Vom Regen in die Traufe

Hamas Verhandlungen mit der Hamas hätte Israel auch auf diplomatischem Wege erreichen können, die totale Zerschlagung der Organisation könnte sich für Israel aber noch rächen.

Die Bilder des Elends, die uns aus Gaza erreichen, scheinen täglich grausamer zu werden. Wann und wie wird es ein Ende haben? „Je früher, desto besser,“ sagt Ehud Olmert, der unglückselige Premier, dessen Amtszeit mit den Attacken auf den Südlibanon begann und mit den Angriffen auf Gaza enden wird. Der israelischen Zeitung Ha’aretz sagte er am Dienstagabend, er stehe in Kontakt mit führenden Politikern der Welt, um einen diplomatischen Ausweg zu finden – er klang aber nicht, als habe er es sonderlich eilig.

Eigentlich geht man davon aus, dass Krisen wie diese zu einem Ende kommen, wenn die internationale Gemeinschaft endlich sagt: genug ist genug. Doch im Nahen Osten ist die internationale Gemeinschaft eine Fiktion. Hier zählt nur Druck aus Washington, aber von dort kommt nichts. George Bush steht voll hinter den Aktionen Israels und Barack Obama hält sich strikt an die Vorgaben des Protokolls, nach denen der designierte Präsident den Mund zu halten hat, bis er am 20. Januar den Amtseid geleistet hat.

Somit kann nur noch aus einer Richtung Druck ausgeübt werden, um die israelische Regierung zum Umlenken zu bringen: von der öffentliche Meinung in Israel. Wenn die Väter und Mütter der israelischen Soldaten sich gegen die Operation Gegossenes Blei stellen, werden deren Tage gezählt sein. Damit dies passiert, müssten die israelischen Truppen schwere Verluste erleiden. Auch der Rückhalt für den Libanonkrieg 2006 schwand dahin, sobald zu viele israelische Familien Tote begraben mussten.

Noch steht Israels Bevölkerung hinter der Militärstrategie

Doch es sieht nicht danach aus, als würde dieser Fall eintreten. Zurzeit erntet die Armee Lob für ihr umsichtiges Vorgehen, dafür, dass sie ihre Bodentruppen mit Bedacht vorrücken lässt, ganz als hätte sie aus 2006 ihre Lektion gelernt. Entscheidender aber ist, dass die Hamas nicht annähernd soviel Gegenwehr aufbringt, wie seinerzeit die Hisbollah im Libanon. Damals lag die Zahl der Opfer auf israelischer Seite dreimal höher.

Die Hamas verfügt nicht über die Ressourcen der Hisbollah, der offene Grenzen und Nachschubwege nach Syrien zugute kamen. Die Hamas ist im kleinen, abgeriegelten Gaza. Es stimmt, sie hat den Iran im Rücken, wodurch sich auch der Rückhalt erklärt, den die Operation Gegossenes Blei in der israelischen Bevölkerung genießt, die schon seit langem einen iranischen Handlanger an der südlichen Grenze ihres Landes fürchtet.

Wenn man nicht davon ausgeht, dass dahinter ein teuflischer Plan der Hamas-Führung steckt, ihre Kämpfer zu verbergen, um die Israelis bis tief in den Gaza-Streifen hineinzulocken, wo sie am verwundbarsten sind, hat Israel den Ausgang der Kämpfe in der Hand. Sie werden jetzt noch nicht aufhören, nicht, solange sie immer noch Waffenverstecke der Hamas finden, die es zu vernichten gilt. Es ist zu verlockend, den Druck weiter zu erhöhen und den Feind zu zermürben. Auf diesem Wege könnte die israelische Regierung das erreichen, was ihr 2006 versagt blieb: ein klarer und eindeutiger Sieg. Darin liegt aber ein enormes Risiko. Ein solcher Sieg würde nicht nur bedeuten, dass man das ursprüngliche Kriegsziel erreicht – dafür zu sorgen, dass weniger Raketen auf zivile Ziele in Israel niedergehen –, sondern könnte die Hamas-Regierung gänzlich zu Fall bringen.

Die offiziellen Vertreter der israelischen Regierung bestreiten sowohl, dass ein Sturz der Hamas wahrscheinlich ist, als auch, dass ein solcher von ihnen beabsichtigt ist. Doch es könnte durchaus darauf hinauslaufen. Geheimdienstberichten zufolge ist die Organisation nicht mehr in der Lage zu regieren.

Die Mitglieder der israelischen Regierung werden frohlocken, ihre Umfragewerte werden in die Höhe schnellen. Aber die Sache würde sich mit Sicherheit als Pyrrhussieg erweisen. Denn was wären denn die Konsequenzen eines Sturzes der Hamas-Regierung? Die Israelis wären in der Zwickmühle: Sie müssten entweder bleiben und die Besatzung wiederherstellen, die sie 2005 beendet haben ¬– eine in Israel absolut unpopuläre Option. Oder sie würden sich zurückziehen und ein riesiges Fragezeichen hinterlassen.

Ein zweites Somalia?

Denn in Gaza könnte ein Vakuum entstehen, das sich schnell zu einem zweiten Somalia entwickeln kann, ein von Warlords und Clanführern beherrschtes, gesetzfreies Ödland. Eine neue Kraft könnte versuchen, Hamas zu ersetzen. Höchstwahrscheinlich wäre diese sogar noch radikaler: Al-Qaida drängt schon lange in den Gaza-Streifen und versucht, sich dort zu etablieren.

Kann eine dieser Varianten Israel gefallen? Selbstverständlich nicht. Wie ein israelischer Kommentator es ausdrückte: „In diesem Zusammenhang muss die IDF Angst haben, zu erfolgreich zu sein.“Das von den Israelis bevorzugte Szenario bestünde in einer Übernahme der Verwaltung durch die gemäßigte Fatah. Aber die Fatah weiß genau, dass auf israelischen Panzern nach Gaza zurückzukehren ihrem Todesurteil gleichkäme: Sie würden für alle Zeiten das Kainsmal der Kollaborateure mit dem Feind tragen.

Vielleicht würde Israel die Verantwortung für den Gaza-Streifen auf eine Koalition gemäßigter arabischer Staaten unter Einbeziehung der von der Fatah geführten palästinensischen Autonomiebehörde abwälzen. Aber würde jemand von denen diese Aufgabe übernehmen wollen? Nach Meinung des Analysten Ahmad Khalidi ist der „Umfang an Hilfsleistungen, Wiederaufbaumaßnahmen und psychologischer Versorgung von solchem Ausmaß“, dass mit Sicherheit niemand die Aufgabe übernehmen würde und die Verantwortung bliebe an Israel hängen. Und aus dem Trümmerfeld Gaza werden die Angriffe auf Israel mit Sicherheit wieder beginnen. Hamas ist zu tief verwurzelt, als dass sie verschwinden könnte. Neue Zellen werden entstehen, hasserfüllter und mehr noch mehr auf Rache sinnend denn je. Bereits jetzt gibt es Drohungen, man werde wieder auf das Mittel der Selbstmordattentate zurückgreifen, in und außerhalb Israels.

Israel könnte die Zerschlagung der Hamas noch bedauern

Und, so warnt Khalidi, es gäbe keine Hamas-Führung – bei all ihrer nicht von der Hand zu weisenden Disziplin und Autorität über ihre Kräfte und dem Pragmatismus, die Vorteile eines Waffenstillstandes zu schätzen –, um diese neuen, zornigen Kämpfer in Zaum zu halten. Die große Ironie besteht darin, dass es Israel zwar durchaus gelingen könnte, Hamas zu enthaupten, gleichzeitig aber bereuen dürfte, dass es keine palästinensische Verwaltung mehr gibt, die mit genügend Autorität ausgestattet ist, um für Ordnung zu sorgen.

Vielleicht sieht die israelische Führung diese Gefahr und tritt auf die Bremse, um zu einem Waffenstillstand zu kommen, der von Dauer wäre und von außen kontrolliert werden würde, schließlich und endlich aber zu Verhandlungen mit Hamas führen würde. Wenn es darauf hinausläuft, wäre dies ein zutiefst fragwürdiger Sieg. Denn das hätte Israel auch auf diplomatischem Wege erreichen können, ohne so viele Menschenleben zu opfern, ein solches Chaos anzurichten und seinem internationalen Ansehen solch großen Schaden zuzufügen. Geht es einen Schritt weiter, wird es eine Gefahr beseitigen, um sie durch eine größere zu ersetzen.

Übersetzt von Zilla Hofman / Holger Hutt

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12:20 09.01.2009

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