Vom Tod des Setzers

Zukunft Die Digitalisierung hat schon einen ganzen Berufsstand vernichtet. Reimers zieht Parallelen zur heutigen Situation, aber kein ganz negatives Fazit

Vielleicht scheint es angebracht, den Blick einmal ein wenig zurückzuwerfen. Als mit Hilfe digitaler Techniken (Graphikprogramme, Layoutsysteme, optische Diditalisierungssysteme, Spracherkennungsprogramme, usw.) der Beruf des Setzers im herkömmlichen Sinne schnell an Bedeutung verlor, gab es ähnliche Probleme und Diskussionen, die natürlich auch heute noch relevant sind. Vertreter dieser Berufsgruppe haben sich vehement gegen die damalige Entwicklung gestemmt - u.a. mit der Begründung, dass die Setzkunst eines der ältesten kulturellen Gewerbe sei und die Ausübung einen hohen Grad an Wissen und Kunstfertigkeit erfordere, damit ein qualitativ hochwertiges Druckerzeugnis entstehen könne.

Als dann die ersten digital erzeugten Produkte auf den Markt kamen, waren sie geradezu ein Beleg für diese Kritik, denn die Spationierung, der Zeilendurchschuss, die Typenwahl und allgemein das Layout gaben Anlass, die Verwilderung und Verschlechterung im aufkommenden Layoutwesen zu beklagen. Vieles hat sich seitdem verändert und einiges auch verbessert, geblieben ist aber ein genereller Trend nach unten, was ästhetische Gesichtspunkte betrifft (Spiegel: verfranzte Schriftlettern; Fokus: Patchwork-Layout; Grüne Blätter/Bild: Kathastrophenlayout).

Der Freitag und auch andere seriöse Zeitungen (Bsp.: Die Zeit, Frankfurter Allgemeine) haben diesem Trend widerstanden und sich den neuen Bedingungen gestellt. Sie geben heute Zeitungen heraus, deren Aufmachung und Gestaltung die neue Technik zum Guten nutzen. Wer erinnert sich nicht mehr an die unglaublichen privaten Druckerzeugnisse (mindestens 10 verschiedene Schrifttypen, permanente Benutzung von Fett-oder Kusivschrift, mehrere Farben usw.). Geburtstags- und Hochzeitseinladungen werden häufig noch heute so verfasst. Bei fast allen hat sich aber im Laufe der letzten Jahre eine deutliche "formale Beruhigung" eingestellt, denn sogar hier wurde auf breiter Basis dazugelernt. Blogsoftware benutzt heute standardisierte Brottypen (meist mit Serifen), es herrscht eine klar erkennbare, eher spartanische Form - der eigentliche Inhalt rückt in den Vordergrund.

Jetzt befinden wir uns also im Kampf um die Inhalte: Wer darf was wo und zu welchem Preis?

Der Kampf befindet sich aus meiner Sicht gerade in Phase I - die Technik ist schon längst da, die Linie der Anpassung der Medien und der Weg in die neue Welt ist noch unklar. Es gibt augenblicklich auf fast allen relevanten Gebieten dieses Anpassungskampfes wieder Verhinderer, die z.B. Blogs verbieten wollen, Verkäufer wie Murdock, die sehr schnell und als erste hauptsächlich nur Geld verdienen wollen und immer wieder erfindungsreiche (meist junge) Menschen, die neue Formen der Vervielfältigung von Nachrichten und Meinungen entwickeln, kommerziell z.B. das Xing-Netzwerk.

In Phase II werden sich aus diesen Kämpfen dann einge Hauptstränge entwickeln, die sich in rein kommerzielle und öffentliche aufspalten werden und schließlich wird dann in Phase III damit sicher Geld verdient. Gleichzeitig wird es sowohl weniger gedruckte Zeitungen geben als auch Vielfalt. Es ist nicht anzunehmen, dass ausgerechnet bei den Printmedien (aufgrund wirtschaftlicher Interessen) oder im öffentlich-rechtlichen Funk und Fernsehen (aufgrund prinzipiell getätigter, politischer Einflußnahme) sich eine vermehrte Meinungsvielfalt entwickeln wird - Ausnahmen bestätigen auch hier nur die Regel.

Somit werden wir mit einer bleibenden Verschiebung in Richtung Internet-Medien in Zukunft leben. Hiermit ist auch das Feld zukünfiger Einflussnahme wirtschaftlicher Interessengruppen wie Online-Zeitungen vorgegeben. Die Telekom wird sehr bald ein generelles, automatisiertes Bezahlsystem bei Anforderung von Zeitungsinhalten zur Verfügung stellen. Die Regierung wird auf Druck der Verlage zunehmend die Rechte der Blogszene einschränken, auf fast allen Blogportalen geschieht dies schon jetzt ständig - einige kostet das die Existenz.

Generell ist aber wohl damit zu rechnen, dass sowohl die Angebotsvielfalt als auch die Nutzung der neuen Medien vor allen Dingen das Internet betreffen werden.
Dieser Trend wird sicherlich noch dadurch verstärkt werden, wenn irgendwann einmal Fernsehen und Computer keine getrennten Geräte mehr sein werden.

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