Roland Merk
19.04.2011 | 10:40

Vom Süden kommt der Wind

Tunesien Jede revolutionäre Gesellschaft zählt ihre Tage neu. Ein Augenschein aus einem Land der ­befreienden Energie und doch immer wieder aufflackernden Nervosität

Endlich, Tunis und nichts als ein freudiges, jugendliches Rauschen und Vibrieren in diesen lichterfüllten Straßen voller Menschen; die Medina, das stolze, befreite Minarett der Al-Zeitouna, der Souk, die pulsierende Neustadt, die armen, doch lebendigen Banlieues vor dem Präsidialpalais! Hell leuchtet alles in den Farben Paul Klees, das azurne Meer und der unendliche Himmel über mir. Überall grüßt von den Mauern der Häuser das Konterfei Che Guevaras und lässt mich an die Worte Immanuel Kants denken. Vom ansteckenden „Enthusiasmus“ der Völker sprach er nach Ausbruch der französischen Revolution 1789.

Vor drei Jahren waren wir zum letzten Mal hier. Ein Besuch bei Freunden, einem Verlegerpaar, einem Filmemacher, einem Maler. Schlechte drei Jahre waren es für die Bewohner des Landes! Nun soll alles anders sein. „Heute ist Tunesien ein freies Land!“, steht auf einem Plakat am Flughafen. Ein Volk ist aufgestanden, überwand in der Straßenschlacht um die Avenue Habib Bourgiba mit vor Tränengas roten Augen seine Furcht vor dem Tod. Laut schrien sie, Männer und Frauen, das Friede den Hütten! Krieg den Palästen! gemeinsam mit den bis vor Kurzem verbotenen Kommunisten und Syndikalisten. Trommelnd zogen sie durch die Nacht dieses mafiösen Systems, schritten als Karawane des Volkes durchs arme Hinterland und donnerten in einem letzten heiligen Volkszorn gegen den Diktator – noch vor Kurzem vom Westen „Unser Freund Ben Ali!“ genannt – ein wütendes Dégage! – Hau ab! durch hallende Straßen. Dann war alles vorüber, und die tödliche Fata Morgana des Diktators und seiner Frau und Coiffeuse Leila Trabelsi lichtete sich zum neuen, hoffnungsvollen Tag und zu der Frage: Was tun?

Wir sind angekommen in der Avenue Habib Bourgiba, Flaniermeile dieses revolutionären Volkes. Der Platz des 7. November, um dessen Rund die Konstellation der alten Macht sich entfaltete – das Innenministerium, die Zentralbank, das Ministerium für Tourismus und der geschleifte Parteisitz der verhassten RCD Ben Alis –, trägt einen neuen Namen: Platz des 14. Januar.

Wie jede revolutionäre Gesellschaft zählt die tunesische ihre Tage neu. „Nun werden auch die Tunesier einen 14. als Nationalfeiertag haben wie die Franzosen. Das wollten wir so, damit sich das leicht vergessliche Frankreich, das alte Land der Menschenrechte, an seine eigene Geschichte erinnern kann“, lacht unser Freund D., der Filmemacher, und fügt hinzu: „Das Gute an unserer Revolution ist, dass sie wirklich von unten kam. Klar, das Dégage! ist kein Rezept für kommende Tage, aber nun sind wir alle auf die gleiche Weise herausgefordert. Unter Ben Ali war nichts möglich, jetzt ziehen wir alle am gleichen Strang. Wir lassen uns auch nicht erpressen. Mit Brot und Wasser – Nein zu Ben Ali! sind wir durch die Straßen gezogen, das bedeutet auch, dass wir von Brot und Wasser leben können. Wir lassen uns von falschen Versprechen nicht beeindrucken. Ben Ali hat uns lange auf die Füße getreten, jetzt geht es um unsere Karama – unsere Würde als Menschen!“

Das riesige Loch

Wir ziehen Richtung Französisches Tor, das die Tunesier unbeeindruckt von der Geschichte immer „Bab el Bhar“ nannten – Tor zum Meer. Zehntausende promenieren. Man spürt eine ungeheure, befreiende Energie. Noch dominieren zwar die schwarzen Kleider, als hätte die inzwischen verbotene politische Polizei dem Volk die Mode angesagt, noch wachen viele Leute morgens auf und können nicht glauben, dass die alte Zeit vorüber ist – und doch ist nun vieles anders. Alle sind hier redselig: Die Radiomoderatoren, die Presse, die Taxichauffeure, von denen früher etliche für die Polizei gearbeitet haben, ja selbst die Werbungen von Paribas bis Amen-Bank mit den Glückwünschen an die Revolution. Die Plakate an den Häusern triumphieren: „Ich liebe die Revolution und meine Armee!“

Alle feiern die Revolution. Es ist, als wollten die Tunesier das riesige Loch von 23 Jahren erzwungenen Schweigens mit einer ungeheuren Kaskade an Worten binnen einiger Wochen auffüllen. Unter den Blicken der Statue des von Karl Marx verehrten arabischen Philosophen Ibn Khaldun, dem Denker der ewigen Mechanik des Aufstiegs und Falls der Mächtigen, gehen wir diskutierend wie alle anderen auf der Avenue herum. Ibn Khaldun scheint es zu gefallen.

Die nächsten Tage verbringen wir mit Gesprächen und im Taxi unterwegs durch verstopfte Straßen. Unterredungen mit Schriftstellern, Filmemachern, Syndikalisten, Cyberaktivisten, Händlern aus dem Basar. Uns interessiert, was sie denken, fühlen, was sie von der neuen Zeit erwarten. Alle sind sie mobilisiert. Auch die Kinder, mit denen wir uns zu Füßen der antiken Ruinen in Carthago unterhalten, wissen: Das Geld des tunesischen Volkes liegt auf den Schweizer Banken.

Überall schießen Parteien wie Pilze aus dem Boden. Nervosität könnte der alten Garde in die Hände spielen. Zwar ist die Partei Ben Alis aufgelöst und ihr Geld beschlagnahmt, doch erscheinen deren Hintermänner bereits wieder in neuer Maske. Auch sie gründen Parteien, doch im Unterschied zu vielen anderen gut dotiert mit Geld. Was denn jetzt während der Übergangsregierung bis zur verfassunggebenden Versammlung von Vorrang sei, frage ich. „Wir haben einen Rat zum Schutz der Revolution gebildet – Anwälte, kleinere Parteien, Gewerkschaften sind mit von der Partie. Wir werden zu Demonstrationen aufrufen, bis unsere Forderungen von der provisorischen Regierung erfüllt werden. Wir bleiben wachsam“, sagt mein Gegenüber, und auf Lateinisch: „Carthaginem non esse delendam.“

In der Tat: Das neue Carthago darf nicht zerstört werden! Die Revolution muss weitergehen. Auf die Bürgerwehren, die Wohnviertel gegen eine plündernde Polizei schützten, folgen nun die räterepublikanischen Versammlungen in den Gemeinden. Man ist sich über nichts einig außer über zwei Sachen: Erstens, schlimmer als unter Ben Ali kann es nicht werden! Und das Ausland soll sich nicht einmischen! Jenseits dieser zwei Trigonometrischen Punkte öffnet sich ein weites Feld, man zählt bereits über 50 Parteien.

Ein groteske Überlegung

Zum Going-public aller politischen Tendenzen kommt das Coming-out frühlingshaft hinzu, Liebespaare aller Tendenzen promenieren da und dort selbstbewusst durch Tunis, nur die Händler haben schlechte Laune wegen der fehlenden Touristen. Ein beschwingtes Dégage! für alle Situationen des Lebens macht sich breit. Schon fragen mutlose Skribenten in den Quartierszeitungen, ob die Häufung von Demonstrationen, von denen einige auch von Geschäftsleuten zu ihrem nicht ganz interesselosen Wohlgefallen finanziert werden, ein Ausdruck der gesunden psychischen Verfassung der Tunesier sei. Doch, ein gesundes Purgatorium macht sich breit! Ein digitales Purgatorium dank Facebook, das alle Stimmen aus den Städten und vom Land zusammenbringen kann. Auf Facebook kursieren Listen, wer was zu einer bestimmten Zeit gemacht hat. Jetzt wird Material gesammelt, das bis in die Frühzeit Ben Alis zurückreicht. Fälle von Korruption, Verrat oder verleumderischen Anzeigen, die Jahre des Gefängnisses zur Folge hatten, werden ans Licht gebracht.

Eine immense Arbeit wartet auf die Richter, wenn Tunesien wieder auf geordneten Beinen stehen wird. In der Zwischenzeit übernimmt Facebook einen Teil der Oppositionsarbeit, organisiert da und dort, ruft zu Protesten auf oder zu Sit-ins in Bikinis auf dem Flughafen, wenn die Köpfe der unter Ben Ali verbotenen Ennahda, der islamischen Bewegung, aus dem Exil zurückkehren. Facebook sorgt dafür, dass man nicht voreilig wieder zur Normalität zurückkehren kann, wie das einige wünschen.

Wieder im Taxi, auf dem Weg zu einem letzten Treffen, wieder in unglaublichem Tempo. Wir fahren die Salzseen entlang nach La Goulette, wo ganz Tunis am Meer herrliche Fische und Pasta isst. Wir nehmen eine revolutionäre Auszeit mit T.S., einem der Sekretäre der Tunesischen Kommunistischen Arbeiterpartei (POCT). Immer wieder bekommt er Anrufe, gibt Auskunft, bezieht Stellung. Nun schaltet er sein Handy ab. Man merkt ihm die strenge Zeit an. Ich denke an Camus’ Roman Die Pest, der nicht allzu weit von hier am selben Ufer dieses Mare Nostrum spielt.

Während wir mit ihm sprechen, zeigt das Fernsehen Bilder der vom Tsunami zerstörten Städte Japans und der verstrahlten radioaktiven Zone um Fukushima. Wie muss das Wechselspiel von Engagement und Auszeit, das Camus zur großen Maxime für den Menschen machte, dort sein, frage ich mich etwas verwirrt angesichts der apokalyptischen Bilder. Eine absurde, groteske Überlegung, ich erröte vor Scham. T.S. holt mich wieder in die Wirklichkeit zurück. „Alle glaubten hier, dass die Jugend unpolitisch sei oder nur ins Ausland abhauen will, doch nun hat sie gezeigt, dass wir falschlagen, dass sie reif ist und an dieser Gesellschaft teilhaben will. Ohne sie hätten wir die Revolution nicht gemacht.“

Ob es denn jetzt so etwas wie einen Generationenkonflikt gebe, ähnlich dem während der 68er-Bewegung in Europa, die Jungen könnten doch den Älteren jetzt vorwerfen, sie hätten 23 Jahre unter Ben Ali geschwiegen, frage ich. „Nein, das ist nicht unsere Art“, antwortet T.S. und fügt vor einem großen Teller Spaghetti sitzend hinzu: ,„Wichtig wird jetzt sein, dass Staat und Religion ganz getrennt werden, gerade auch für den rechtlichen Status der Frauen. Laizismus muss die Devise sein. Aber das hindert uns nicht, in einigen Belangen mit der zurückgekehrten, islamischen Bewegung Tunesiens zusammenzuarbeiten.“ „Mit der Ennahda?“, frage ich.

Islamisten nicht ausgrenzen

„Mit der Ennahda, wieso nicht? Was glauben Sie, was aus Italien ohne die Christdemokraten geworden wäre? Die Democrazia Cristiana, die Partei der Christlichen Demokratie, spielte dort eine große Rolle. Wir werden den Islam nicht ausschließen, wie uns das einige im Westen empfehlen. Dann radikalisiert er sich nur, und die Folgen kennen wir zur Genüge. Die Europäer denken diesbezüglich ohne Kontext und deshalb abstrakt. Der Islam wird ein kultureller Träger sein wie anderswo der Buddhismus, der Konfuzianismus oder eben das Christentum. Wichtig wird die Rolle der Linken sein. Die Wirtschaft, alle sozialen Belange müssen gefördert werden, dann werden die Islamisten kein ideologisches Brot haben, sondern ein Bestandteil dieser Gesellschaft sein, wie sie es auch sein dürfen. Wir verhandeln jetzt mit ihnen wegen der verfassunggebenden Versammlung. Das wirkliche Problem ist nicht die Ennahda – das sind die alten Mächte aus der Zeit der Diktatur.“

In der Tat: T. S. bestätigt, was die meisten Tunesier denken: Sie wünschen sich die Beteiligung aller Kräfte, die im Land vorzufinden sind, sie wollen die Frauen und die Jugend gestärkt sehen, aber auch das nicht losgelöst von allem anderen – eingebettet in eine große gesamtgesellschaftliche Bewegung. „So werden wir die Partie gewinnen“, glaubt T.S. zuversichtlich.

„Wissen Sie“, sagt ein eloquenter Taxichauffeur, der uns wieder zum Flughafen bringt, „früher bestimmten drei F unser ganzes Leben: Fußball, Frauen und Feste. Heute sind es drei P: Politik, P-hrauen und P-heste! Das macht die ganze Differenz. Heute sind wir frei. Denken Sie daran!“ Und fügt nach einem lauten Lachen über sich selbst hinzu: „Ach, wie alt ist dieses Europa geworden, das die Kultur der Bedenken pflegt und an Flüchtlinge auf Lampedusa denkt statt an den jugendlichen Geist der Revolution, der die Tyrannen verjagt.“ Wer jetzt Ängste schüre zwischen den Völkern, habe nichts, aber auch gar nichts von diesem schönen Wind der Geschichte begriffen! „Sagen Sie das Ihren Landsleuten, wenn Sie zurückkehren, ich kenne sie leidlich, mein Sohn arbeitet dort. Gut möglich, dass dieser Wind der Revolution bald auch zu euch kommt! Sagen Sie das Ihren Landsleuten, sagen Sie das ihnen nur!“ Ich nicke.

Roland Merk lebt als Schriftsteller in Basel und Paris. Letzte Veröffentlichung: Wind ohne Namen (2010). In der Edition 8, Zürich erscheint demnächst von ihm als Herausgeber und Co-Autor Journal einer angekündigten Revolution mit Beiträgen arabischer Schriftsteller über die arabischen Revolutionen.