Vom unglücklichen Bewusstsein

Thema Signifikant für unsere Gesellschaft ist nicht der mehrfache Kindermord in Brandenburg, sondern eher die Reaktion auf dieses entsetzliche Verbrechen

Die Aufregung über die Äußerungen des Generals Jörg Schönbohm verwundert. Sind denn seine Ansichten tatsächlich überraschend? Sind sie nicht längst üblich und alltäglich geworden? Oder entstand die Erregung nur, weil er seine Ansichten öffentlich äußerte?

Eine Frau in einem ostdeutschen Bundesland hat offenbar ihre Säuglinge ermordet. Wenn man den gemeldeten Nachrichten Glauben schenken darf, hat sie sehr viele Kinder geboren und neun von ihnen nach der Geburt getötet. Das ist eine uns alle entsetzende Tat, eine Familientragödie, eine Frauentragödie, ein fürchterliches und uns unbegreifliches Geschehen. General Schönbohm glaubt, die Ursache für diese Tat zu kennen. Er meint, sie sei begründet in dem DDR-Regime, der Erziehung im ostdeutschen Staat, in dem den Bürgern keine Werte vermittelt wurden und sie verwahrlosten.

Nun können Verbrechen und kriminelle Handlungen durchaus Erhellendes über eine Gemeinschaft aussagen, über eine Gesellschaft, einen Staat. Allerdings nur dann, wenn es nicht einzelne Vergehen, einzelne Untaten sind. Mord und Selbstmord werden gesellschaftlich erst dann relevant, wenn sie gehäuft auftreten, wenn sie nationale und internationale Standards überschreiten, wenn sie zu einem Massenphänomen werden. Kriminelle Machenschaften und Verbrechen von Politikern oder Wirtschaftsführern können erst dann etwas von unserer Gesellschaft erklären, wenn sie kein einzelnes Phänomen sind, wenn sie als charakteristisch einzuschätzen sind oder doch als nicht untypisch. Eine nachgewiesene kriminelle Bereicherung wird zu einem gesellschaftlichen Phänomen, sagt etwas über die Werte unserer Gesellschaft aus, wenn Korruption und Unterschlagungen wiederholt auftreten und wir anfangen, sie als normal und gewöhnlich anzusehen.

Die Nachricht über einen Politiker, der minderjährige Mädchen aus Osteuropa missbrauchte, sagt kaum etwas über unser Gemeinwesen aus, wenn dieser Kriminelle ein Einzelfall ist und bleibt. Es erzählt uns dann lediglich etwas von dem Defekt dieses Mannes, nicht von einem Defekt der Gesellschaft. Die Ermordung der eigenen Kinder galt in allen Kulturen als ein besonders schreckliches Verbrechen. Der Mythos erzählt von Medea, die ihre Kinder umbrachte, um den treulosen Geliebten zu strafen und die Demütigungen zu rächen. Ein einzelner Fall wohl, der uns etwas von den Gefahren der Liebe, von Verrat und Unterdrückung erzählen soll, aber uns nur äußerst eingeschränkt eine antike Gesellschaft erklären kann.

Goethe brachte in seinem FAUST eine Kindermörderin auf die Bühne, die ihr Kind umbringt, um der gesellschaftlichen Ächtung zu entgehen. Mit Gretchen nimmt Goethe den Fall der Kindsmörderin Margaretha Brandt auf, die 1772 in Frankfurt enthauptet wurde und bei deren Prozess er Zeuge war. Margaretha Brandt hatte nach einer Verführung durch einen Reisenden das geborene Kind getötet, "um der Scham und dem Vorwurf der Leute zu entgehen", wie die Akten vermelden. Diese Kindstötung war kein Einzelfall. Den ledigen Müttern drohten seinerzeit Verachtung, der Bannstrahl der Kirche und ein sozialer Fall ins Bodenlose, und viele junge Frauen hofften, durch Abtreibung oder Kindstötung diesem Schicksal zu entgehen. Ein die damalige Gesellschaft bewegendes Thema war das Strafmaß für Kindermörderinnen, auch Goethe beteiligte sich mit Disputationsthesen daran. Der Kindsmord, die Kindsmörderin kennzeichneten die Gesellschaft des 18. Jahrhunderts.

Spätere Gesellschaften wie die unsrige sehen den Fall der Margaretha Brandt und der anderen verurteilten Kindsmörderinnen anders als die damals Herrschenden und werten ihn auch strafrechtlich abweichend von der damals herrschenden Jurisdiktion. Unsere Gesellschaft folgt stattdessen dem Goetheschen Urteil über sein Gretchen und sieht eher die nötigenden Umstände, den Zwang einer pietistischen und patriarchalen Gesellschaft, der junge Frauen in so aussichtslose Situationen brachte, dass sie widernatürlich ihre Neugeborenen töteten.

Denn die Ermordung des eigenen Kindes ist widernatürlich. Der Schutz des Ungeborenen, des Säuglings, des Kleinkindes ist bereits im vorzivilisierten Zustand gesichert, er ist naturgegeben. Selbst ein ausgehungertes und blutrünstiges Tier schützt den Nachwuchs und verteidigt ihn. Es ist eher bereit, das eigene Leben zu opfern, als den Tod der Leibesfrucht hinzunehmen. Keine einzige Gesellschaft in der menschlichen Geschichte und kein Wertesystem erlauben den Kindermord oder tolerieren ihn. Kein System, kein Zwang, wie allumfassend und grausam er auch sei, kann dieses Naturgesetz aushebeln und aufheben. Und wenn es dennoch geschieht - und in der Natur, bei Tier und Mensch, tritt dieses widernatürlich Verhalten gelegentlich auf - so muss ein Defekt vorliegen, der die natürlichen Anlagen des Lebewesens eingreifend veränderte oder zerstörte. Auch bei Margaretha Brandt, dem Vorbild zu Goethes Gretchen, und ihren Gefährtinnen muss es Defekte gegeben haben, so dass ihnen schließlich die Verdammung durch Familie und Gesellschaft fürchterlicher erschien als der Kindsmord; Defekte, die diese jungen Frauen dazu brachten, unter dem auf sie ausgeübten Druck eine natürliche und naturgegebene Schranke zu durchbrechen.

Ein Badeunfall

Die bisher vorliegenden Berichte über jene Mutter, die neun ihrer Babys tötete, aber sich nicht von ihnen trennen konnte und die kleinen Kinderleichen bei sich behielt, in ihrer unmittelbaren Nähe, lassen darauf schließen, dass sie ihre Taten möglicherweise überhaupt noch nicht begriffen hat. Vielleicht steht ihr diese schreckliche Entdeckung noch bevor. Weder die bisherige Geschichte der Menschheit noch die Erkenntnisse der Wissenschaften, weder unsere Erfahrungen noch unser Wissen über den Menschen und die gebrechlichen Einrichtungen, mit denen wir ein Zusammenleben zu organisieren versuchen, erlauben es, den mehrfachen Kindermord als Folge einer gesellschaftlichen Verwahrlosung zu werten, als Ergebnis der Prägungen in einer Diktatur. Signifikant für unsere Gesellschaft und für den gegenwärtigen Stand des Zusammenlebens ist nicht dieser fürchterliche, mehrfache Kindermord, sondern eher die Reaktion auf dieses entsetzliche Verbrechen.

Nachdem der General seine Ansicht über den Fall mitgeteilt hatte, übernahmen Medien seine Wertung und spekulierten, dass die wiederholten Schwangerschaften jener Frau nur deshalb unbemerkt geblieben waren, weil in Ostdeutschland jeder für sich gelebt und keiner auf den anderen geachtet habe. Es waren die gleichen Zeitungen, die noch eben vermeldet hatten, dass jeder Ostdeutsche unter permanenter Beobachtung seines Nachbarn zu leben hatte und erst nach der Wende ein freies und unbeobachtetes Leben führen könnte. Die Aussagen widersprechen sich, aber beide erfüllen für sich den gewünschten Zweck der Denunziation einer Bevölkerungsgruppe.

14 Tage nach der Entdeckung des Kindermords in Brandenburg meldeten die Zeitungen, dass in einem westlichen Bundesland eine Frau ihre kleinen Kinder getötet habe. Man war betroffen von dieser neuerlichen menschlichen Tragödie, verstieg sich aber nicht zu unsinnigen und unhaltbaren Schlussfolgerungen auf den Zustand der Stadt, in der diese Bluttat geschah, oder des Bundeslandes.

Die so sehr verschiedenen Wertungen vergleichbarer Fälle deuten, wie ich meine, auf ein ganz anderes Phänomen in unserer Gesellschaft, ein Phänomen, das wir analysieren und ergründen müssen, um nicht wie an einem Krebsgeschwür an ihm zugrunde zu gehen. Genauer gesagt: nochmals zugrunde zu gehen.

Vor fünf Jahren erregte eine fürchterliche Meldung aus einer sächsischen Kleinstadt die ganze Nation. Es hieß, die Bürger dort hätten nahezu gemeinschaftlich ein Kind ertränkt, als Motiv wurde Fremdenfeindlichkeit genannt. Drei Jugendliche wurden verhaftet, und der Name dieser Stadt wurde zum Synonym für Rassismus und Rechtsradikalismus. Bald darauf stellte es sich heraus, dass die Medien eine so genannte Tatarenmeldung verbreitet hatten, also eine Nachricht, die erfunden ist, aber als wahr erscheint. Der Junge war nicht umgebracht worden, nicht von einem Einzelnen, nicht von einer Gruppe, nicht von den Bürgern einer Stadt, er hatte vielmehr einen tödlichen Badeunfall erlitten. Die verhafteten Jugendlichen wurden in Freiheit gesetzt, eine Welle neuerlicher Erregung ging durch die Kleinstadt und das ganze Land.

Ich bedauere die Bürger dieser Stadt, die schlimm denunziert wurden, ich bedauere auch die Mutter des toten Kindes. Es gibt kein schlimmeres Unglück für eine Mutter, als ihr Kind zu verlieren. Ein solches Unglück zerstört auch das Leben der Mutter, der Eltern. Ich kann begreifen, dass eine Frau nach einem solchen Schicksalsschlag in ihrer Trauer nicht nur an der Welt und an Gott zweifelt, sondern auch unsinnige Verdächtigungen vorbringt. Ich könnte mir vorstellen, dass die Polizei in allen Ländern Erfahrungen mit vergleichbaren Beschuldigungen zutiefst unglücklicher Menschen machen musste und gelernt hat, sorgsam mit ihnen umzugehen: also den ausgesprochenen Verdacht gewissenhaft zu prüfen, aber bei dieser Prüfung umsichtig zu sein, damit nicht haltlose Vorwürfe in die Welt kommen, die das Unglück aller nur vergrößern würden.

Das Unheil, das der sächsischen Kleinstadt zustieß, war nicht durch jene Mutter verursacht worden, die in ihrer Verzweiflung unhaltbare und falsche Beschuldigungen geäußert hatte, sondern durch ein Umfeld, durch Medien, die begierig eine monströse und unglaubliche Geschichte aufgriffen und verbreiteten, weil sie ihren Vorurteilen entsprach. Ich hatte Wochen später den Journalisten einer jener Zeitungen, die diese Falschmeldung verbreiteten, gefragt, wieso sein Blatt bei einer so unglaublichen Geschichte nicht zuvor den Wahrheitsgehalt geprüft habe. Er konnte oder wollte mir diese Frage nicht beantworten und sagte stattdessen: "Wir haben uns entschuldigt, und wir haben es richtiggestellt. Wir hatten uns halt geirrt, das passiert, aber tendenziell lagen wir nicht falsch." Ein anderer Journalist berichtete, dass er frühzeitig erhebliche Zweifel an der Geschichte einer gemeinschaftlichen Ermordung notiert hätte, seine Redaktion diese Sätze seiner Reportage jedoch gestrichen habe. Als er nach den Gründen für den Eingriff in seinen Bericht fragte, wurde ihm gesagt, dass Ausländer in Osten bedrohter seien als im Westen, sein Misstrauen folglich unangebracht und sein Artikel durch den Strich wahrhaftiger geworden wäre.

Die Fälle haben nichts miteinander zu tun, aber die Reaktionen eines Teils der Öffentlichkeit, von Medien, von Politikern offenbaren einen Zusammenhang, der, wie ich vermute, in tieferen Schichten liegt. Ein Unglücksfall wurde zu einem pogromartigen Mord durch eine unheimliche, bedrohliche Volksgruppe umgedeutet - und ein entsetzlicher mehrfacher Kindermord soll die Psyche und Mentalität eines ganz bestimmten, klar umgrenzten Bevölkerungsteils erklären und offen legen. Die Toten sind Kinder und Säuglinge, also die von jedem Menschen und von jedem Staat als besonders bedroht und schutzbedürftig umhegten Glieder der Gemeinschaft. Ein Verbrechen an Kindern gilt als besonders verwerflich, fördert eine Bereitschaft zur Lynchjustiz selbst in den zivilisierten Staaten, und derjenige, der sich an Kindern verging, ist auch in der Gemeinschaft von Kriminellen, im Gefängnis etwa, verfemt.

Die Geschichte menschlicher Gemeinschaften ist auch eine Geschichte der Ächtung von Außenseitern. Diese Exkommunikationen erbrachten den für einen Staat notwendigen Zusammenschluss seiner ihm unterworfenen Bürger zu einem Trutzbündnis. Die Bedrohung durch einen äußeren Feind, real existierend oder als Schimäre, formte die verschworene Volksgemeinschaft. Die erklärten Todfeinde waren stets die benachbarten Staaten, die für umso gefährlicher angesehen waren, je näher ihr Siedlungsraum der Landesgrenze lag. Sitten und Gebräuche, Religion und Essgewohnheiten der Nachbarn, die sich von den eigenen unterscheiden, galten und gelten bis zum heutigen Tag als geeignete Mittel der Diffamierung von Nachbarn.

Die Blutlüge

Ein erklärter Todfeind vieler Völker des christlich geprägten Abendlandes waren die Juden. In Deutschland lassen sich Antisemitismus und antisemitische Übergriffe seit mehr als eintausend Jahren nachweisen, seit der Christianisierung der deutschen Länder. Zwei Legenden waren bei der Ausbildung und Festigung des Antisemitismus besonders hilfreich: die Juden als angebliche Gottesmörder und die Blutbeschuldigung.

Die Legende von den Juden als Gottesmörder ließ sich zwar sowohl durch die Aussagen der Bibel wie durch die historischen Forschungen widerlegen, denn es war die römische Besatzungsmacht, die den Prediger Jesus als Aufrührer verurteilte und hinrichtete, doch Legenden und Vorurteile sind resistent gegenüber Vernunft, Logik und Gründen. Dass der Gott des christlichen Abendlandes von Geburt aus ein Jude ist, müsste eigentlich zu einer besonderen Verehrung dieses Volkes führen, eines Volkes, das nach unserer Religion Gott auswählte für seine Menschwerdung, doch die jahrhundertealte Prägung des Abendlandes setzte sich selbst gegen die heiligen Texte der eigenen Religion durch: die Deutschen konnten ihren jüdischstämmigen Gott anbeten und gleichzeitig das jüdische Volk vernichten.

Die andere Legende, die unaufhebbar durch die Jahrhunderte geisterte, unterstellte den Juden, dass sie Kinder töten würden, weil sie deren Blut zur Bereitung der Mazza, des Passahbrotes, benötigten. Eine den rechtgläubigen Deutschen unerträgliche Steigerung dieser Legende behauptete, die Juden würden zu diesem Zweck Christenkinder entführen und schlachten. Diese Legende muss für die Juden besonders kränkend sein, da ihnen der Genuss von Blut, auch von tierischem Blut, strikt untersagt ist. Den Juden, die sich bereits durch eine Berührung mit Blut als unrein empfinden, gilt das Verzehren von nicht koscherem, also nicht ausgeblutetem Fleisch als eine gegen Gottes Gebot gerichtete Ruchlosigkeit, die unverzeihlich ist.

Ein deutscher Staatsmann veranlasste, dass diesen Legenden nachgegangen werde. Er ließ die Anklagen streng und gründlich prüfen und erklärte sie nach Abschluss der eingehenden Untersuchungen in einem Sendschreiben an Behörden und Bischöfe für unsinnig und unwahr. Doch der Antisemitismus überlebte schadlos diesen Versuch einer Volksaufklärung, den Kaiser Friedrich II. im Jahr 1236 unternahm. Spätere deutsche Staatsmänner und Politiker nutzten die Legenden nach Belieben, sie halfen ihnen, sich an dem Eigentum der jüdischen Mitbürger unrechtmäßig zu bereichern, und im Bedarfsfall konnten sie auf einen Sündenbock für die unterschiedlichsten Probleme der Gesellschaft und des Staates weisen. Diese haltlosen Legenden waren einer deutschen Mörderclique hilfreich bei der Vernichtung der europäischen Juden.

Die Blutlüge war umso wirkungsvoller, da angeblich ein Kind ermordet wurde, zudem noch ein rechtgläubiges Kind, ein Christenkind. Kinder sind das eigentliche Heiligtum eines Volkes, das Kind steht für Schönheit, Unschuld und Zukunft. Die Ermordung eines Kindes gilt daher in allen Nationen als besonders abscheuliches Verbrechen.

Nachdem im 20. Jahrhundert die Deutschen in zwei Kriegen über ihre Nachbarn herfielen, nachdem sie die deutschen Juden und die Juden Europas vergasten und verbrannten, sind in Deutschland derzeit sowohl antisemitische Äußerungen wie auch öffentliche Hasstiraden gegen die Nachbarländer und früheren Gegner verboten und strafbar. Es ist in Deutschland momentan politisch nicht korrekt, Antisemit zu sein oder in aller Öffentlichkeit gegen Ausländer zu hetzen, auch heute noch nicht, obwohl man inzwischen ungestraft die Waffen-SS wieder rühmen und ehren darf.

Doch Xenophobie und Ausländerhass sind nicht gelöscht, nur weil die Deutschen einen Krieg verloren haben. Und es kann nicht wirklich verwundern, dass das fremdenfeindliche und antisemitische Potenzial, das über ein Jahrtausend genährt und genutzt wurde, das zu unserer fatalen Tradition zählt und vor 60 Jahren eine der Ursachen für Krieg, Massenmord und Völkermord war, mit dem Untergang des III. Reiches nicht verschwand. Dieses Potenzial existiert weiterhin, es starb nicht unter dem Bombenhagel der Alliierten, und es kapitulierte nicht am 8. Mai 1945.

Die Xenophobie, die Fremdenfeindlichkeit, der Antisemitismus, sie haben nach dem Ende des Faschismus, nach jenem zuvor unglaublichen Kulturbruch in Deutschland, ihre Feindbilder verloren und suchen nach einem neuen Objekt als Ersatz für den momentan unangebrachten Judenhass.

Der Sündenbock

Die Äußerungen von General Schönbohm können nicht wirklich überraschen. Er sagte nur, was viele, möglicherweise sehr viele Deutsche meinen und glauben, und was andere Politiker und Publizisten vor ihm und nach ihm auf ähnliche und durchaus vergleichbare Art äußerten. Ein Grundmuster aus dem jahrhundertealten Antisemitismus ist erkennbar: einer Bevölkerungsgruppe werden negative Eigenschaften zugeschrieben (raffgierig, verschlagen, tückisch, schmutzig, minderwertig oder: dumm, faul, undankbar, verwahrlost), ihr werden Haltungen und Taten (gottlos, Gottesmörder, Kindermörder) angedichtet, die zu widerlegen sind, aber durch den Gegenbeweis nicht ausgerottet werden, die sich in den dumpfen Regionen einer Volksseele gegen jede Wahrheit behaupten und für die Stimme der Vernunft unerreichbar sind - und dann wird damit Politik gemacht.

Das jahrhundertealte xenophobische Potenzial verlangt offenbar danach, es verlangt nach einem Sündenbock. Das unglückliche Bewusstsein braucht einen Schuldigen für das eigene Unglück. Und da nach Auschwitz der Antisemitismus selbst an deutschen Stammtischen kaum noch geduldet ist, da die Antisemiten nach dem Judenmord zu Philosemiten mutierten, und da die alten Erbfeinde geschätzte Handelspartner wurden, brauchte man einen neuen Adressaten für das brachliegende Potenzial. Damit ich mich selbst als wahren Christen anerkennen kann, brauche ich die gottlose und gottvergessene Horde. Um mich als richtigen Deutschen empfinden zu können, benötige ich den verwahrlosten, minderwertigen Deutschen. Ich benötige den Teufel, um meine Gottgefälligkeit erstrahlen zu lassen. Ich brauche einen Balken in meinem Auge, um den Splitter im Auge meines Bruders erkennen zu können.

Der General und seine düsteren Mitstreiter, ihre Sympathisanten und klammheimlichen Bewunderer sollten wissen, aus welchen Quellen sie sich nähren, wenn sie mit einem Kindermord oder einem Unglücksfall einen Bevölkerungsteil zu stigmatisieren suchen. Sie sollten wissen, welches Feuer sie damit am Leben halten. Ein Feuer, das über ein Jahrtausend die deutsche Kultur geprägt hat und schließlich zu Krieg und Völkermord führte. Ohne jenen alltäglichen und gewöhnlichen Antisemitismus, ohne diese jahrhundertelang üblichen antisemitischen Reden und Sprüche wäre Auschwitz nicht möglich gewesen, hätte man keine Kulturnation dazu bringen können, einen Völkermord auszuführen oder ihn zumindest schweigend zu tolerieren.

00:00 19.08.2005

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