Vom Verpassen

Annäherung Marion Braschs neuer Roman spannt uns nicht auf die Folter. Aber er liest sich schön

Ein Motto von Paul Auster steht dem neuen Buch von Marion Brasch voran. So wissen die Leserinnen und Leser gleich, wo es Lieber woanders langgehen soll, in dem Roman, der von den schicksalhaften und zufälligen Begegnungen zweier Menschen handelt: „Zufall? Schicksal? Oder einfach Mathematik, eine praktische Illustration der Wahrscheinlichkeitstheorie.“

Erzählt wird über die 24 Stunden, in denen sich Toni und Alex, aufeinander zubewegen . Es wird deutlich – die Autorin hat uns eingeweiht –, dass sie sich nicht zum ersten Mal begegnet sind und ihr erstes Aufeinandertreffen dramatisch war. Zufälle im Leben, die berühmten „Was wäre wenn“-Fragen, das alles wird im Literarischen immer wieder gern verarbeitet und in Notizbüchern verewigt (siehe Paul Auster). Da reiht sich die Autorin ein, mit etwas Ironie, denn das zweite vorangestellte Motto „So ist das Leben“ will die Nähe zwischen der literarischen Fantasie und der Realität vor Augen führen und deutlich machen, dass das Unwahrscheinliche gar nicht so absonderlich ist.

Toni ist eine Aussteigerin, die in einem Wohnwagen auf dem Dorf lebt, Liebesenttäuschungen zu verwinden sucht, die das Fernweh nach Neuseeland zieht und die mit Schuldgefühlen kämpft, weil sie meint, den Tod ihres kleinen Bruders mitverschuldet zu haben. Sie hat ein Treffen mit einer Verlagsfrau in Berlin, die sich für ihre Zeichnungen interessiert. Sie will sich mit ihrem Vater treffen, zu dem sie ein höchst konfliktreiches Verhältnis hat, weil er sie – wie einst ihre Mutter – immer wieder im Stich lässt. Er hat ihr Geld für ihre Neuseelandreise versprochen. Wir erfahren von Schuldgefühlen und dem Wunsch nach Flucht aus dem eigenen Leben, danach, Lieber woanders zu sein als gefangen im Kreis von Selbstvorwürfen.

Alex ist ein junger Mann, der zwei Frauen liebt. Seine Ehefrau, die laut ist und fordernd, und eine andere, sanfte und freundliche. Auch er hat sich schuldig gemacht und kommt darüber nicht zur Ruhe. Er arbeitet als Roadie bei einer Band und müsste zu seiner kleinen Tochter fahren, die krank ist, aber er landet bei der Geliebten. Er sinniert über seinen mangelnden Ehrgeiz, eigentlich haben ihn schon immer Wahrscheinlichkeitstheorie und Quantenphysik fasziniert, womit erneut auf das Motto verwiesen wäre.

So reiht sich Szene an Szene. Immer wieder wird der Zufall zum Regisseur des Lebens. Toni hat es eilig, aber muss auf dem Weg zum Zug noch einmal umkehren, weil sie etwas vergessen hat. Am Bahnhof scheitert sie an einem betulichen Pärchen das mit dem Fahrkartenautomaten nicht zurechtkommt. Sie verpasst den Zug und Alex – der endlich zu seiner Tochter fährt –, sieht eine junge Frau hinter dem Zug herrennen, in dem er sitzt und einer alten Bekannten von seiner Schuld erzählt, aber so, als sei sie einem Freund passiert. Zum „Dank“ dafür erzählt ihm seine Bekannte von eigener Schuld, einer Abtreibung, die ihr Mann nicht gewollt hat. Am Ende will Alex endlich seine Schuld gestehen, aber scheitert am Erwerb eines Briefumschlages, weil es die nur in 10er-Päckchen gibt

Sie hat sich freigeschrieben

Spannend ist das Buch nicht, wir wissen ja schon alles, nur nicht, wie das erneute Zusammentreffen von Toni und Alex sein wird. Aber es macht Freude, in Marion Braschs einfache und schöne Sprache einzutauchen.

Vor einigen Jahren hat sie ein viel beachtetes Buch über ihre Familie, Ab jetzt ist Ruhe, geschrieben. Wir lasen über ihren Vater Horst Brasch, der vom Katholiken zum Kommunisten geworden, in der DDR SED-Funktionär und auch stellvertretender Kulturminister war, über ihr Verhältnis zu den Schriftsteller-Brüdern Thomas und Peter und dem Schauspielerbruder, die an der DDR und der eigenen Zerrissenheit zerbrachen.

Es scheint als habe sie sich damit freigeschrieben für die weiteren poetischen, tragikomischen, skurrilen und fantasiereichen Romane Wunderlich fährt nach Norden (2015) oder Die irrtümlichen Abenteuer des Herrn Godot (2016). Sie bestellt ihr eigenes literarisches Feld, in dem ihre Erfahrungen wohl ihren Platz haben, aber die Fantasie jetzt viel wichtiger wird.

Info

Lieber woanders Marion Brasch Fischer 2019, 160 S., 20 €

06:00 25.03.2019
Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

Kommentare