Vom Pech, in Estland geboren zu sein

Nationale Biobanken Island hat sie, Großbritannien wollte sie - aber Estland ist das einzige Land, das sich seine Biodatenbank von der EU finanzieren lassen will, nachdem die privaten Geldgeber ausgestiegen sind

"Die Situation ist jetzt sehr viel besser", sagt Andres Metspalu, Leiter der Estonian Genome Project Foundation (EGPF), der Stiftung, die das estnische Biobankprojekt verwaltet. "Es gibt einen politischen Willen, das Projekt fortzusetzen." Der Initiator des Biobankprojektes ist hörbar erleichtert, seit die estnische Regierung Anfang Dezember vergangenen Jahres beschloss, den Betrieb der Biobank ab 2006 mit öffentlichen Mitteln zu finanzieren.

Zukunftsvisionen und ...

Ohne diese Entscheidung hätte das Projekt in diesem Jahr eingestellt werden müssen, denn Ende 2004 war der Vertrag der estnischen Stiftung mit dem Konsortium aus US-amerikanischen Risikokapitalfonds und privaten Investoren, das das Projekt finanzierte, aufgelöst worden. Nachdem 10.000 Proben und Daten gesammelt worden waren, hätten die Kapitalgeber keine weiteren Mittel in die Vergrößerung des Proben- und Datenbestandes investieren wollen, so die Darstellung der EGPF. Sie hätten lediglich Interesse an der Nutzung der vorhandenen Datensätze für klinische Studien gehabt.

Die Betreiber des Biobankprojektes hingegen wollten einen möglichst großen Pool aufbauen. Daten aus zwanzigseitigen Fragebögen zu Gesundheit und Lebensstil mit den dazugehörigen DNA-Proben von einer Million Esten, das heißt drei Vierteln der Bevölkerung, werde man zusammentragen, so die vollmundige Ankündigung zum Start des Projektes Anfang 2001. Damals hieß es: Je umfangreicher eine Biobank, desto brauchbarer für die statistischen Operationen, mit denen man genetische Grundlagen von häufigen Erkrankungen wie Krebs oder Diabetes zu erhellen versprach. Auch die Entwicklung genetischer Tests zur individuellen Wirkstoff- und Therapieverträglichkeit oder neuartiger, "maßgeschneiderter" Medikamente schien nur noch eine Frage der Logistik. Zukunftsvisionen dieser Art überdeckten - wie so oft in den Biowissenschaften - die Widersprüche des Ansatzes.

So war die Konkurrenz zu Beginn des Jahrtausends groß. In einigen Ländern wurden Biobankprojekte im Umfang von mehreren 100.000 Datensätzen geplant und gestartet: In Island beispielsweise hatte bereits Anfang 2000 eine private Firma mit dem Aufbau einer Biobank mit Proben und Daten der gesamten Bevölkerung begonnen, eine Region im Norden Schwedens folgte kurz danach und in Großbritannien begann man mit den Planungen für die UK Biobank.

... unerfüllte Erwartungen

Heute werden allerorten deutlich kleinere Brötchen gebacken. Während die Probensammlung in Großbritannien immer noch nicht begonnen hat, weil nicht nur Datenschützer, sondern auch Genetiker, Epidemiologen und Biostatistiker den Nutzen des Projektes skeptisch beurteilen, versucht man in Island, der Industrie die bisher gesammelten Proben für klinische Studien anzudienen; von dem Großprojekt einer Verknüpfung von Abstammungs-, DNA- und klinischen Daten der gesamten Bevölkerung zur Feststellung der genetischen Ursachen weit verbreiteter Erkrankungen spricht hier niemand mehr. Und auch in Estland ist Ernüchterung eingekehrt. Von der ursprünglichen Zielmarke etwa haben die Betreiber der Biobank sich längst verabschiedet. "100.000 Proben reichen völlig aus", so Metspalu. "Die Zahl von einer Million haben die Medien in die Welt gesetzt."

Auch von den ökonomischen Erwartungen ist heute, fünf Jahre nach Beginn des Projektes, nicht viel übrig. Als das estnische Parlament im Dezember 2000 beschloss, den Aufbau der Biobank zu unterstützen, stand wie in anderen Ländern auch die Hoffnung dahinter, die Pharmaindustrie könnte sich dauerhaft engagieren und Investitionen, Wachstum und Arbeitsplätze bringen. Nichts davon ist eingetreten.

Ebensowenig haben sich die viel gepriesenen Potenziale der "individualisierten Medizin" auch nur im Ansatz realisiert. Die estnische Regierung hoffte beim Start des Projektes 2001, die chronisch knappen Ressourcen in der öffentlichen Gesundheitsversorgung des Landes sehr bald effektiver - das heißt, nur bei den Patienten, die ein Medikament vertragen und bei denen eine Therapie anschlägt - einsetzen zu können. Verlässliche pharmakogenetische Tests sind bisher aber nicht in Sicht.

Und die wenigen bisher entwickelten neuen Medikamente sind zu teuer. Der Fall einer an einer seltenen Leukämieform erkrankten Frau in Estland macht drastisch deutlich, was das in Ländern mit knappen Ressourcen bedeutet: Die gesetzliche Krankenversicherung des Landes übernahm zunächst die Kosten von etwa 2.800 Euro monatlich für das pharmakogenomische Medikament Glivec, das den Zustand der Patientin deutlich verbesserte. Mit der Begründung, dass für eine weitere Finanzierung der Behandlung die Budgets für andere Erkrankungen gekürzt werden müssten, wurde die Finanzierung der Therapie nach wenigen Monaten aber eingestellt. Ein Vertreter der gesetzlichen Krankenversicherung fasste die Situation mit den Worten zusammen, es sei einfach Pech, in Estland geboren zu sein.

Eine staatseigene Biobank

Nichtsdestotrotz sieht es nun ganz so aus, als würde der Betrieb der Biobank künftig mit öffentlichen Mitteln finanziert. "Mit der Biobank haben wir die Chance, unsere Genomforschung weiterzuentwickeln", begründet Mare Toompuu, Referentin für Genomforschung in der Abteilung Gesundheit des estnischen Sozialministeriums, die Entscheidung. "Und es ist ein innovatives Projekt." Eine Flucht nach vorn, nachdem die Regierung, mit dem Ausstieg der Investoren aus dem Projekt förmlich auf 10.000 sensiblen Datensätzen sitzen geblieben war. Denn eine Besonderheit des estnischen Genforschungsgesetzes, das den Betrieb der Biobank regelt, besteht in dem Eigentumsrecht an Proben und Daten: Sie gehören dem Staat, genauer dem estnischen Sozialministerium. Alle Teilnehmer am Projekt haben eine Abtretungserklärung unterschrieben. "Insofern haben wir eine ganz besondere Verantwortung gegenüber den Probanden", beschreibt Ivi Normet, stellvertretende Generalsekretärin für Gesundheit im Sozialministerium, die Situation.

Wie die Fortsetzung des Projektes aber konkret aussehen wird, darauf will sich bisher noch niemand festlegen. Eine Arbeitsgruppe aus Mitgliedern der EGPF und mehrerer Ministerien entwirft zurzeit ein Modell für die Finanzierung und Reorganisation des Projektes. Sie wird der Regierung unter anderem vorschlagen, die Biobank der Universität Tartu anzugliedern.

"Ich bin hoffnungsvoll, dass die Regierung sich für das Projekt entscheidet", so Metspalu von der EGPF. "Es ist das einzige estnische Projekt mit internationaler Bedeutung." In der Tat werden die vorhandenen Datensätze von europäischen und insbesondere auch deutschen Forschungsprojekten munter genutzt. Derzeit verwenden neben einem Projekt an der Universität München zwei aus dem EU-Forschungsetat finanzierte Verbundprojekte - eines davon unter Leitung der Universität des Saarlandes - Daten und zum Teil auch Proben aus der estnischen Biobank. Daneben ist die EGPF federführend an der weltweiten Initiative "Public Population Project in Genomics" zur Vernetzung bestehender bevölkerungsweiter Probensammlungen beteiligt, die in diesem Jahr ein EU-finanziertes Projekt startet. "Wir zielen darauf ab, Partner in einer Vielzahl von Studien zu werden", so Andres Metspalu. "Und wenn wir erst 100.000 Datensätze haben, kommen sicher EU-Forschungsgelder in großem Umfang nach Estland."

Fahrlässiger Datentransfer

"Die Biobank ist eine Ressource mit großem Potenzial, auch für die öffentliche Gesundheit", sagt Mare Toompuu vom estnischen Sozialministerium. Was genau sie damit meint, lässt sie offen. Zukunftsweisend ist in diesem Zusammenhang sicherlich eine weitere Besonderheit des estnischen Genforschungsgesetzes: Proben und Datensätze können jederzeit den Spendern zugeordnet werden. Eine vollständige Anonymisierung erfolgt nicht, weil laut Gesetz Probanden das Recht haben, individuelle genetische Besonderheiten auf Wunsch zu erfahren. Ob es jemals möglich sein wird, Angaben über individuelle genetisch bedingte Anfälligkeiten für häufige Erkrankungen zu machen, ist zwar vollkommen unklar; das ändert aber weder die Gesetzeslage noch hinderte es die EGPF daran, mit einem "persönlichen Genpass" für die Teilnahme am Projekt zu werben - mit Erfolg. Bei einer Befragung der Universität Tartu gaben 83 Prozent der zu einer Teilnahme am Biobankprojekt entschlossenen Personen als Grund für ihre Entscheidung den in Aussicht gestellten Genpass an.

"In Estland gibt es wenig Kontakte mit dem Thema genetische Forschung", erklärt Margit Sutrop vom Ethikzentrum der Universität Tartu, die die Befragung konzipiert hat. "Außerdem besteht historisch bedingt ein generelles Vertrauen: Die Aufrichtigen, die Kritiker und Dissidenten der Sowjetzeit, waren in der Regel Wissenschaftler." Dies sei ein Grund, warum es in der Öffentlichkeit keine kritische Diskussion des Biobankprojektes gegeben hat. Vor allem aber bestehe weder in der Bevölkerung noch auf Regierungsseite ein Bewusstsein für die Risiken einer so umfangreichen Datensammlung für die Privatsphäre.

Einen unbedarften, um nicht zu sagen fahrlässigen Umgang mit den Gefahren des Informationszeitalters pflegt das estnische Sozialministerium auch mit dem so genannten eHealth-Projekt: Geplant ist eine Datenbank, die neben den persönlichen Angaben aller estnischen Patienten Informationen über Diagnosen, Therapien und andere medizinische Details enthält und über das Internet öffentlich zugänglich ist. Sie soll Ärzten helfen, Doppeluntersuchungen und -tests zu vermeiden und damit Kosten im Gesundheitswesen sparen, so das Argument des Ministeriums. Auch über Gefahren dieses Vorhabens ist eine Diskussion in der estnischen Öffentlichkeit ausgeblieben.

In der EGPF denkt man bereits über die Nutzung der neuen Infrastruktur für die Biobank nach. "Mit dem eHealth-Projekt tut die Regierung genau das Richtige", so Andres Metspalu. "Und auch für uns ist das sehr gut. Wir könnten statt der aufwändigen Fragebögen gesundheitsbezogene Informationen direkt aus der Datenbank beziehen und ohne viel Aufwand beständig aktualisieren."

Das Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag erarbeitet derzeit einem Bericht zum Thema Biobanken.


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00:00 24.03.2006

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