Vom Sinn der Opfer

Überbordendes Gerede Post-heroische Gesellschaften suchen Rituale, um sich ihres eigenen Wertes zu versichern

Verkehrsopfer, Rauschgiftopfer, Kriegsopfer - wir reden viel von Opfern, doch meist verwenden wir den Begriff des "Opfers" nicht präzise. Mit dem Appendix -opfer werten wir eine schwere, häufig tödliche Schädigung auf, wir geben ihr einen Sinn. Und wir bedienen uns, wenn wir von Opfern sprechen, der Begrifflichkeit einer Zeit, in der die Menschen noch an das Wirken übermenschlicher Mächte glaubten und es im tatsächlichen Gang der Ereignisse beobachten zu können meinten.

Opfer waren damals eine Form des Austauschs und der Kommunikation mit den Göttern, in der Regel zu dem Zweck, den Zorn der Götter über die Verfehlungen der Menschen zu besänftigen. Zunächst waren es Menschen, später Tiere, schließlich nur noch das Blut von Tieren, die den Göttern als Opfer dargebracht wurden. Spätestens von dem Zeitpunkt an, als das Fleisch der Opfertiere nicht mehr verbrannt, sondern von der zur heiligen Handlung versammelten Gemeinde verzehrt wurde, hatten die Opfer eine weitere Funktion: Sie dienten nicht mehr nur der Besänftigung der Götter, sondern zugleich der Gemeindebildung der Menschen. Die Gemeinsamkeit des Opfermahls wurde zum Mittel der Versöhnung unter den Menschen. Zwist und Streit wurden im gemeinsamen Verzehr des geopferten Tieres getilgt. Indem sich der Opfernde individuell von Schuld reinigte, wurde auch die Gemeinschaft erneuert, der er angehörte. Mehr noch als durch ihre Helden werden Gemeinschaften durch ihre gemeinsamen Opfer zusammengehalten, zusammengeschweißt.

Das gilt offenbar nicht bloß für archaische Gesellschaften, in denen die Altäre noch tatsächlich mit Blut bespritzt waren, sondern auch für moderne Gesellschaften, die eine bestimmte Auswahl von Geschädigten nachträglich in den Status von Opfern erheben. Oferstatus zu verleihen, das ist nicht nur eine Ehrung der Geschädigten, die zumeist mit gewissen Ausgleichszahlungen verbunden ist, sondern es ist vor allem eine Selbstversicherung der Gemeinschaft, die sich auf diese Weise bestätigt, wert zu sein, dass für sie Verluste in Kauf genommen werden. Gerade postheroische Gesellschaften, in denen der Mentalität des Heldentums keine sozialkonstitutive Rolle zukommt, scheinen auf solche Formen der Selbstanerkennung angewiesen zu sein. Die Gier der Medien, endlich die ersten richtigen Opfer von Auslandseinsätzen der Bundeswehr vermelden zu können, ist hierfür ein zuverlässiger Indikator.

Aber so unproblematisch die Verwandlung von Geschädigten in Opfer ist, wenn es um das Geltendmachen von Schmerzensgeld und Ausgleichszahlungen geht, so heikel ist die Auswahl geeigneter Opfer zur Selbstanerkennung der Gesellschaft. Nicht jeder Geschädigte taugt hierfür; nun kommt wieder die archaische Logik des Opfers ins Spiel, bei der die Opfergabe genauen Anforderungen unterlag. Erstgeborene Söhne, ausnehmend schöne Töchter, einzige Kinder - das waren Opfergaben, die keinen Zweifel daran aufkommen ließen, dass die Opfernden die Macht und den Zorn der Götter mehr fürchteten als alles andere auf der Welt. In diesem Sinne sind für die postheroischen Gesellschaften unserer Tage nur Soldaten, die bei Kampfhandlungen den Tod gefunden haben, wirklich Opfer. Sind sie dagegen bei Unfällen oder infolge unsachgemäßer Handhabung militärischen Geräts ums Leben gekommen, gehen ihnen wesentliche Elemente der Opferqualität ab.

Die Spekulationen, die sich um den jüngsten Unfall bei der Räumung und Sprengung von hinterlassenen Kampfmitteln der Afghanistan-Kriege gerankt haben, sprechen eine deutliche Sprache. Dass es sich dabei um einen Schaden infolge unsachgemäßer Behandlung der Boden-Luft-Raketen gehandelt hat, ist zunächst nicht ernstlich in Betracht gezogen worden. Dann wären die Toten und Verwundeten ja gar keine Opfer des Krieges, sondern eher Opfer ihres Leichtsinns, und damit war aus ihrem Tod für die Selbstvergewisserung der Gesellschaft eigentlich kein Mehrwert zu ziehen. Also war die Rede von manipulierten Sprengfallen der Taleban oder zumindest doch dem schlechten Zustand des zurückgelassenen Kriegsmaterials, das für den Tod der Soldaten verantwortlich sei. Was die Untersuchungskommission inzwischen als Ursache der vorzeitigen Detonation der Rakete herausgefunden hat, eignet sich kaum, um die gesellschaftliche Sehnsucht nach Opfern zu befriedigen. Eher reiht es sich ein in die Abfolge tödlicher Unfälle, die sich im Rahmen von Auslandseinsätzen der Bundeswehr ereignet haben. Aber diese Unfälle unterscheiden sich nicht gravierend von denen, die auch hierzulande tagtäglich stattfinden. Die dabei Geschädigten werden zwar als Opfer bezeichnet, aber insgeheim wissen wir alle, dass es sich dabei nur um "metaphorische" und nicht um "wirkliche" Opfer handelt. Die Enttäuschung darüber ist in den Medien allenthalben zu spüren.

Die Journalisten und die Opfer, tatsächliche wie metaphorische, sind eine eigentümliche Verbindung eingegangen, die als Fortsetzung archaischer Verhältnisse unter modernen Umständen begriffen werden können. Wurde das Opfer in archaischen Gesellschaften von Priestern als solches bezeichnet, so fällt in modernen Gesellschaften diese Kennzeichnungsfunktion insbesondere Journalisten und Intellektuellen als gesellschaftlichen Sinnvermittlern zu. Aber während die Priester tatsächlich opferten, vollziehen Journalisten und Intellektuelle nur begriffliche Operationen: Sie reden bloß von Opfern. Dass dieses Gerede irgendwann selbst zu Opfern führt, kann nicht ausgeschlossen werden. Jedenfalls wird das gesellschaftliche Bedürfnis nach wirklichen Opfern dadurch erheblich gesteigert und angeheizt.

Womöglich geht es bei all dem gar nicht um tatsächliche Opfer, sondern bloß um die Suche nach einem würdigen Ritual, in dem Gesellschaft und Staat sich ihres Wertes versichern: dass es sich lohnt, für sie Opfer zu bringen, und dass es Menschen gibt, die dazu auch bereit sind. Funktionierende Rituale haben die wunderbare Eigenschaft, allen Opfern, egal wovon, Authentizität zu verleihen. Das überbordende Opfergerede in Deutschland hat offenbar auch damit zu tun, dass es bei uns solche Rituale nicht gibt oder, wo sie in Ansätzen vorhanden sind, sie in der Gesellschaft keine Akzeptanz besitzen. Rituale dämpfen Opferhysterie und aufgeregtes Gerade. Hätten wir Rituale - sie würden uns beruhigen.

Herfried Münkler ist Professor für Politische Theorie an der Berliner Humboldt-Universität und Autor zahlreicher Publikationen unter anderem zum Nationenbegriff und zum Bild des Krieges in der Politik. Sein nächstes Buch, Die neuen Kriege, wird im Sommer beim Rowohlt-Verlag erscheinen.

00:00 05.04.2002

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