Vom Protz- zum Rotzwedel

80 Jahre Tempo Mit der Erfindung des Papiertaschentuchs vor 80 Jahren begann eine neue Zeit: Die Marke "Tempo" läutete die moderne Wegwerfgesellschaft ein

Die Filmheldin Scarlett O'Hara hat Verehrer, Feinde, ein schickes Haus, aber nie das, was sie wirklich braucht. Jedenfalls nicht in den wichtigen Momenten ihres Lebens, sagt ihr Mann Rhett Butler. Er meint ein Taschentuch, überlässt ihr gnädigerweise seines, bevor er dann im Nebel verschwindet, der das Ende ihrer Ehe bedeutet. Es ist der traurige Schlusspunkt des amerikanischen Filmklassikers „Vom Winde verweht", dem nachretouchierten Bürgerkriegsdrama von 1939.

Das simple weiße Tuch, wahrscheinlich aus der mit Sklaven betriebenen Baumwollproduktion, die Scarlett O'Haras Familie reich gemacht hat, gilt hier als Moment der Hilflosigkeit. Denn immer wenn Scarlett nicht mehr kann, ruft sie Rhett. Als eine Wohlfahrtsorganisation, für die sie arbeitet, Geld braucht, wird das von einer grell geschminkten Dame mit suspekten Ruf überreicht, in Butlers Taschentuch zum Bündel geschnürt. Als der Bürgerkrieg Atlanta erreicht, und eine aufgelöste Scarlett ihren Rhett um Hilfe bittet, ist es eine außergewöhnliche Geste, die Intimität vermittelt: Butler putzt ihr die Nase. Wenn er ihr zum nächsten Mal ein Taschentuch überreicht, nach dem Tod ihres zweiten Mannes, wird er sie schon fragen, ob sie ihn heiraten möchte, und dann, wie beschrieben, die berühmte Trennung.

Bis auf königliche Brautpaare und Maximalallergiker sind fast alle auf Papier umgestiegen

Als „Vom Winde verweht" in die Kinos kam, wurden in Deutschland zwar schon 400 Millionen Papiertaschentücher verkauft, trotzdem war das Stofftaschentuch immer üblich. Heute sind bis auf königliche Brautpaare und Maximalallergiker fast alle umgestiegen: Auf Papier.

Am 29. Januar 1929 – vor genau achtzig Jahren - reichten die Vereinigten Papierwerke Nürnberg ein Patent an: Für ein Stück Zellstoff, und kurz darauf wurde mit der Produktion begonnen. „Tempo" nannte man das Produkt, das für ein schnelles Leben in einer beschleunigten Zeit stehen sollte. Heute wird der Begriff "Tempo" in weiten Teilen Deutschlands als Synonym für Papiertaschentuch benutzt. Die Traditionsmarke wechselte mehrmals ihren Besitzer, musste nach Ablauf des Patents mit Nachahmerprodukten den Markt teilen und ist dennoch Marktführer.

Tempo hat das Konzept des Taschentuchs allgegenwärtig und erschwinglich gemacht und zugleich seine Erhabenheit genommen. Die Frage, die sich heute zu Taschentüchern stellt, ist nicht mehr, wem sie gehören. Sondern ob sie drei- oder vierlagig sind, parfümiert oder balsamiert. Soll man sie in der gängigen Zehnerpackung kaufen, oder doch das amerikanische Modell nehmen: die Spenderbox? Das Tuch bietet keinen Luxus mehr, sondern verkümmert zu einer Notwendigkeit, zu einem Posten auf der Einkaufsliste. Gleichzeitig reduziert sich sein Gebrauchsleben auf den Moment zwischen Benutzung und Entsorgung.

Nach dem Willen von Franz Daschner, dem ehemaligen Leiter des Instituts für Umweltmedizin und Krankenhaushygriene Universität Freiburg soll das auch genau so sein. Nur wenn es sofort weggeworfen wird, bringt das Papiertaschentuch einen hygienischen Fortschritt. Auch nur dann, wenn sich der Benutzer danach sofort die Hände wäscht. Wer morgens in der S-Bahn verzweifelt nach einem Tempo in der Tasche kramt, dem wird das egal sein. Hauptsache, man findet irgendetwas.

Protzwedel und Kokettierfetzen

Ursprünglich waren die Taschentücher weniger Rotz- als Protzwedel. „Vor der Entwicklung neuer Produktionsverfahren waren diese Tücher sehr teuer, mit Edelsteinen besetzt," sagt Gabriele Donder-Langer. Die Historikerin hat die Entwicklung der Taschentuchs verfolgt und dazu das Buch „Menschen, Nasen, Taschentücher" herausgebracht, in dem die Kulturgeschichte des Taschentuchs erzählt wird. Sie berichtet von Tüchern, auf denen Propaganda- oder Schmähsprüche gedruckt waren, auch von den so genannten „Kokettierfetzen", die in den Zwanziger Jahren modern wurden: Aus der Jackentasche hängende Tücher, wie es sie heute noch gibt. Schmuck, der von jedem bestaunt werden darf.

In der Literatur und im Kino gilt hingegen meistens: Das Taschentuch ist etwas Intimes. Schon in „Othello" von William Shakespeare ist es das Taschentuch der Desdemona, das zu ihrem Mord durch den eigenen Mann führen wird.

Auch in der filmischen Umsetzung des Romans Das Parfum von Patrick Süskind wird das Taschentuch bewusst eingesetzt. Denn es geht um Gerüche, die ja im Kino nicht dargestellt werden können. Ein Duftexperte, gespielt von Dustin Hoffman, riecht eben nicht nur an seinen Flakons – was trotz Hoffmans großer Nase ein langweiliger Anblick wäre - sondern parfümiert ein Taschentuch, das er langsam und genüsslich durch das Bild wedelt. Als der Protagonist Jean-Baptiste zu seiner Exekution gefahren wird, parfümiert er sich mit der Essenz seiner Opfer. Am Marktplatz angekommen soll nun die Menge von seinem Duft betört werden, aber wie? Regisseur Tom Tykwer benutzte ein in der Luft schwebendes Taschentuch, um den Dominoeffekt, der zur Massenkopulation führt, in eine Handlung einzubauen.

3.500 Dollar für ein gebrauchtes Taschentuch von Scarlett Johansson

In ein Tuch kann man schnäuzen, oder sich nur dezent die Tränen trocknen. Ein feiner Unterschied, den Viv aus Pretty Woman von 1990 nicht kennt. Schließlich ist sie eine Prostituierte von der Straße. Da sie aber von Julia Roberts in all ihrer Schönheit dargestellt wird, muss der Zuschauer immer wieder darauf hingewiesen werden: Vivian hat zwar ein gutes Herz, und auch Verstand, Benehmen aber keins. So schnoddert sie kräftig in das ihr hingehaltene Stofftaschentuch. Ein Stilbruch.

Das aufregendste Taschentuch der neueren Geschichte jedenfalls gehörte auch einer Scarlett. 3.500 Dollar zahlte ein Fan für das, man beachte, gebrauchte Taschentuch von Hollywoodstar Scarlett Johansson. Ein Kultkauf der zeigt, dass aus jedem noch so banalen Gebrauchsgestand für jeden einzelnen etwas besonderes werden kann – soweit man nur an die Magie des Benutzers glauben mag.

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13:25 29.01.2009

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