Von Ampeln, die keiner braucht

Stadt Eine Beratungsfirma will Kommunen weltweit eine neue Ausschreibungskultur beibringen. Sie sollen aufhören, fertige Lösungen zu entwerfen
Jenny Fadranski | Ausgabe 35/2015 3

Vor vier Jahren hätte die Stadt Saint Paul im US-Bundesstaat Minnesota viel Geld sparen können. Saint Paul investierte 4,5 Millionen in sprechende Ampeln für sehbehinderte Menschen. Auf Knopfdruck sagen sie den Namen der Straße. Zur gleichen Zeit und zum selben Preis stattete Stockholm Sehbehinderte mit einer mobilen Navigationshilfe aus. Mit der können sie sich in der Stadt fast so gut wie Sehende bewegen. Die Ampeln in Saint Paul hingegen werden kaum genutzt.

Vor vier Jahren hätte Sascha Haselmayer Saint Paul noch nicht helfen können, denn sein Beratungsunternehmen Citymart hatte er da gerade erst gegründet. Das mit den Ampeln hätte sich verhindern lassen können, ist sich Haselmayer sicher. „Wenn die Verwaltung ergebnisoffen gefragt hätte, wie sie ihre Stadt blindenfreundlicher machen kann.“

Citymart koordiniert und fördert den Austausch von Ideen zwischen Städten. Das Unternehmen hilft ihnen, ihre Ausschreibungen und Lösungsfindungsprozesse für Bürger, Start-ups und Sozialunternehmen zu öffnen. 400 Städte hat der in Hamburg geborene Architekt Haselmayer bisher besucht. Fast jede sei überzeugt, vor einzigartigen Problemen zu stehen, doch eigentlich könnten alle Städte voneinander ebenso wie von ihren Bürgern lernen, sagt er. „So lassen sich mit weniger Ressourcen positive Veränderungen bewirken.“ In 52 Städten weltweit ist Citymart aktiv, hat Büros in Barcelona und New York. Um ärmere Menschen kostenlos mit schnellem Internet auszustatten, konnten Bürger und Firmen in der US-Metropole kürzlich ihre Ideen für technische Innovationen einreichen. Doch damit sich Verwaltungen auf diesen experimentellen Prozess einlassen, muss Haselmayer an ihrem Selbstverständnis rütteln.

Ohne Öffentlichkeit

Denn Verwaltungen sind es gewohnt, unter Ausschluss jeder Öffentlichkeit Investitionsentscheidungen zu treffen. Es folgen komplizierte, hunderte Seiten starke Ausschreibungen, die bis ins kleinste Detail beschreiben, wie etwa eine Ampel aussehen soll. Das begünstigt Konzerne, die in der Lage sind, das Produkt oder die gewünschte Dienstleistung zu liefern. Verwaltungen wollen vor allem kein wirtschaftliches Risiko eingehen und lieber etwas kaufen, was sich vermeintlich bewährt hat.

Das von der Gesellschaft getragene Risiko, Probleme so nie wirklich zu lösen, wird dabei nicht beachtet. Warum sollten weitere Ampeln wirklich die beste Lösung sein, um den Straßenverkehr sicherer zu machen? Solche Fragen, die aus der Pfadabhängigkeit des immer Gleichen führen können, werden kaum gestellt. Dabei könnten sie effizientere Wege zur Verbesserung der Lebensbedingungen in der Stadt aufzeigen – das versucht Haselmayer Bürgermeistern auf der ganzen Welt klarzumachen.

Mit seinem Unternehmen besetzt er damit eine Nische – Konkurrenten mit ähnlichem Profil gibt es im Werben um die Kommunen als Kunden bisher kaum. Doch es braucht gar nicht unbedingt eine Firma wie Citymart, um die Umsetzung kommunaler Aufgaben partizipativer und innovativer zu gestalten. In Deutschland und anderswo existieren Bürgerhaushalte, oftmals von Basisinitiativen erkämpft. Je nach Modell schlagen Bürger dabei vor, wo Geld investiert werden sollte, wo Einsparungen vorstellbar sind und wie sich neue Einnahmen erzielen lassen. Ein direktes Entscheidungsrecht ist aber noch selten.

Barcelona hat im vergangenen Jahr 1,5 Millionen Dollar bereitgestellt, um sechs Probleme zu lösen, darunter die Verringerung der Zahl von Fahrraddiebstählen, die Vermeidung sozialer Isolation und die Messung von Fußgängerströmen. Die Resonanz war groß: 55.000 Menschen informierten sich auf der Internetseite der Stadt, 112 Konzepte wurden eingereicht. Manche gründeten extra ein Unternehmen. Das bestätigt, was Verfechter offener Ausschreibungen versprechen: Förderung einer Gründer- und Erfinderkultur, Stärkung der städtischen Wirtschaft. In 98 von 100 offenen Ausschreibungen, die Citymart begleitete, bekamen kleine Unternehmen den Zuschlag.

Paris und Moskau

Doch auch bei den Unternehmen muss Citymart Überzeugungsarbeit leisten: „90 Prozent derer, die wir ansprechen, wollen nicht mitmachen, weil ihrer Erfahrung nach alle öffentlichen Ausschreibungsprozesse manipuliert sind“, sagt Haselmayer.

Unternehmen brauchen die Sicherheit, dass sie im Ausschreibungsprozess eine Chance haben und neue Ideen nicht umsonst entwickeln. Und Verwaltungen müssen erst dazu gebracht werden, das Risiko einzugehen, einen gewissen Prozentsatz ihrer Haushalte für problembasierte Ausschreibungen freizugeben. Sowohl Paris als auch Moskau haben das bereits getan und fünf Prozent ihrer Budgets reserviert. Haselmayer hat zuletzt mit Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller (SPD) gesprochen. Vorerst ohne Erfolg.

Jenny Fadranski ist freie Journalistin. Sie schreibt über innovative Stadt- entwicklung und moderne Architektur

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06:00 09.09.2015

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