Vom Wohltäter beherrscht

Wie es weitergeht Das Jugendtheater der Berliner Volksbühne, P14, inszeniert zwei Mal Science Fiction, das eine Mal nach russischer, das andere nach amerikanischer Vorlage

"Wie geht es weiter?" fragt die neue Generation von P14 im dritten Stock der Volksbühne laut und eindringlich die Zuschauer. Das ist die existentielle Frage einer Jugend, der ein Bild von Zukunft zu fehlen scheint. Bilder der Bedrohung sind eher im Umlauf. "Wie geht es weiter?" ist auch eine aktuelle Frage für das Haus am Rosa Luxemburg-Platz.

Als ich in der Premiere von Wir oben im dritten Stock war, und das glucksende Lachen der Erkenntnis im Publikum aufkam, da war mir, als ob neue Blutkörperchen in den Röhrenknochen des Theaterkörpers gebildet würden, die den Kunstkreislauf beleben. Eine biologische Erneuerung? Zwei aktuelle Inszenierungen gibt es von P14 im dritten Stock; es handelt sich um zwei Bearbeitungen von Science Fiction-Literatur - eine russische und eine amerikanische Vision von Zukunft sollen damit einander gegenüber gestellt werden.

Pamela Schlewinski inszenierte Replikantenpop nach dem Roman Träumen Androiden von elektrischen Schafen von Philip K. Dick aus dem Jahr 1968, der 1982 unter dem Titel Blade Runner bereits verfilmt wurde. Hier stören die Menschenkopien, die Replikanten, die geschaffen wurden, um gehorsamere Wesen als Menschen zu sein, durch ihre Vermenschlichung den technischen Totalitarismus. Die ungehorsamen Androiden werden gejagt.

Daniel Schrader inszenierte Wir nach dem Roman von Jewgeni Samjatin aus dem Jahr 1920. Vor Huxleys Schöne neue Welt, und Orwells 1984, schuf der russische Autor die Vorstellung vom sozialen Totalitarismus eines Idealstaates nach der "letzten Revolution". Dem Idealstaat stellt sich die Rebellion des Menschlichen entgegen, das führt zu erneuter Revolution, die wiederum durch eine Mauer aus Starkstrom eingegrenzt werden soll. Nur zwei Prozent der Erdbevölkerung hat die letzte der Revolutionen überlebt. Die Überlebenden haben keine Namen, nur Buchstaben und Nummern. Sie sind eingemauert in ihre durchsichtige Welt. Sie werden beherrscht vom "Wohltäter", der Ungehorsam mit der öffentlicher Auslöschung durch Starkstrom ahndet. Sexualität ist geregelt anhand von kleinen rosa Tickets, die zu Geschlechtstagen eingelöst werden. Aber der Ingenieur der Rakete "Integral", die alle noch anstehenden Probleme "integrieren" soll, übertritt schließlich die Gebote. Die Eingemauerten befreien sich; sie entmachten die Macht.

Beide Science Fiction-Romane verteidigen die Rebellen gegen die sterilen Ordnungssysteme. Bei Samjatin sind die Rebellen Menschen, die die "Revolution" als Lehre kennen, ihren Idealstaat annehmen, sich aber doch gegen die Auslöschung von Liebe und Spontaneität wehren. Bei Dick sind es die Erfindungen des Menschenersatzes, die Androiden, die aus dem System ausbrechen, indem sie zu vermenschlichen drohen.

Technische Effekte, die uns eine fiktive Welt vorgaukeln sollen, gibt es in den Aufführungen keine. Auch Horrorszenen, jene Hinrichtungen und Grausamkeiten, die Samjatin oder Dick schildern, gibt es hier nicht. Die Kostüme und Körper auf der Bühne unterstreichen die Jugend und Verletzlichkeit der Figuren. Die Zukunft findet gleichsam in den Einzäunungen und auf den Brettern dieser, unserer Welt statt. Genauso glaubt man, dass es die eigenen Verluste von Gefühlen und von Individualität sind, die die Spieler ausdrücken, wenn sie Texte von Philip K. Dick sprechen, dass es um ihre eigene Sehnsucht nach Freiheit und Umsturz geht, die sie auch in einem angeblichen "Paradies" haben.

Beide Inszenierungen benützen das gleiche Bühnenbild, eine rechteckige Arena aus Brettern. Sie hat drei Klapptüren, durch die meist wie in eine Kampfbahn gerannt wird. Bei den Androiden ist sie leer, bei Wir ist der Boden mit dicken Plastikfolien bedeckt und an der Stirnwand hockt ungerührt und schwer bis zu seinem Sturz der "Wohltäter". Alles, was gezeigt werden muss, zeigen die jungen Körper selbst. Wie ängstlich man sich in Wir innerhalb einer versperrten Welt bewegen muss, zeigen sie, indem sie um die Folien herum tapsen. Wie sie alle gleich sind, zeigen sie im Verteilen von Zahnbürsten und im gemeinsamen Zähneputzen. Nummer I raucht. "I, die raucht!" Der Erfinder der tödlichen Harmonisierungsmaschine "Integral", wird von I zum Fliegen verleitet, sie heben die Arme übereinander, sie fliegen. Die Fanatikerin hat Hassausbrüche: Das "Gehirn des Teufels" trampelt sie in den "Matsch aus Erde und Blut", später kommt ihr die Idee einer neuen Mauer aus Starkstrom. Am Bretterzaun dicht gedrängt stehen die Zuschauer. Das runde Mädchen O springt sie förmlich an: "Ich will ein Kind von dir!"

Es wird immer deutlich, dass sie sich selber meinen, auch wenn I fragt: "Hat irgend jemand das Wir schon mal gesehen?" Sie krabbelt dabei unter die Folien und sucht verzweifelt nach dem Wir - ein Bild! Die ewige Idee vom Kreis der Menschheitsentwicklung wird so eindringlich beschrieben. "360 Grad und wieder 0 Grad, oder sind wir vielleicht 0,2 Grad rechts davon oder links davon?" Und da war es, das glucksende Lachen im Publikum.

Nach einem gemeinsamen "Wann? Wann? Wann?" wird die Barriere gestürmt. Der in die Folien gerollte "Wohltäter" wird danach mit einem nüchternen "Papa, jetzt komm doch mal da raus!" wieder gerufen. Robert sagt noch: "Mit allem habe ich gerechnet, aber nicht mit dem Geschenk der Freiheit vor meinem Rentenalter." Ein Spiel mit 1989.

Replikantenpop wird von den noch Jüngeren gespielt. Die gemeinte Unbeholfenheit von Automaten wird durch die jugendliche Unreife der Darsteller auf schmerzhafte Weise betont. Wenn die Unmöglichkeit zu lieben oder sich zu freuen von jemanden vorgeführt wird, der für diese Erfahrung zu jung erscheint, tut das besonders weh: Ein Automat spricht automatisch: "Mich-langweilt-die-Bestialität-unserer-Konversation."

Lachen kann man da nicht, eher weinen. Frappierende Sentenzen und existentielle Fragen werden in Wir und in Replikantenpop dauernd zitiert und den Zuschauern quasi an die Köpfe und vor die Füße geworfen. Ein häufiger Zwischenruf in dem Stück nach Philip K. Dick lautet: "Wir sind im Arsch!"

Am Anfang der Aufführung von Wir tigert Thea als I durch die Arena und verkündet mit hämmernder Wiederholung: "Irgendwann wird die herrschende Elite schwach und verliert den Kopf. ... Die bis dahin nicht wahrnehmbare Gegenelite tritt auf die Bühne und fegt die Alten wie ein Tsunami weg."

Der fast anarchische, auch zerstörerische Widerstand ist immer Thema an der Volksbühne gewesen. Die Umsetzung der amerikanischen Science Fiction-Idee von Philip K. Dick wird bei P14 zur Darstellung der Angst, so jung so falsch leben zu müssen, nicht lieben zu können und nicht zu wissen, wer man eigentlich ist. Replikantenpop endet mit dem Wunsch, endlich kein Zwischending mehr zwischen Mensch und Maschine zu sein, sondern lieber nur eine Maschine. Die Umsetzung der russischen Science Fiction-Idee von Samjatin durch 14 beharrt dagegen auf der Unausweichlichkeit von Revolutionen, und deren erneuter Eingrenzung.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 24.03.2006

Ausgabe 15/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare