Vom Verlegen von Gedichten im Herbst 2016

Lyrik abonnieren Obwohl sich Dichtung immer weiter entwickelt, gibt es immer weniger Publikationsmöglichkeiten für Lyriker. Ulf Stolterfoht setzt auf ein Abo-Modell
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Kein Lyriker, keine Lyrikerin kann vom Buchverkauf leben, und kein Verlag finanziert sich über Gedichtbände. So war es, Anfang des neuen Jahrtausends, als man die McKinsey-Leute durch die großen und die verbliebenen mittleren Häuser jagte, im Wesentlichen vorbei mit der Lyrik in den Publikumsverlagen. Und die Berater hatten ja völlig recht: Tatsächlich kann man, was den deutschsprachigen Raum betrifft, kaum von einem Markt für Lyrik sprechen, solange bei gut 100 Millionen Muttersprachlern eine verkaufte Auflage von 500 Exemplaren als Erfolg gewertet wird.
Wenn Günter Eich also schreibt, er wisse einen in Saloniki, der ihn liest, und einen in Bad Nauheim, dann ist das weniger kokett als vielmehr ziemlich realistisch. Bei einer 500er-Auflage gibt es im Mittel in Mainz, Linz oder Genf jeweils einen Käufer / eine Käuferin (da sie knapp über 200.000 Einwohnern liegen), während es in Kassel, Salzburg und Basel (knapp darunter) statistisch keine/n geben dürfte, von Bozen ganz zu schweigen.
Diesem wirklich überschaubaren Kreis von Käufern steht eine Dichtung gegenüber, die sich in den letzten dreißig Jahren auf die wunderbarste Weise entwickelt hat, mit einer solchen Vielzahl von unterschiedlichen Ansätzen und Strategien, dass das Missverhältnis von sehr guter Lyrik zu immer dünner werdenden Publikationsmöglichkeiten dazu führte, dass das Geschäft des Lyrik-Verlegens heute im Wesentlichen von kleinen, sehr kleinen oder sehr, sehr kleinen Verlagen geleistet wird. Genannt seien stellvertretend kookbooks, Edition Korrespondenzen, roughbooks, Peter Engstler Verlag, Verlagshaus Berlin, Reinecke & Voß, Edition Rugerup, Parasitenpresse, Quiqueg, hochroth und die edition AZUR, die jeweils ganz unterschiedliche Modelle entwickelt haben, um mit relativ wenig Geld relativ großartige Bücher machen zu können.
Mein Verlag, die Brueterich Press, setzt nun, ähnlich wie die roughbooks, auf ein Abo-Modell. Im Moment haben wir 168 Abonnenten, die mit 25% Rabatt jedes neu erscheinende Buch blind kaufen. Was zu einer ganz einfachen Rechnung führt: Bezogen auf ein ideales Buch von 128 Seiten, Abbildungen und Cover S/W, betragen bei einer 500er-Auflage die Kosten für Druck, Gestaltung, Satz, anteilige Lagerraummiete, Porto und Verpackung sowie das Autorenhonorar ziemlich genau € 2.900,00. Jedes Buch kostet im Buchhandel € 20,00; abzüglich der gewährten Rabatte für Buchhändler und Abonnenten sowie der ermäßigten Umsatzsteuerbleiben etwa € 12,50 pro Buch.
Mit den momentan 168 Abonnenten , macht das € 2.100,00, womit also noch 64 Bände frei verkauft werden müssen, um die Ausgaben zu decken. Ab dem 233sten verkauften Buch würde der Verlag Gewinn machen.
Und ließen wir es 300 Exemplare sein, dann hätten sich damit zumindest Bochum, Bielefeld und Wuppertal ihren Quotenkäufer gesichert. Und Graz hätte ihn fast. Das, liebe Leser, wäre doch gelacht!

Ulf Stolterfoht, Dichter und Verleger, lebt in Berlin

00:00 09.09.2016
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