Vom Warten

Schöne Töne Russland gestern und heute in neuen Hörbüchern

Kolja wartet. Er hat beschlossen, seinem Leben ein Ende zu setzen und über einen Freund einen Berufskiller engagiert. Plötzlich versucht er, sich dem selbstbestimmten Tod doch noch zu entziehen und erlebt als Freund des Verblichenen eine schreckliche Geschichte mit gutem Ende. Nicht zuletzt deshalb, weil er lernt, sich mit dem Warten anzufreunden.

Olga, Mascha und Irina warten länger. Der Vater der Drei Schwestern ist vor elf Jahren von Moskau in die Provinz versetzt worden, und jetzt, da er nicht mehr lebt, ist die ersehnte Rückkehr nach Moskau längst zu einem vielbeschworenen Traum geworden. Was damals Hoffnung war, hat sich als Illusion entpuppt, und nur die sehnsuchtsvollen Gespräche bewahren etwas vom Glanz der alten Zeit. In Wirklichkeit ist das Leben der drei Schwestern längst auf Provinzniveau angekommen. Ihre Sehnsüchte bleiben unerfüllt.

Die Fähigkeit zu warten entscheidet in Du meine Pappel im roten Kopftuch den Wettbewerb zweier Männer um die Liebe einer Frau. Der eine Mann, jung und unbedacht, erobert seine Angebetete im Sturm, entführt sie, gründet eine Familie und schafft ein bescheidenes Glück. Als er einen beruflichen Fehlschlag nicht verkraftet, ihn verheimlicht und sich darum immer mehr zurückzieht, zerstört er seine Ehe. Seine duldsame Frau ist eines Tages einfach verschwunden. Da bietet der ältere, erfahrenere und vom Verlust seiner Familie im Krieg gezeichnete Mann der jungen Mutter Unterschlupf. Ohne zu fragen und ohne zu fordern, kümmert er sich um den kleinen Jungen und wartet geduldig die Entscheidung der Frau ab. Am Ende erweist sich die leise und unspektakuläre Liebe des Älteren als dauerhafter.

Drei Geschichten aus Russland über Sehnsucht und Träume, die in Warten, Entwicklung und manchmal auch in Scheitern münden. In allen ist Russland präsent, Russland im Übergang von einer alten Gesellschaftsform zu einer neuen. Tiefsinniges, schwermütiges und melancholisches Russland, wie es der Mythos will. Oder wie es Schauspieler, Regisseure und Redakteure wollen? - Die Drei Schwestern, das Theaterstück, mit dem Tschechow und das Künstlertheater Moskau 1901 den ersten gemeinsamen Erfolg feierten, klingt in der Hörspielfassung von 1971 leider sehr fern und verstaubt. Das liegt an der blassen Inszenierung des Theaterregisseurs Rudolf Noelten, der Tschechows Figuren wenig eigene Persönlichkeit zugesteht und sie lediglich als "Leidende auf hohem Niveau" auftreten lässt. Vornehm und leise jammern sie sich durch ihr Schicksal, schluchzen unterdrückt, fallen in Ohnmacht. Die Besetzung der drei Schwestern mit sehr ähnlich klingenden Schauspielerinnen erschwert ebenso wie die zum Teil sehr leise Aufnahme das Zuhören. Es klingt ein bisschen nach Bühne, nur dass die Bewegungen im Raum nicht angemessen in den Hörraum übertragen wurden. Sicher, eine Perle aus den Archiven, die ihren Wert als Anschauungsmaterial für Theatergeschichte besitzt. Doch ein Hörer, der auf der Suche nach guter Unterhaltung ist, wird wohl kaum zur zweiten CD greifen.

Du meine Pappel im roten Kopftuch ist in mancher Hinsicht einfacher. Es werden nur drei Schicksale aufgerollt, die der beiden Männer, und, gespiegelt in ihrer Erzählung, das der jungen Frau. Es sind einfache Menschen vom Land, deren Milieu, Zeit und gesellschaftspolitische Hintergründe eher angedeutet werden. Zwei Sprecher lesen: Rudolf Kowalski, bekannt als Partner der Fernsehkommissarin Bella Block, gibt den jungen Lastwagenfahrer, Günter Lamprecht den erfahrenen Straßenbauingenieur. Beide verstehen es, über eine lange Zeit ohne akustische Begleitung die Spannung zu halten. Kowalski liest den weitaus größeren Anteil der Erzählung ruhig und setzt nur sparsam Akzente. Eine zuerst überraschende Gestaltung der Rolle des leidenschaftlichen Lastwagenfahrers. Doch da dieser rückblickend erzählt, überzeugt Kowalskis Haltung des resignierten Wilden, der zu spät begriffen hat, dass er verspielt hat.

Aitmatows Geschichte wirkt archaisch und zeitlos. Es geht um große Gefühle und ewig wiederkehrende Konflikte des Menschen: Leidenschaft, Stolz, Eifersucht und verletztes Vertrauen. Aitmatows einfacher und direkter Stil, die kraftvollen Bilder, die er für die Menschen und die ständig präsente weite Steppenlandschaft findet, lassen an alte Volkslieder denken. Und doch sind auch hier konkrete historische Lebensbedingungen Russlands gestaltet. Ist der Grund für das Zerwürfnis der Ehepartner etwa nicht der Druck der Leistungssteigerung, vom jungen Lastwagenfahrer heldenmütig angenommen, doch nicht erfolgreich bedient? Oder beginnt das Unglück damit, dass die beiden, anstatt die vom Kommunismus geforderte Gleichberechtigung der Geschlechter zu leben, als stolzer Mann und stumme Frau nicht über den langen Schatten der Tradition springen können?

Ein Freund des Verblichenen ist die jüngste der Geschichten und zugleich sehr modern und typisch russisch. Geschrieben hat sie Andrej Kurkow aus Kiew, Jahrgang 1961, der in seiner Heimat auch als Drehbuchautor und Redakteur arbeitet. Sein Held Kolja ist ein seltsam anspruchsloser Typ, der trotz einer grundlegenden Melancholie doch so weit in sich ruht, dass er die Dinge des Lebens auf sich zukommen lassen kann. Wie er die Tage still vor sich hin verlebt, Kaffee, Tee oder Wodka trinkend, erinnert an andere Figuren der russischen Literatur etwa aus den Erzählungen Gogols oder Charms´. Wie diese entwickelt er seine höchst eigenartige Sicht auf die Dinge, so dass alltägliche Gegenstände und Begebenheiten plötzlich besonders und fremdartig erscheinen. Während die Welt um Kolja langsam aber sicher an Eigendynamik gewinnt und die unglaublichsten Dinge passieren, bleibt er selbst lakonisch-nüchtern. Doch seit es ihm mit dem Mordanschlag auf sich selbst gelungen ist, die Gleichgültigkeit zu besiegen, verändert sich auch Kolja. Er beginnt, sich dem Fluss der Ereignisse anzuvertrauen und findet erst eine, dann eine zweite Frau. Auf die erste lernt er zu warten, auf die zweite freut er sich schon, noch bevor er ihr überhaupt begegnet ist. Als er sie dann endlich hat, ist die Geschichte leider an ihr unglaubliches und schönes Ende angelangt. Auch wenn August Zirner nicht brillant liest, sein verhalten wienerischer Akzent die russische Atmosphäre ein wenig stört und er insgesamt zuwenig gestaltet - die eigenartige und seltsame Melodie von Kurkows Geschichte bleibt im Ohr.

Ein Freund des Verblichenen von Andrej Kurkow, ungekürzte Lesung mit August Zirner und Andrej Kurkow (Gesang und Piano), Tacheles! Roof, 3 CDs, circa 3 Stunden, 22,90 EUR

Du meine Pappel im roten Kopftuch, Lesung nach dem gleichnamigen Roman von Tschingis Aitmatow, mit Rudolf Kowalski und Günter Lamprecht, Der Audio Verlag, 2 CDs, 148 Minuten, 19,95 EUR

Drei Schwestern, von Anton Tschechow, Hörspielbearbeitung und Regie: Rudolf Noelte, Produktion: Bayerischer Rundfunk 1971, Der Hörverlag, 2 CDs, circa 130 Minuten, 19,95 EUR

00:00 10.10.2003

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare