Vom Mythos der begrenzten Vorräte

Die Ölreserven tief in der Erde Die Annahme eines "Peak-Oil" geht fehl, wenn man nicht auf den Nahen Osten, sondern auf Russland blickt

Nachdem ich seit den ersten Ölschocks der siebziger Jahre zu Energie- und besonders Erdölfragen geforscht hatte, fesselte mich 2003 die so genannte Peak-Oil-Theorie, da sie eine mögliche Erklärung für den US-Einmarsch im Irak zu bieten versprach. Die Verfechter dieser Theorie argumentieren, die Welt stehe vor einer neuen Krise, dem dramatischen Ende billigen Öls, bekannt als "Absolute Peak Oil", möglicherweise schon 2012. Öl - die Grundlage der modernen Industriegesellschaft - stünde diesen Annahmen zufolge vor dem Versiegen. Steigende Ölpreise galten als Bestätigung dieser These. Außerdem - so ihre Verfechter - sei seit den späten sechziger Jahren kein neues Feld der Super-Giant-Dimension (s. Übersicht) mehr entdeckt worden.

6 cellspacing=0> Klassifizierung der Ölfelder

6 cellspacing=0 border=1> Typverfügbare Öl-ReservenMajor-Fieldmehr als 100 Millionen Barrel*Giant-Fieldmehr als 500 Millionen BarrelSuper-Giant-Fieldmehr als fünf Milliarden Barrel*Ein Barrel entspricht 159 Liter

Die Peak-Oil-Schule stützt sich auf konventionelle westliche Geologie-Lehrbücher, die behaupten, Öl sei ein "fossiler Brennstoff", ein biologischer Rückstand mit endlichen Vorräten. Der biologische Ursprung ist die zentrale Annahme der Peak-Oil-Theorie; damit soll erklärt werden, warum Öl nur in bestimmten Weltgegenden gefunden wurde, wo es Hunderte Millionen Jahre zuvor geologisch eingeschlossen worden war.

Die "abiotische" Theorie

Eine alternative Theorie über die Entstehung von Öl existiert seit den frühen fünfziger Jahren in Russland. Sie behauptet, die konventionelle amerikanische Theorie des biologischen Ursprungs sei eine unwissenschaftliche Absurdität, die sich nicht beweisen lasse. Außerdem hätten westliche Geologen im vergangenen Jahrhundert wiederholt das Ende des Öls vorausgesagt.

In den fünfziger Jahren war die Sowjetunion durch den Eisernen Vorhang vom Westen isoliert und der Kalte Krieg voll entbrannt. Das Land verfügte nur über wenig Öl, um seine Ökonomie anzukurbeln. Die Erschließung einheimischer Vorkommen avancierte daher zu einer der höchsten Prioritäten, die es im Hinblick auf die nationale Sicherheit geben konnte. Wissenschaftler am Institut für Geophysik der Russischen Akademie der Wissenschaften und am Institut für Geologie der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften starteten bereits in den späten vierziger Jahren eine grundlegende Untersuchung. Wo kommt das Öl her?, fragten sie. 1956 verkündete Professor Vladimir Porfirjew als Antwort folgende Theorie: "Rohöl und natürliches Erdgas weisen keine immanente Verbindung zu biologischen Substanzen auf, die nahe der Erdoberfläche entstehen. Sie sind Urstoffe, die aus großen Tiefen hervorbrachen". Die sowjetischen Geologen stellten damit die orthodoxe westliche Geologie auf den Kopf. Sie nannten ihre Theorie über den Ursprung des Öls die "abiotische" Theorie, in Abgrenzung von der westlichen - "biologischen" - Ursprungstheorie.

Danach wäre der Ölvorrat der Erde nur begrenzt durch die Menge anorganischer Kohlenwasserstoffbestandteile, die sich zum Zeitpunkt der Erdentstehung tief in der Erde befanden. Die Verfügbarkeit des Öls hinge nur an Technologien, um ultra-tiefe Schächte zu bohren und die inneren Regionen der Erde zu erforschen. Weiter stellten die sowjetischen Forscher fest, Ölfelder könnten wiederbelebt werden. Sie argumentierten, dass Öl tief in der Erde bei hohen Temperaturen und sehr hohem Druck entsteht, ähnlich jenem, der nötig ist, um Diamanten herauszubilden. Öl sei "ein Urstoff mit tiefem Ursprung, der bei hohem Druck über ›kalte‹ eruptive Prozesse in die Erdrinde transportiert wird". Die Vorstellung, wonach Öl ein biologischer Rückstand aus fossilen pflanzlichen und tierischen Überresten sei, taten sie als "Ente" ab, die dazu diene, den Mythos der begrenzten Vorräte fortzuschreiben.

Während sich die amerikanischen Ölmultis in den sechziger Jahren bemühten, die einfach zugänglichen, großen Felder in Saudi-Arabien, Kuwait, im Iran und anderen Gegenden mit billigem, reichlich vorhandenem Öl zu kontrollieren, erprobten die Russen ihre alternative Theorie. Sie begannen, in einer mutmaßlich öden Region Sibiriens zu bohren. Auf Grundlage ihrer tiefen "abiotischen" geologischen Schätzungen entdeckten sie dort elf Ölfelder, die als "Major" und eines, das als "Giant" klassifiziert wurde. Sie bohrten in kristallines Sockelfelsgestein und trafen in einem Ausmaß auf das Schwarze Gold, dass sich unwillkürlich der Vergleich mit Alaskas North Slope aufdrängte.

Später boten sie Vietnam die Übernahme von Bohrkosten an, um zeigen zu können, wie ihre neue geologische Theorie funktionierte. Im dortigen Weißer-Tiger-Ölfeld bohrten die Russen etwa 5.200 Meter tief in Basaltgestein und gewannen 6.000 Barrel pro Tag, um die unter Energiemangel leidende vietnamesische Wirtschaft anzukurbeln. In der UdSSR selbst optimierten währenddessen "abiotisch" ausgebildete Geologen ihr Wissen, und Mitte der achtziger Jahre stieg das Land zum weltgrößten Ölproduzenten auf - nur wenige im Westen verstanden, warum.

Lohnende Yukos-Rendite

Die 2003 erfolgte Verhaftung des russischen Milliardärs Michail Chodorkowski - der Galionsfigur des Ölkonzerns Yukos - fand in dem Augenblick statt, als dieser Vorkehrungen traf, einen maßgeblichen Anteil seines Imperiums an den US-Öl-Giganten ExxonMobil zu verkaufen - nur kurze Zeit übrigens, nachdem es ein privates Treffen mit US-Vizepräsident Dick Cheney gegeben hatte. Hätte ExxonMobil wie geplant bei Yukos einsteigen können, wäre dem Unternehmen die Kontrolle über ein enormes Potenzial an Geologen und Ingenieuren zugefallen, die in den "abiotischen" Techniken des Tiefbohrens bestens ausgebildet waren. Man hätte sich auf diese Weise russischer Technologien versichern können, um die Ölförderung in alten Schächten durch ausgefeilte Bohrmethoden wiederherzustellen. Ein solcher Ansatz ist im Westen unbekannt.

Ein Jahrhundert lang haben die Ölgiganten der USA und ihrer westlichen Partner die Öl-Frage beherrscht, indem sie de facto die Kontrolle über Schlüsselstaaten wie Saudi-Arabien, Kuwait, Venezuela oder Nigeria ausübten. Heute, da viele Felder der Giant-Dimension sich im Niedergang befinden, betrachten die angloamerikanischen Konzerne vorzugsweise die staatlich kontrollierten Ölfelder im Irak und Iran als größtes verbleibendes Reservoir an billigem und einfach zu gewinnendem Öl. Seit die Nachfrage Chinas und Indiens nach diesem Öl unablässig wächst, wird es für die Vereinigten Staaten und ihren Alliierten Großbritannien zum geopolitischen Imperativ, so schnell wie möglich die direkte militärische Kontrolle über die Reserven des Mittleren Ostens zu sichern - deshalb der hochriskante Krieg im Irak.

Die einzige potenzielle Herausforderung dieses Kontrollregimes stellt Russland dar - mit seinen jetzt wieder voll der Verfügungsgewalt des Staates unterliegenden Energiegiganten.

Aus dem Englischen von Steffen Vogel

2 cellpadding=10 cellspacing=2> William Engdahl ...

... 1944 in Texas geboren, studierte Politikwissenschaften in Princeton und Vergleichende Ökonomie in Stockholm. Er lebt als freier Publizist in Deutschland und publiziert seit 30 Jahren regelmäßig zu Wirtschafts- und Energiefragen. Veröffentlichungen unter anderem im European Banker, dem Business Banker International und der Asia Times Online. Auf deutsch erschien zuletzt die erweiterte Auflage seines Buches Mit der Ölwaffe zur Weltmacht - der Weg zur neuen Weltordnung (Wiesbaden 2006).

00:00 10.03.2006

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