazu erstes Material.

An- und aufregend auch für den Zuschauer war die bunte Zeit des Theaters, nachdem 1989 der Intendant Karl Kayser von einer ZK-Sitzung in Berlin nicht ans Theater nach Leipzig zurückgekehrt war und seine Intendanz sang- und klanglos endete. Nach der Auflösung des Theaterkombinats in seine Einzelteile begann unter Wolfgang Hauswald, dem einstigen Dramaturgen für neue Dramatik am Schauspiel, eine Zeit der thematischen und ästhetischen Suche. Lutz Graf, Konstanze Lauterbach und die Choreographin Irina Pauls gingen mit dem Publikum auf Entdeckungen. Leider ging dies aber zu großen Teilen auch außerhalb des neuen Theaters auf Entdeckungen, - in anderen Ländern und anderen und neuen Medien. Was immer das Theater nach der Wende versucht hat, gerade auch unter Wolfgang Engel: seine Publikumsprobleme ist es nie losgeworden. Bis heute nicht.

Wolfgang Engel hat das Leipziger Schauspiel, indem er viele andere Regiehandschriften neben seiner eigenen nicht nur zuließ, sondern auch pflegte, und indem er immer wieder junge Schauspieler entdeckte, zu einer wahren theatralen Förderstätte gemacht. Konstanze Lauterbach konnte hier ihren ganz eigenen, von Musik und Körpersprache bewegten Stil erproben und entwickeln, und unter den 15 Leipziger Inszenierungen von Armin Petras sind einige seiner besten, wie Sterne über Mansfeld.

"Die Existenz eines Künstlers wird wieder eine unsichere sein. Wir werden alle lernen, daraus Vorteile zu ziehen", verkündete Engel zu Beginn seiner Intendanz. Die er mit seinen Inszenierungen von Handkes wortlosem Stück Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten und Becketts Glückliche Tage eröffnete. Das Theater von Wolfgang Engel wurde dabei gleichermaßen aus ästhetischen wie gesellschaftlichen Impulsen gespeist, ohne belehren oder erklären zu wollen. "Vom Ich zum Wir - und zurück!", dieses Motto für die letzte Spielzeit könnte über der gesamten Arbeit des Intendanten und Regisseurs Wolfgang Engel stehen. Engel hat dem Leipziger Schauspiel wieder gesamtdeutsche Aufmerksamkeit verschafft. Es gibt also wirklich etwas zu feiern.


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00:00 23.02.2007

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