Barbara Schweizerhof
14.12.2011 | 15:35 2

Vom Segen des Älterwerdens

Film Der Film "Wader Wecker Vater Land" von Rudi Gaul ist ein präzises Doppelporträt zweier gegensätzlicher Temperamente, die sich herzlich begegnen

Der Liedermacher gehört zu jenen Phänomenen der siebziger Jahre, die heute irgendwie blamiert dastehen. Künstler, die eine bessere Welt mit der Gitarre herbeisingen wollten – ist das nicht lächerlich? Die Frage sei ihm in all den Jahrzehnten immer wieder gestellt worden, erzählt Hannes Wader am Anfang des Dokumentarfilms Wader Wecker Vater Land: „Glaubst du, du kannst mit deinen Liedern etwas verändern?“ Da fällt Konstantin Wecker ihm schon ins Wort, man müsse doch mal die Gegenfrage stellen, und die Antwort hat er gleich parat: „Ohne unsere Lieder hätte sich die Welt verändert! Zum Negativen.“ So kann man das auch sehen.

Die beiden älteren Herren, Mitte und Ende 60, sitzen während dieses Gesprächs in einem Zugabteil. Sie sind gemeinsam auf Tournee. Dokumentarfilmer Rudi Gaul, Jahrgang 1982, begleitet sie. Das klingt nach einem herkömmlichen Konzept. Doch Gaul macht daraus ein Doppelporträt, wie man es besser, präziser, anschaulicher, bewegender kaum hätte schreiben können. Weil er die Tugenden des journalistischen Porträts beherzigt. Er hat viel Zeit mit seinen Protagonisten verbracht, das merkt man den entspannten Aufnahmen an.

Das Reden bleibt Wader und Wecker überlassen, einzeln, in ihrer jeweiligen häuslichen Umgebung und gemeinsam auf Tour. Die aktuellen Aufnahmen kon­trastiert Gaul auf eine Weise mit Archivmaterial, die den Zuschauer zum Entdecker werden lässt. Wie sich die beiden verändert haben, was sich für beide verändert hat – das wird hier weniger vorgesagt, als es sich der Zuschauer selbst erschließen kann, angeregt durch die Reflexionen der Liedermacher über sich und den jeweils anderen.

So hört man Wader nicht unkritisch von sich sagen, er sei ein Eigenbrötler. Die gemeinsamen Auftritte mit Wecker und dessen Entourage fallen ihm sichtlich schwer. Der große Charme des Films aber rührt daher, dass man hier zwei gegensätzliche Temperamente auf herzliche Weise miteinander harmonieren sieht. Der verschlossene Wader und der extrovertierte Wecker, sie scheinen sich zu mögen – anders als ihre Fans es einst für möglich hielten.

Wader, das war mal der Dogmatiker mit Parteibuch, Wecker der Hallodri, der sich erst spät zum Linkssein bekennen wollte. Sie haben trotzdem viel gemeinsam, etwa dass sie einmal unter medialer Aufmerksamkeit verhaftet wurden. Beim gemeinsamen Nachdenken über Erfolge und Tiefschläge kommen weitere Parallelen zur Sprache. Wecker wagt es, seinen Weg in die Drogen strukturell mit Waders Eintritt in die DKP als „Suche nach einem Hafen“ zu vergleichen.

Wader Wecker Vater Land handelt nicht nur von seinen Protagonisten, sondern von etwas Umfassenderem, Allgemeinerem: vom Segen des Älterwerdens. Wader und Wecker sind nicht nur typische Vertreter einer Generation von Junggebliebenen, sondern erscheinen heute so sichtlich humorvoller, ehrlicher, gelassener und deshalb viel interessanter als ihre Alter Egos aus dem Archiv, sodass man die hinzugekommenen Jahre als Bereicherung erlebt.

Das ganze Leben werde anstrengender im Alter, sagt ein nach dem Auftritt bestgelaunter Wecker, nur das auf der Bühne nicht, das werde immer schöner. Das habe er auch sagen wollen, es sei ihm nicht rechtzeitig eingefallen, pflichtet ein aufgeräumter Wader bei. „Hannes, es ist schön, mit dir auf Tour zu sein! Große Freude!“, prostet ihm Wecker zu. „Große Freude!“ wiederholt Wader karg, und der Zuschauer ist ganz bei ihnen.

Kommentare (2)

Vaustein 14.12.2011 | 18:50

Dass die beiden Barden etwas bewegt haben dürfte unbestritten sein.

Was genau wird man natürlich nie genau benennen können. Aber von einem gehe ich schon aus: Sie regten zum Nachdenken an. Über die hiesige Politik, über Militäreinsätze, über Humanität und nicht zuletzt über den Umgang miteinander.

Schlagerfuzzis sehen doch ziemlich blass gegen diese beiden Grössen der deutschen Liedermacher aus.

Ich wünsche ihnen noch ein langes und produktives Schaffen.

weinsztein 16.12.2011 | 01:15

Barbara Schweizerhof sieht einen Film zur gemeinsamen Tournee von Hannes Wader und Konstantin Wecker. Der Liedermacher sei ein Phänomen der 70-er Jahre, schreibt sie, stehe heute blamiert da, weil er damals mit der Gitarre eine bessere Welt herbeisingen wollte. Der eine habe den Weg zur DKP gefunden, der andere den in die Drogen. Doch nun seien beide älter geworden und erscheinen der Autorin "so sichtlich humorvoller, ehrlicher, gelassener und deshalb viel interessanter".

"Gaul macht daraus ein Doppelporträt, wie man es besser, präziser, anschaulicher, bewegender kaum hätte schreiben können." Es gelingt der Autorin nicht, das zu vermitteln. Sie schreibt das einfach hin und redet vom Segen des Älterwerdens, über Wecker Wader, beide blamiert wie viele andere schon vor Jahrzehnten, aber jetzt viel interessanter, älter.

Vorher, nachher, damals, heute, zwei Lebensläufe wie ein Strich.
Was weiß Barbara Schweizerhof vom Leben dieser Liedermacher, von deren Verzweiflungen, Höhen und Tiefen, Gewissheiten, Irrtümern?
Sie kennt das alles, schreibt dann diesen Artikel für den Freitag.