Vom multifaktoriellen Pudern

Süchte Morgens beim Aufsitzen im Aufwachen gleich das erste befriedigende Erlebnis: Aus dem rechten Nasenloch fällt ein trockenes Flöz auf die ...

Morgens beim Aufsitzen im Aufwachen gleich das erste befriedigende Erlebnis: Aus dem rechten Nasenloch fällt ein trockenes Flöz auf die Satinbettwäsche. Da liegt es, ein schöner Kerl. Links müssen wir etwas nachhelfen. Das ist über Nacht geworden. Aus den leichtfeuchten Prisen, die wir als zirkulationserleichternde Einschlafhilfen weit nach Mitternacht uns applizierten. Jetzt ist die Nase wieder frei. Ein blinder Griff aufs Kasterl, neben das gute Buch, die kleine Box geöffnet, zwei Pyramiden zwischen Daumen- und Zeigefingerwurzel gehäufelt und die Nase beidseitig versorgt, dass es hoch rauscht ins Hirn und eine Morgenfrische ohnegleichen sich einstellt, Herrschaften! Der Tag kann beginnen.

Man weiß ja nie wie es anfing. Bekam ich beim Lodenkauf in Garmisch ein Gratispackerl zur Garnitur? Loden, Jahre vor der unvergessenen Avantgarde-Band »Palais Schaumburg«. Trendvisionär. Man bedenke. War es nicht so, dass ich meine letzten Zigaretten von der Alten Brücke in Heidelberg stürzte, zu jener Zeit, da kontemplativer Stäbchengenuss von den emanzipatorischen Aufholbewegungen stressrauchender Frauen zernichtet wurde? Ein pathologisches Wühlen in den Handtaschen, ein Auf- und Zuklappen, ein Kichern, Vergleichen, Zündeln, hinterlistiges Borgen, ja Plündern. Inhalation statt Kommunikation! Da dann mein souveränes Ablehnen, Zurücklehnen, Entbergen, Klopfen, zartes Einschnäuben - Ausniesen. Eben nicht. Nur der Dilettant versprüht sich. Folgte meine gesellschaftliche Aufwertung durch Schnupfvorführungen des schönen Kanzlers und Flutwunders Schmidt vor laufender Kamera, die allerdings manchmal erstarrte vor dem peinigenden Bild hässlichen Anhangs an der Kanzlernase.

Der Kanzler war wegen Herzflatterns zum Schnupftabak gewechselt. Hielt aber nicht lange durch. Bald schnupfte und rauchte er durcheinander. Wie der andere große Klare aus dem Norden, Immanuel Kant, der gelegentlich die Daumen neben ihm sitzender unschuldiger Damen zum Stopfen der Pfeife benutzte. Das nur am Rande. Also das Multifaktorielle. Irgendwie müssen die Löcher versorgt werden. Keine Frage. Bei Männern ja bekanntlich 300 Prozent mehr Sucht als bei Frauen. Allein das frühe Abstillen bei Kriegs- (Schmidt) oder Nachkriegsgenerationen (ich). Ein Sonderkapitel. Wahrscheinlich hat mir das Schnullern am Fläschchen, das Schütten ins Halsloch zu letzter Konsequenz verholfen.

Jetzt auf dem Weg in die Küche eine leichte Kälte im Bereich der Fußerln, darauf ein noch kaum wahrnehmbares erkältungsnahes Kribbeln im vorderen Gesichtserkerbereich. Und da schau her: Strategisch ungemein gerissen, genau zwischen Küche und Bad liegt auf der Kommode der zweite Schmalzler- oder Schmaicontainer. Und wird präventiv tätig: Eini geht´s! Eben das Multifaktorielle! Jeder könnt ja wissen und es nutzen, dass Schnupfen, das ständige Stimulieren nasensekretorischer Vorgänge und der Gehirnrinde, den Schnupfer zu unübertroffener geistiger Wachheit verhilft und vor Fehlsichtigkeit, Kopfschmerz, Dünnblütigkeit und Erkältungskrankheiten aller Art schützt. Katharina von Medici zum Beispiel rettete ihren bis dato unheilbaren Sohn mit kräftigen Gaben von Tabakpulver. Darauf hieß das: »Poudre de la reine«. So sieht´s, bzw. sah´s aus. Heut glotzen die Leut wie blöd auf den Aufdruck: »Die EG-Gesundheitsminister: ...« Glauben jeden Dreck. Damals schnupfte man kiloweise. 200 Prisen haute sich ein dänischer Spitzenschnupfer pro Tag rein. Napoleon 8 kg pro Monat. Dagegen wir mit unserer 10 g-Box absolut verweichlicht.

Vielleicht begann es bei mir ja auch - um noch mal aufs Multifaktorielle zu kommen - mit einer leichten psychosomatisch austarierten Metallstauballergie in den Werkstätten meiner Nachberufsverbots-Karriere. Die sich dann zunehmend mit einer Hausstauballergie verschwisterte, die nach Trennung von Metall und Lösungsmittel erstere überwölbte und dann substituierte. Deshalb: Zwischen den Büchern und neben dem Bildschirm liegt das dritte Schmalzlerfassl. Praktisch neben der Maus. Natürlich ist Elektrosmog ein Thema! Selbstredend.

Das vierte Schachterl aber muss immer randvoll sein. Steckt des Winters in der Mantel- des Sommers in der Jackentasche. Bereitschaftsdienst. Und gibt mir die Zeit, da der Anhang drängt das Haus zu verlassen, in der Tür mich umzudrehen, zu euch, halb Verführte, mir in sogenannter Gemütsruhe die Bergln auf die Hand zu stippen und euch zu raten: Konjugierts schon mal durch:

Wenn i an Schmai häd - schnupfatin
Wennst du oan hädsd - schnupatstn
Wenn er oan häd - schnupfatan
Wenn mir oan hän - schnupfatman
Wenn es oan häds - schnupfatsn
Wenn se oan hän - schnupfatnsn

00:00 21.03.2003

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare