Vom "Wahnsinn der Seele" zum "Geiz ist geil"

Tyrannische Leidenschaften Eine Zeitreise durch die Welt der Habgier, der Knauserei und des unbändigen Sparwillens

Die Geizwelle rollt. Handelsketten werben mit "Geizpreisen" und konkurrieren um das attraktivste "Geizniveau". Slogans wie "Geiz ist geil!", "Geizwahn", "Supergeile Preise" bringen den neuen Kauf- und Konsumtrend auf den Punkt. Aber wieso eigentlich? Warum ist plötzlich "geil", was bisher als unschicklich galt? Weshalb sind Sparen, Knausern, Feilschen und Geizen heute "in"? Wieso sind aus Lastern plötzlich Tugenden geworden?

Marter, Blindheit, Pest

Geiz, verstanden als übertriebene Sparsamkeit, Knickrigkeit und Knauserei, aber auch als Besitzgier und Habsucht, gilt seit alters her als moralisch verwerfliche Eigenschaft, die Kritik, ja Verachtung, verdient. Den Philosophen gelten der Geiz und das zähe Horten als "böse und ungerecht" gegen Gott, gegen seinen Nächsten und gegen sich selbst, als "Wurzel allen Übels" (Paulus) und "Quelle des Elends, der Unzufriedenheit, der Sorgen und des Kummers" (Hippokrates), als "Wahnsinn der Seele" (Augustinus), furchtbare "Marter" (Gregor), "Blindheit", "unheilbare Krankheit" und "Pest" (Cyprian), als "ständige Plage und Seelenqual" (Salomo).

Immanuel Kant unterscheidet drei Formen des Geizes: erstens den "habsüchtigen Geiz", der auf die Erweiterung der Mittel zum Wohlleben über die Schranken des wahren Bedürfnisses hinaus gerichtet ist, zweitens den "kargen Geiz", auch Knickerei oder Knauserei genannt, der eine "Vernachlässigung der Liebespflichten gegen Andere" bedeutet, und drittens, den "gegen sich selbst" gerichteten Geiz, als Verengung des eigenen Genusses und "der Mittel zum Wohlleben unter das Maß des wahren eigenen Bedürfnisses". Der Geiz "gegen sich selbst" erscheint ihm als das eigentliche Laster und, da eine Pflichtverletzung des Menschen gegen sich selbst, unter moralischem Aspekt besonders verwerflich. Seine Personifizierung findet er im Filz, wie Honoré de Balzac ihn beschreibt, als jemanden, der "am Rande der Genüsse seiner Zeit" lebt, ein "moderner Tantalus", der weniger aus Not denn aus Passion spart, ein "vernünftiger Narr" also.

Bereits im Alten Testament finden sich Textstellen, die als Verdikte des Geizes und der Habgier auslegbar sind. Noch mehr gilt dies für die Bücher des Neuen Testaments, zum Beispiel das Matthäus-Evangelium, worin geschrieben steht: "Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost fressen und wo die Diebe nachgraben und stehlen." Und Apostel Paulus verkündete im Jahre 63, dass diejenigen, "die da reich werden wollen ... in Versuchung und Stricke und viel törichte und schädliche Lüste (fallen), welche die Menschen versinken lassen in Verderben und Verdammnis".

Gegenüber diesem Urteil nimmt sich die Kritik der alten Griechen am Geiz vergleichsweise harmlos aus. So bezeichnet Epikur den Geiz als "unanständig", macht ansonsten aber nicht viel Aufhebens um ihn. Theophrast gesellt dem "Heuchler", "Schmeichler", "Großtuer", "Miesmacher" und "Schwätzer" als weitere Charaktere den "Knickrigen", den "Knausrigen" und den "Habgierigen" hinzu. Dass bei allen dreien Geld mit im Spiel ist, scheint kein Zufall. Denn typischerweise denunziert die antike Gesellschaft mit dem Geiz immer zugleich auch das Geld als die "Scheidemünze ihrer ökonomischen und sittlichen Ordnung". So sah Plinius der Ältere im Geld "den Ursprung des Geizes" und mutmaßt, dass dieser sich als "Goldgier" sogar bis zur "Tollheit" steigere. Indem das Geld hier bereits, wie Karl Marx bemerkt, "ebensosehr als Gegenstand wie Quelle der Bereicherungssucht" erscheint, tritt es in eine besondere Beziehung zum Geiz, die ihm bis heute durch nichts, auch durch kein noch so extravagantes Ding, streitig gemacht worden ist. Dabei besitzen die Geizigen ihr Geld weniger, so der Kirchenvater Thascius Cäcilius Cyprian, "als es sie besitzt"; sie sind nichts als die "Sklaven ihrer Schätze". Ähnlich argumentiert später Erich Fromm, wenn er Habgier und Geiz als Ursachen menschlicher Unfreiheit und seelischer Krankheit hinstellt und den Charaktertypus des "Hortenden" entsprechend kritisch würdigt.

Wenn die Sinne nicht mehr wollen

Eine besondere Spielart des Geizes ist der sogenannte Altersgeiz. Zeitlos und ziemlich unabhängig von den gesellschaftlichen Verhältnissen, den nationalen Eigenheiten, der Kultur und der Religion tritt er in allen Zivilisationen auf, als handele es sich hierbei um eine zwangsläufige Begleiterscheinung des Alterns. Er ähnelt darin bestimmten Krankheiten, zum Beispiel der Sehschwäche oder dem Blasenleiden, da er ebenso wie diese zwar nicht an ein bestimmtes Alter gebunden ist, im fortgeschrittenen Alter aber doch ungleich häufiger vorkommt als in jüngeren Jahren. Auch intensiver, wie Montesquieu meint, denn "der Geiz wird im Alter stärker, denn immer noch begehren wir den Genuss". In der Jugend aber kosten wir diesen "nur im Verschwenden, im Alter nur im Bewahren aus". Der Geiz ist definitiv "die letzte und tyrannischste unsrer Leidenschaften", weiß Vauvenargues zu berichten.

So sieht es auch Arthur Schopenhauer, indem er den Geiz nicht nur als Altersphänomen, sondern zudem, da vorzugsweise auf Geld gerichtet, als abstrakte Gier auffasst: "Aber wenn ... die Gier die Fähigkeit zum Genießen überlebt, ... und wenn sodann an die Stelle der Gegenstände der Lüste, für welche der Sinn abgestorben ist, der abstrakte Repräsentant aller dieser Gegenstände, das Geld, tritt, welches nunmehr dieselben heftigen Leidenschaften erregt, die ehemals von den Gegenständen wirklichen Genusses, verzeihlicher, erweckt wurden, und also jetzt, bei abgestorbenen Sinnen, ein lebloser aber unzerstörbarer Gegenstand mit gleich unzerstörbarer Gier gewollt wird; ... dann hat sich, im Geiz ..., der Wille sublimiert und vergeistigt, dadurch aber sich in die letzte Festung geworfen, in welcher nur noch der Tod ihn belagert." Poetischer lässt sich kaum ausdrücken, was im Leben doch eher eine prosaische Angelegenheit ist, nämlich das Festhalten am Geldbesitz im Alter als einem Hort "sublimierten Machtgefühls", so dass der Geiz dem Greis als "letztes Willensziel" übrigbleibt und dadurch zu einer Art "Gestaltung des Willens zur Macht" wird, wie Georg Simmel in seiner Philosophie des Geldes ausführt. Den wohl überzeugendsten Versuch, Altersgeiz zu erklären, hat Simone de Beauvoir unternommen, indem sie ihn aus der identitätsstiftenden Rolle des Besitzes herleitet, der dem alten Menschen "eine Art ontologischer Sicherheit" gewährt. "Der alte Mensch, dem es nicht mehr gegeben ist, durch Schaffen sein Sein entstehen zu lassen", schreibt sie, "will haben, um zu sein."

Raufebold, Habebald und Haltefest

Geiz existiert nicht unabhängig von Raum und Zeit. Das fällt besonders ins Auge, wenn man den Übergang von der mittelalterlich-feudalen zur bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft betrachtet, eine Periode, in der sich die Rolle des Geldes und der Geldakkumulation grundlegend wandelt. Diente das Geld bisher vor allem dem Luxus, also dem Konsum, weshalb sein Festhalten und Horten als Marotte wider alle Vernunft erschien, so erhält dies jetzt einen Sinn, als Vorbedingung der kapitalistischen Produktion. Kapital musste, sofern nicht durch Enteignung, Raub, Eroberung, Piraterie, Krieg, Plünderung, Diebstahl, Mord und Betrug erworben, mühsam angespart werden. Niemand wusste dies besser als Johann Wolfgang von Goethe, der im Faust II mit den "drei gewaltigen Gesellen", Raufebold, Habebald, begleitet von Eilebeute und Haltefest, diejenigen Kräfte auftreten lässt, die der neuen Ordnung, dem Kapitalismus, zum Durchbruch verhalfen: Gewalt, Habgier, Diebstahl und Geiz.

Dem Geiz fällt dabei die Aufgabe zu, das Geld aus der Zirkulation zu ziehen und als Schatz anzusammeln, zu horten. Der Schatzbildner opfert "dem Goldfetisch seine Fleischeslust" und macht "Ernst mit dem Evangelium der Entsagung", schreibt Marx. Größer konnte der Gegensatz zur mittelalterlichen Ethik kaum sein. Aus der Sünde von einst, dem hässlichen Laster, wird jetzt eine Tugend, für die Calvinisten und einige protestantische Sekten sogar die Tugend schlechthin, ihre "Kardinaltugend". Max Weber sieht in dem Zusammenspiel von "protestantischer Askese" und der "rastlosen, stetigen, systematischen, weltlichen Berufsarbeit" die Grundlage für die Expansion jener Lebensauffassung, die er den "Geist des Kapitalismus" nennt, und deren wichtigstes Ergebnis er in der "Kapitalbildung durch asketischen Sparzwang" ausmacht. Wie schnell sich zu Beginn der bürgerlichen Epoche der Zeitgeist wandelte, zeigt der Misserfolg von Jean-Baptiste Molières Komödie Der Geizige. Das Stück fiel bei seiner Premiere 1668 schlichtweg durch, weil niemand lachte. Offensichtlich sah das bürgerliche Publikum seinerzeit in dem Geizigen (Harpagon) eher einen tugendhaften Ehrenmann als eine lächerliche Figur.

In dem Maße jedoch, wie nicht mehr Arbeitsamkeit und Sparen, sondern die Ausbeutung fremder Arbeit zur Grundlage bürgerlicher Bereicherung werden, ist die asketische Lebensführung nicht mehr en vogue. Luxuskonsum und Verschwendung werden nun wieder respektabel, bis zu einem gewissen Grade gehören sie nun sogar zu den "Repräsentationskosten des Kapitals" (Marx). Der Kapitalist belächelt daher die Askese des Schatzbildners: seine Geldgier und Bereicherungssucht erschöpft sich nicht im Geiz, sondern ist auf die Akkumulation gerichtet, auf die fortwährende Verwertung des Geldes im Produktionsprozess. Seine Hortung im schatzbildnerischen Sinne erschiene ihm daher als Idiotie.

Im entwickelten Kapitalismus, besonders in Zeiten der Überakkumulation von Kapital, der Unterkonsumtion der Massen und einer chronischen Nachfrageschwäche auf den Märkten, wird Sparen und Geizen schließlich zu einem volkswirtschaftlichen Übel. So polemisiert John Maynard Keynes gegen die klassischen Auffassung von Adam Smith, wonach "jeder genügsame Mensch ein öffentlicher Wohltäter" sei, und sich "die Zunahme des Reichtums auf den Überschuss der Produktion über den Verbrauch stützt". Keynes setzt dem die These entgegen, dass "die Grundsätze der Ersparnis, bis zum Übermaß getrieben, den Beweggrund der Erzeugung zerstören würden".

Neidkampagne, Geizkampagne

Der Keynesschen Warnung zum Trotz verkündet die neoliberale Doktrin, die heute das ökonomische Denken dominiert, eine ungeteilt positive Haltung zum Sparen. So ist die von Keynes als verhängnisvoller "Irrtum" kritisierte Behauptung, "Ersparnis" mache "das Gemeinwesen und den Einzelnen reicher" wie jede Ausgabe sie "ärmer" mache, inzwischen zu einem unumstößlichen Grundsatz wirtschaftlichen Handelns geworden. Ebenso die Sentenz, wonach "die wirksame Liebe zum Geld die Wurzel alles wirtschaftlich Guten" sei.

Im Zeichen allgemeiner Sparpolitik führt die Bundesregierung gegenwärtig eine Reform nach der anderen durch: Arbeitsmarktreform, Gesundheitsreform, Rentenreform, Steuerreform, Bildungsreform - mit dem Ergebnis, dass überall gespart und kostengünstiger gewirtschaftet werden soll. Aber was bedeutet es eigentlich, wenn die Verbraucher, das heißt, der Staat und die Bevölkerung, immer weniger ausgeben, immer weniger Einkommen realisieren? Darauf gibt es nur zwei Antworten: Entweder wird das ganze System uneffektiv, weil von dem produzierten Wertzuwachs bei den Konsumenten letztlich immer weniger ankommt, oder aber es findet eine gigantische Umverteilung statt, zu Lasten der Lohnabhängigen und Transferempfänger und zu Gunsten der oberen Einkommensklassen und Vermögensbesitzer. Vielleicht geschieht sogar beides gleichzeitig. In jedem Fall passen Konsumverzicht und Geiz in diese Szenarien.

Die Werbung popularisiert diese neue Lebensauffassung mit Kampfbegriffen wie "Geizpreise", "Geizservice", "Supergeiz", "Geizwahn". In den Niederlanden macht seit Jahren eine eigens diesem Thema gewidmete Zeitschrift Vrekkenkrant (Geizhals) Furore. Geiz ist Mode. Was früher das größere Auto war, ist heute der billigere Wintermantel oder das schlichtere Menü auf der Geburtstagsparty. Und das, obwohl für viele, insbesondere jene, die von der Zukunft wenig zu erwarten haben, nach Pierre Bourdieu der Hedonismus doch "allemal noch die einzig denkbare Philosophie" darstellt - und nicht Sparsamkeit und Selbstbeschränkung.

Indem sich der Geiz des Zeitgeistes bemächtigt und als Tugend erscheint, vollzieht sich hier ein ähnlicher Prozess wie unlängst beim Neid, als dieser gezielt umgelenkt wurde - weg von den Reichen und Beneidenswerten, hin zu den Armen und Bemitleidenswerten. Wie dieser, so wird jetzt auch jener geschickt im Verteilungskampf instrumentalisiert und für die Umverteilung von Einkommen und Reichtum genutzt. So wie die Neidkampagne während der Diskussion um die Wiedereinführung der Vermögensteuer kein Zufall war, so kommt auch die Geizkampagne im Vorfeld der Sozialreformen gerade recht: Zum einen ist sie der Versuch, der Beschneidung des Massenkonsums einen von den Betroffenen selbst gewollten euphemistischen Anstrich zu geben: "Geiz ist geil." Zum anderen ist sie bereits Ausdruck für den erzwungenen Konsumverzicht und eine Reaktion darauf, so wie erhöhte Sparsamkeit häufig die Konsequenz einer wirtschaftlichen Notlage ist.

Eine längere Version dieses Textes erscheint in der Zeitschrift Utopie kreativ, Heft 163


00:00 04.06.2004

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