Vom "sauberen Krieg"

Szenen des Grauens Wenn das Kartell des Verschweigens durchbrochen wird

Der Krieg der USA und ihrer Verbündeten in Afghanistan war bisher ein Krieg fast ohne Bilder und Namen. Ein blutleerer Krieg, könnte man etwas zynisch anmerken. Der Öffentlichkeit waren fast ein Dreivierteljahr lang Computerbilder, Luftaufnahmen, unbekannte Ortschaften, Zahlen oder allenfalls die Gefangenenbilder von Guantanamo vorbehalten. Wer sich über die zivilen Opfer dieses "Krieges gegen den Terror" informieren wollte, stieß auf die peinlich-widerlichen Argumentationen des Pentagon über unvermeidliche "Kollateralschäden" oder musste sich auf der homepage des amerikanischen Universitätsprofessors Marc W. Herold durch fast zweihundertseitige Tabellen lesen, in denen militärische Aktionen und Akteure sowie Tote und Verwundete aus Dutzenden internationalen Quellen zusammengestellt worden sind. Der derzeit letzte Eintrag mit Toten datiert vom 1. Juni und nennt drei von US-Streitkräften unschuldig Getötete und vier Verwundete im Dorf Kharwar (http://pubpages.unh.edu/~mwherold/).
Dass es Strategie der Propagandisten im Pentagon und in den US-Geheimdiensten ist, den edlen Krieg gegen den internationalen Terrorismus nicht mit Bildern von zerfetzten Menschen, Verkrüppelungen, menschlichem Entsetzen zu beflecken, dürfte klar sein. Warum aber die internationalen Medien bisher das Kartell des Verschweigens und der Verschleierung nicht durchbrechen konnten, bleibt trotz des immensen Drucks aus den USA und der europäischen Schwüre "uneingeschränkter Unterstützung" rätselhaft. Immerhin gab es von Anfang an beträchtliche journalistische Kritik am Vorgehen der Bush-Administration, nicht nur im Feuilleton.
Der Film des irischen Journalisten Jamie Doran Das Massaker von Mazar mag manches ändern. Man wird sich auseinandersetzen müssen mit den Bildern der Massengräber, der Gefangenen, der Container, mit denen sie transportiert wurden, der Zeugen.
Es wird zum ersten Mal von umfangreichen direkten Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit berichtet. Die Existenz der Massengräber scheint inzwischen endgültig bewiesen zu sein, da sie auch von der US-Organisation Ärzte für Menschenrechte bestätigt wird. Deren Untersuchung von drei Leichen hat Tod durch Ersticken ergeben. Die Übereinstimmung zu Zeugenaussagen in Dorans Film ist offensichtlich. Die Zeugen, die sich zum Teil auch selbst belasten und ausnahmslos bereit sind, vor internationalen Gerichten auszusagen, belegen, dass diese Verbrechen nicht nur vom Alliierten der USA - der Nordallianz - begangen wurden, sondern dass auch US-Soldaten und Offiziere an ihnen beteiligt waren.
Jamie Doran, dessen Filmografie einen engagierten und international anerkannten Professionalismus bestätigt, ist Gewähr dafür, dass die Zeugen nicht für einen billigen Propagandafilm "gekauft" wurden. Alle Zweifel können und müssen von Strafverfolgungsbehörden und Gerichten der USA oder anderer Staaten ausgeräumt werden. Dass die USA die Operationen in und um Mazar-i Sharif militärisch geleitet haben und mit Spezialkräften vor Ort gewesen sind, ist ohnehin offiziell bekannt. Auch, wenn es weiterhin geboten ist, mit endgültigen Schlussfolgerungen vorsichtig zu sein - die Zweifel an "sauberen" Kriegen werden nicht mehr verstummen.
Jetzt sollte schleunigst eine unabhängige internationale Untersuchung der Massaker und Massengräber stattfinden. Besonders das Internationale Rote Kreuz (IKRK), aber auch die UNO müssen aktiv werden. Im Europäischen Parlament sind solche Forderungen bereits erhoben worden. Der Menschenrechtsausschuss des Bundestages hat den deutschen Außenminister um Auskunft ersucht. Die Aussagen des Filmes gebieten meiner Meinung nach jedoch auch, eine prinzipielle Veränderung der deutschen und europäischen Politik gegenüber dem Kurs der USA und der Bush-Doktrin einzuleiten. Die Gründe dafür sind jedoch wesentlich umfassender. Jamie Dorans Film kann der Katalysator sein, der sie endlich zur Geltung bringt.

00:00 21.06.2002

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