Vom unverdienten Ruf der Aufklärung

Gerechter Zorn Vor 200 Jahren starb Johann Gottfried Herder, der sinnliche Utopist und Antidespot

1769 verlässt der 25-jährige Domprediger, Lehrer und Literat Johann Gottfried Herder Riga; nie wird er die baltische Heimat wiedersehen. Die Schiffsreise geht über Helsingör nach Frankreich. Der literarische Ertrag, das erst 1846 postum veröffentlichte Journal meiner Reise im Jahr 1769, zählt zu den erstaunlichen Texten der deutschen Geistesgeschichte. Er ist ein Dokument des Aufbruchs.

Nicht allein die theoretischen Grundlagen des deutschen Sturm und Drangs, sondern buchstäblich alle Aspekte auch des späteren Herderschen Denkens werden bereits hier gleichsam eingekreist und als Programm für das eigene Leben entworfen: Analyse und Kritik des Zeitalters - Suche nach den Triebkräften der Geschichte und erste Etablierung eines utopischen Humanums als Paradigma menschlichen Handelns - ein Poesiebegriff, der in der Schöpferkraft der Völker (schon hier unter ausdrücklicher Einbeziehung der Slawen und der Balten!) das eigentliche "Originalgenie" erblickt - das neue Verständnis auch des individuellen Künstlertums. Auf die zuletzt genannten beiden Aspekte möchte ich eingehen, mit dem Begriff des Künstlers beginnend.

Der "Künstler" gilt dem Verfasser als "zweiter Prometheus", als wirkender Repräsentant eines kreativen Menschentums schlechthin. In der Tat liest sich das Journal auch stilistisch wie ein Prosa-Pendant zum Goetheschen Prometheus. Es ist, eindeutiger als viele spätere Texte Herders, selbst die Schrift eines Künstlers, eines wahren Feuerkopfes.

Am 18. Dezember 1803, vor genau zweihundert Jahren, ist Herder gestorben. Er hat das im Journal skizzierte Lebensprogramm abgearbeitet: in dem grandiosen Sammlungs-, Übersetzungs- und Kommentierungswerk der Volksliedersammlung und in zahllosen Einzelschriften das poetologische Programm, in den Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit das geschichtsphilosophische, in den Briefen zur Beförderung der Humanität den utopischen Entwurf - um nur die allerwichtigsten Titel zu nennen. Aber was wurde aus dem Feuerkopf?

Wir sehen Herder an seinem Lebensende in Weimar als Generalsuperintendenten und Präsidenten des Oberkonsistoriums, mit vielerlei Bürokram beschäftigt und noch immer fast jeden Sonntag predigend, mit seiner großen Familie in völliger Zurückgezogenheit lebend. Geplagt von einer hartnäckigen Leber- und Unterleibskrankheit, leidet er, dessen Spinozismus jeden buchstabentreuen Kirchenglauben weit hinter sich gelassen hat und der dennoch zu Unrecht des völligen Atheismus verdächtigt wird, zugleich unter dem als Lebenslüge empfundenen Broterwerb. Herders Weimar, ein "Thüringscher Marktflecken", der "den unverdienten Ruf der Aufkärung hat", ist ihm kein neues Athen, vielmehr ein "unseliges Ding zwischen Hofstadt und Dorf." Am 27. Juli 1800 schreibt Jean Paul an Friedrich Heinrich Jacobi: "Herder ist trübe über die Zeit, über Weimar, über sich, über alles." Hat ihn das Schicksal kleingekriegt?

Man mag bei dieser Frage an Herders Begriff der "Schicksalsfabel" denken. Er verbindet sich bei ihm mit dem der Tragödie. In dem Spätwerk Adrastea, einer Art Zeitschrift, die Herder zwischen 1801 und 1803 herausgab, beschreibt er das so: "Tragödie ist eine Schicksalsfabel, d. i. eine dargestellte Geschichte menschlicher Begegniße, mittelst menschlicher Charaktere, in menschlichen Gemüthern eine Reinigung der Leidenschaften durch ihre Erregung selbst vollendend." Endzweck für das Publikum, das die Tragödie im Theater betrachtet, sei - indem jede Leidenschaft "ein Werkzeug der Vernunft" werde - die Versöhnung mit dem Schicksal. Anhand des "Rasenden Ajax" von Sophokles erläutert Herder, was damit gemeint ist: "Bändige auch deinen gerechten Zorn; empöre dich gegen die Götter nicht; du wütest gegen dich selber! Das sagt uns das Stück; die Reinigung der Leidenschaften an ihm ist vollendet."

Die Vernunft, die auch den gerechten Zorn bändigen zu müssen glaubt, ist die bittere Pille, die Prometheus geschluckt hat. In einer regressiven Phase der Geschichte ist eine solche Leidenschaft keine Option mehr, so scheint die Erfahrung zu besagen. Die Zeiten der Tyrannenmörderin Virginia seien vorüber, meint Herder, und jener Zorn wurde selbstzerstörerisch: "Du wütest gegen dich selber!" Freilich, wenn Herder "Schicksal" sagt und "Versöhnung", dann ist ihm das, im Leben wie im Drama, nichts Außermenschliches und Mystisches. Es meint "... nichts als eine Verknüpfung der Begebenheiten, die mittelst menschlicher Leidenschaften, Sitten und Meinungen bewirkt werden. ... Wer wünschte sich nicht einen Ausleger dieser Geheimnisse, einen Dichter zu finden, der die Verknüpfung ... des Allgemeinen und des Besonderen ... in dargestellter Handlung zeigt?" Die Geschichte bleibe immer noch ein Produkt menschlicher Tätigkeit, sagt Herder mit diesen Worten. So auch müsse sie aufs Theater gebracht werden, damit sie dem menschlichen Zugriff verfügbar bleibe. Es wird gefragt nach dem, was uns zwei Jahrhundertwenden später wieder beschäftigt: das Zurechtkommen mit dem, was die Geschichte unabänderlich gebracht hat.

Hier taucht er wieder auf, der Künstler-Prometheus. Wenn nicht als Rebell gegen die Götter, so doch als Ausleger ihrer Geheimnisse. Menschlicher Geheimnisse, wie sich zeigt, zu denen "wir alle mitwirken". Heutige Stückeschreiber in Deutschland - ein kühner Sprung! - wollen zu allermeist keine "Ausleger" mehr sein. Das Drama mit seinem Logozentrismus ist ihnen schon fast suspekt geworden, sie fürchten per se geschlossene Weltbilder in seinen "Verknüpfungen". Bei wem liegt nun eigentlich die größere Schicksalsergebenheit? Welche Haltung ist am Ende die modernere? Wir lassen es offen. Immerhin könnten die Heutigen geltend machen: "Was für Sitten kann eine Tugend der Dichtkunst stiften, wo Wechslertische und Taubenkrämer, Recensenten und Ochsenhändler ihr Gewerbe treiben? ... Dem lieben Deutschland ist alles gleichviel, wenns in den Zeitungen nur gelobt ist."

Für den zweiten, bekannteren Aspekt unserer kurzen Betrachtungen, Herders Entdeckung der Volkspoesie, drängen sich aktuelle Assoziationen nicht weniger auf.

Das Erstaunlichste bleibt für den unbefangenen heutigen Leser der universelle Anspruch im politischen wie im ästhetischen Sinne. Neben Liedern aus allen europäischen Regionen finden sich in der berühmten Sammlung, die erst nach Herders Tod den populär gewordenen Titel Stimmen der Völker in Liedern erhielt, auch grönländische, tartarische, peruanische oder madagassische, einbezogen wurden vereinzelte Kunstlieder, Shakespeare erhält breiten Raum und Homer wird als "größter Volksdichter" apostrophiert. Zugleich könnte die antidespotische Profilierung der Sammlung schärfer und radikaler nicht sein. Erinnert sei nur an das bekannt gewordene estnische Volkslied Klage über die Tyrannei der Leibeigenen: "Vor dem bösen Deutschen flieh ich/Vor dem schrecklich bösen Herrn. ... Arme Bauren, an dem Pfosten/Werden blutig sie gestrichen." Doch finden sich viele von uns Deutschen unvergessene Lieder wie das Ännchen von Tharau oder eine erste Fassung des "Heideröslein". Immer wieder fühlt man sich als Leser aus der deutschen in die europäische und dann aus dieser in eine außereuropäische Perspektive versetzt. (Schon in einem Aufsatz von 1774 hatte Herder die vulgäraufklärerische, missionarische Selbstgefälligkeit seines Kontinents und Jahrhunderts mit beißender Ironie überschüttet.) So liest sich die Sammlung letztlich wie ein Exempel auf den anthropozentrisch-humanistisch und kosmopolitisch begründeten Fortschrittsglauben Herders - die Naivität dieser Utopie scheint sinnlich, sie scheint Text und Poesie geworden zu sein.

Freilich, das wirklich "Niedere", all die Gassenhauer, Schlager, Couplet, Spottlieder, die gesamte "vulgäre" sexistische Überlieferung als karnevalistische Feier des Leibes bleibt selbst in der Herderschen Volksliedersammlung stigmatisiert und ausgegrenzt: die andere, problematische Seite der aufklärerischen Medaille.

Im Reisejournal schon hatte Herder bedauert, dass die Quellenlage für eine Erschließung der Lieder der slawischen Völker nicht günstig sei. In seine Sammlung hat er dennoch so viele von ihnen aufgenommen, wie immer er - selbst keiner slawischen Sprache mächtig - erreichen konnte. Auf Herders produktiv aneignendes Verhältnis zu den Slawen (wie zu den Balten), das freilich von einer rousseauistischen Verklärung der Frühzeit nicht frei ist, wird man gewiss anlässlich der bevorstehenden EU-Erweiterung zurückkommen. Es ist in diesen Völkern seit dem 19. Jahrhundert registriert und in die nationalen Emanzipationsbetrebungen dankbar aufgenommen worden. Seinen Höhepunkt fand es in dem berühmten sechzehnten, dem so genannten "Slawenkapitel" der Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit: "So werdet auch ihr so tief versunkene, einst fleißige und glückliche Völker endlich einmal von eurem langen, trägen Schlaf ermuntert, von euren Sklavenketten befreiet, eure schönen Gegenden ... als Eigenthum nutzen und eure alten Feste des ruhigen Fleißes und des Handels auf ihnen feiern dörfen."

Ist sie nicht wie geschaffen für unsere Sonntagsreden demnächst, diese Prophezeiung eines Deutschen, der aus Livland kam und in Weimar starb? Aber wie könnten wir behaupten, heute sei unser deutsches Verhältnis zu den slawischen Völkern geklärt, wenn wir die Bilder von der angeblich längsten Sexmeile der Welt an der Straße von Dresden nach Prag oder von den Polenmärkten bei Görlitz auf den Bildschirmen sehen und die hartnäckigen Forderungen nach einem Berliner Vertriebenenzentrums in den Spalten unserer Gazetten?

Anmerkung: Die Schreibweise der Herder-Zitate, Hervorhebungen eingeschlossen, folgt der Gesamtausgabe von Bernhard Suphan, Berlin 1882 ff. - Bei der in der Adrastea entwickelten "Schicksalsfabel" handelt es sich natürlich, nach der Lessingschen, um eine weitere der zahlreichen Umdeutungen des Begriffes "Katharsis" des Aristoteles.


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00:00 12.12.2003

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