Vom Öl-Dollar zum Öl-Euro

Iranischer Joker Noch im März will Teheran eine asiatische Öl-Börse gründen und die Vorherrschaft der USA auf dem internationalen Energiemarkt in Frage stellen

Im Atomstreit hat Moskau bekanntlich Teheran angeboten, die umstrittene Urananreicherung künftig in Russland vorzunehmen, um somit den Verdacht zu entkräften, das umstrittene iranische Atomprogramm diene der Herstellung von Kernwaffen. Die Regierung Achmadinedjad verhandelt darüber, will aber, dass weitere Staaten, allen voran China, in die Übereinkunft einbezogen werden. Peking ging bisher nicht darauf ein, besteht aber auf einer diplomatischen Lösung des Konfliktes.

Unverkennbar sind die USA und die Europäische Union bemüht, Russland wie China "ins Boot zu holen" und damit in eine geschlossene Front gegen die Islamische Republik Iran einzureihen - denn es geht um mehr als die nuklearen Kapazitäten des Mullah-Regimes. Der Iran verfügt über die weltweit drittgrößten fossilen Vorkommen an Öl, Gas und anderen Rohstoffen. Die Frage - wer beherrscht, wer verteilt und vor allem wer verkauft künftig derartige Ressourcen, die im Iran und den anderen Lagerstätten auf der Welt nicht unerschöpflich sind - wird angesichts unsicherer nationaler Energiehaushalte zusehends zum beherrschenden Thema der internationalen Politik. Markante Geschehnisse der letzten Zeit sind davon geprägt: Der Krieg im Irak, die von der russischen Regierung erzwungene Rückkehr des Öl-Multis Yukos unter russische Verfügungsgewalt, der Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine, den es in abgeschwächter Form auch mit Georgien und Moldawien gab, um nur die wichtigsten zu nennen. Auf dem diesjährigen G8-Gipfel in St. Petersburg soll die Energiesicherheit ganz oben auf der Agenda stehen.

Bei alldem stellt sich auch die so sensible wie brisante Frage, ob die USA die Vorherrschaft des Dollars als Öl-Währung aufrechterhalten können. Für Zündstoff von erheblicher Sprengkraft sorgt das vom Iran schon für März angekündigte Vorhaben, eine asiatische Öl-Börse zu gründen, an der Erdöl und Erdgas nicht mehr in Dollar, sondern vornehmlich in Euro ausgepreist und gehandelt werden sollen. Eine solche Börse einzurichten, würde bedeuten, dass sich der Dollar einmal mehr als Weltleitwährung zur Disposition gestellt sieht. Dessen Status ist schon seit längerem nicht mehr potenter amerikanischer Wirtschaftskraft, sondern maßgeblich dem Umstand zu verdanken, dass der globale Handel mit Öl und Gas an den Dollar gebunden blieb. So sind die Handelspartner gezwungen, Dollar zu kaufen, als Reserve zu halten und damit indirekt in seinem Wert zu stützen.

Die Öl-Bindung des Dollar geht auf eine Abmachung zwischen Saudi-Arabien und den USA aus den Jahren 1972/73 zurück, der sich die Organisation Erdölexportierender Staaten (OPEC) bald darauf anschloss. Spätestens seit der Einführung des Euro rütteln Förderländer wie Abnehmerstaaten an dieser ehernen Formel. Die wegen des Ölhandels angelegten Dollarreserven können oft nur mit Verlust weitergegeben werden. Seit mit dem Euro und dem weltweit an Stabilität und Stärke gewinnenden chinesischen Yen Alternativen vorhanden sind - zumal die meisten Ölförder-Länder einen intensiveren Handel mit der EU als mit den USA pflegen - wachsen die Begehrlichkeiten, dem Dollar sein Privileg aufzukündigen. Es war Saddam Hussein, der es als Erster wagte, den Schritt vom Öl-Dollar zum Öl-Euro praktisch zu vollziehen. Die Antwort der USA ließ nicht auf sich warten. Gleich nach der Intervention vom März/April 2003 wurden das "Oil for Food"-Programm beendet und die irakischen Euro-Konten wieder auf Dollar umgestellt: Seither wird Öl aus dem Irak wieder allein gegen Dollar verkauft.

In Russland hingegen endete die Yukos-Affäre nicht nur mit der Wiederaneignung russischer Ressourcen durch den russischen Staat in Gestalt des Gasprom-Konzerns. Kaum war Yukos-Chef Michail Chodorkowski rechtskräftig verurteilt, beschloss die Staatsduma, künftig die Devisenreserven der Russischen Föderation nicht mehr nur in Dollar anzulegen, sondern ab sofort zu 30 Prozent auch in Euro. In wenigen Jahren soll das Verhältnis auf 50 : 50 gebracht sein. Darüber hinaus ging Russland wieder zur traditionellen Golddeckung seiner eigenen Währung über.

Auch in der OPEC scheint die Öl-Dollar-Bindung porös und brüchig. Es war der venezolanische Präsident Hugo Chávez, der 2002 die OPEC-Staaten aufforderte, Öl an Entwicklungsländer nicht mehr gegen Dollar, sondern im Bartergeschäft - den Tausch Ware gegen Ware - oder gegen Euro zu liefern.

Den skizzierten Trend spiegeln auch ökonomische und politische Allianzen, die in jüngster Zeit entstanden sind. Man denke an den wirtschaftlichen Interessenverbund BRIC - benannt nach seinen Mitgliedern Brasilien, Russland, Indien und China - oder an die "Shanghai-Gruppe", der Russland, China, Kasachstan, Kirgistan, Usbekistan und Tadschikistan angehören und als Beobachter Pakistan, Indien und der Iran nahe stehen. Im Juli 2005 richtete die Assoziation einen Appell an die USA, terminlich zu fixieren, wann mit ihrem Rückzug von den in diesen Ländern beanspruchten Stützpunkten zu rechnen sei. Es läge in der Logik dieser Zusammenschlüsse, käme es zu der vom Iran angestrebten asiatischen Öl-Börse. Daraus erklärt sich einerseits das Bedürfnis der russischen Diplomatie, in Sachen iranisches Atomprogramm kompromissfähig zu bleiben, andererseits die aggressive Vorgehensweise der Vereinigten Staaten. Unklar bleibt vorerst, wie die EU mit einer solchen Öl-Börse umgehen will. Was ihr in dieser Situation am schlechtesten zu Gesicht stünde, wäre die Rolle des treuen Alliierten und Freundes der USA. Diese Herausforderung wird vorrangig der deutschen Regierung zusetzen.


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Der internationale Öl-Markt 2005

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Die größten Öl-Verbraucher-Staaten(in Mio. t)

USA927

China310

Japan251

Indien150

Russland132

Deutschland123

Die größten Öl-Förder-Staaten

Saudi-Arabien488

Russland457

USA327

Iran199

Mexiko191

Venezuela185

China173


00:00 24.02.2006

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