Vom Massensport zum Massenmord

"Zahlen Sie gleich, sterben Sie später" Mit "In den Alpen" begeben sich Elfriede Jelinek und Christoph Marthaler auf eine abenteuerliche Bergbahnfahrt

Am 11. November vor zwei Jahren verbrannten 155 Wintersportler auf dem Weg aufs österreichische Kitzsteinhorn im Tunnel der Gletscherbahn. In wenigen Minuten gingen die Menschen mit dem defekten und fahrlässigerweise leicht brennbaren Waggon in Rauch und Flammen auf. Noch ist ihnen der Prozess nicht gemacht, aber Elfriede Jelinek hat die Schuldigen längst identifiziert. "Indolenz und Unfähigkeit und Gier nach Profitmaximierung im Fremdenverkehr." Sport ist Mord. Dabei sind die Opfer von Kaprun nicht die einzigen Toten In den Alpen. Sie sind aus Sicht der Dichterin nur ein weiterer düsterer Gipfel in der Geschichte des österreichischen Alpinismus, die eine Geschichte des Antisemitismus ist (Jelinek - Beweise werden im Programmheft vorgelegt). Ein unwegsames Gelände taucht da auf. Das Viele, was sie dazu sonst zu sagen hat, legt Jelinek den Geistern in ihrem Stück in den Mund. Christoph Marthaler, der als Noch-Schauspielchef in Zürich in punkto alpenländischer Mentalität mitreden kann, hat sich für die Uraufführung von In den Alpen an den Münchner Kammerspielen erstmals mit ihr auf Gratwanderung begeben.

So tief scheinen die Abgründe zunächst nicht. Anna Viebrock (Bühne und Kostüme) verlegt die Bergungsarbeiten in die neonlichte Talstation. Sieben wunderliche Gestalten stehen da in unvollständiger Skimontur über kindlichen Schlafanzügen - gewissermaßen in der Vorbereitungsphase des ewigen Schlafs. Ein "Helfer" beseitigt ihre Überreste. Spielautomaten und Tischfußball zur Rechten; linkerhand eine Imbisstheke, an der die Lebenshungrigen ab und zu noch umsonst drängeln. Was die Kantinenatmosphäre an Behaglichkeit zu wenig hat, gipfelt mittig in dem schwarz verhängten Tunnelschlund. Benutzung gebührenfrei! Mehr ist von einer Vorhölle nicht zu erwarten.

Ganz benommen glotzen die Toten aus verspiegelten Skibrillen. Die Hände zittern nervös, die Beine zucken noch. Geisterbahn. Andererseits, so tot können sie gar nicht sein, dass sie der Volksmusik nicht mehr verbunden wären. Sperrt der lebendige "Helfer" (Oliver Mallison) das Arzneischränkchen an der Wand auf, heben sie gleich an, lieblich wie die Engelein im Chor zu singen. Während der Helfer für die Gerichtsmedizin DNA-Proben sichert, an Haut und Haaren zupft, tröstet der fröhliche Schlager Es ist alles nur geliehen. Die musikalische Ummalung ist natürlich dem Regisseur zu danken. Auch gibt er dem Helfer nicht, wie vorgesehen, eines, sondern gleich fünf tote "Kinder" aufzuräumen. Aus gutem Grund. Es gilt nämlich, eine szenische Form für seitenlange solide Monologblöcke zu finden. Insofern, als die Autorin viel an Luis Trenker et al., Paul Celan, Hölderlin und - politisch völlig unkorrekt - die durch Auslöschung narzisstisch gekränkten Opfer gedacht hat, aber kaum ans Theater. Die Regie muss das jetzt ausbaden.

Die Schauspieler haben die undankbare Aufgabe, da Konturen zu schaffen, wo von unverwechselbaren Personen keine Rede ist, dafür jede Menge Seitenhiebe in Richtung Trittbrettfahrer der Katastrophe abgegeben werden. Die Sensationsgeilheit der Medien, die für ein paar Wochen volkstümliche Trauerrituale und gruseligen Stoff haben. "Der stirbt genug, der für die Öffentlichkeit stirbt." Die gleichgültige Freizeitindustrie, nun um eine Attraktion reicher. "Bald werden sie mit mir Werbung betreiben, die Pensions- und Hotelbesitzer hier. Zahlen Sie gleich, sterben Sie später ..." Eine heuchlerische Christlichkeit, die vor allem der selbstherrlichen Abgrenzung dient und die Natur gleich für sich reklamiert. Ach, "das Kitz lockt so schön, der liebe Gott hat es für uns geputzt." Jugendwahn und ein blödes Wettbewerbsdenken, denn: "dass die Körper auch vergehen, an das denkt ihr Jungen nie." Wieder einmal bekennt sich Jelinek zu dem "auch bei Dichtern" verbreiteten "Vorurteil, dass Sportler dumm wären ... Idioten oder Faschisten seien". Und lässt den Helfer mahnen: "Ich gebe zu bedenken: Millionen gaben ihr Leben für Besseres aus." Schon, schon. Aber "nicht alle Toten werden hier so geliebt wie wir".

Damit ist die Brücke geschlagen. Wo sich systematische Judenvernichtung und kommerziell organisierter Massensport inhaltlich und stilistisch wohl treffen sollen, ist in ihrer Menschenverachtung und Dumpfheit. Freude durch Kraft, Kraft durch Freude - die Verwandtschaft liegt doch praktisch auf der Hand. Und wenn er provoziert wird, kann das Gewaltige im gebirgs-affinen, arischen Naturmenschen leicht in Gewalt umschlagen. Ist es nicht eine grausame Ironie, dass die unglücklichen Freizeitsportler dem Ungeist zum Opfer gefallen sind, vor dem sie im Leben als potenzielle Täter stramm gestanden hätten? Elfriede Jelinek kennt entschieden kein Pardon. Was sie zusammenführen will, muss still halten. Theoretisch ist das sehr interessant und, wie immer, äußerst lesenswert. Theatralisch - und obendrein in Marthalers Ritardando - wird die Höhenluft dünn und der Aufstieg mühsam.

Doch zurück zu unseren sieben Sports-Geistern. Die krallen sich noch immer an ihre Asche in nummerierten, schwarzen Plastiksäcken und wollen nicht los lassen. Allmählich wird ihnen die Unumkehrbarkeit des Geschehenen deutlich - dass nämlich weder das schöne Abendkleid je wieder aufgetragen wird, noch der eigene Geschwindigkeitsrekord mehr gebrochen werden kann. Es ist eine Unverschämtheit der Geschichte, dass sie die ureigenste Identität, das Recht auf individuelle Behandlung aufgrund persönlicher Bestzeit - ignoriert hat. "Unkenntlich gemacht und entwertet wie ein Schipass vom vorigen Jahr." Und dabei haben sie alle kritiklos hinter den Grundwerten der Leistungs- und Spaßgesellschaft gestanden! Tragischerweise waren die meisten in dieser Bahn Kinder und Jugendliche. Und dann, mitten im Leben: "Tod, wo ist dein Sieg? Ach da ist er ja!" Nicht, dass Elfriede Jelinek sich über den Kummer der Hinterbliebenen lustig machen wollte. Aber sie kann es nicht lassen, hinter der Katastrophe und ihren Entschuldigungen alte Fratzen zu erkennen. Und aus Opfersicht muss Zynismus doch erlaubt sein? Jene Geopferten kämpfen nun unverdrossen mit dem widerständigen, geschliffenen Intertextgewebe der Sätze, die ihnen wie Tarnkappen aufgestülpt scheinen. Man sieht sie kaum noch.

Auch die "junge Frau" (Caroline Ebner), die Snowboardweltmeisterin war, fällt in Rekordzeit dem Vergessen anheim. Zum Glück schwingt sich die "ältere Frau" zur sehnsüchtigen Verabschiedung aller Fleischeslust auf: Wie schade, dass diese Verschmelzung ihre letzte war! Christa Berndl als Golden Girl im jecken Pistenoutfit, die auf Skilehrer und "alles Steile" steht, schafft die einzige echte Figur, der es sich nachzutrauern lohnte.

Da plötzlich öffnet sich das Tor zum Schacht und teilt das Stück in zwei. Heraus tritt in priesterlichem Anthrazit ein "Mann" (Stephan Bissmeier), ein offensichtlicher Außenseiter. Sanft rezitiert er Celans Gespräch im Gebirg vom Ausgeschlossensein. Zaghafte Gesten, vorsichtige Schritte, wie sie sich ein Jude unter Bergsteigern hat angewöhnen müssen. Aber gesprächsbereit ist er. Wäre das möglich? Man teilt schließlich jetzt einen Zustand und sogar beinah die todbringende Methode. Ja, da wird der wackere Höhenbewohner richtig wild. André Jung erklimmt entsprechend einen schräg gekippten Tisch und wettert. "Unser Ofen hat 155 Stück geschafft, aber dass Ihrer viel mehr geschafft hat, das müssen Sie mir erst beweisen! Opa sagt, das geht nicht." Und überdies: "Der Jude kann nie so in das Wesen des ihm innerlich doch fremden Hochgebirges eindringen." Was bleibt da noch zu sagen? Die Toten sind endlich tot, und der Helfer erstattet Bericht.

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00:00 11.10.2002

Ausgabe 42/2021

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