Von anderem Format

Österreich Viele Alpengebiete sehen aus wie nach einem Flächenbombardement der Reisebranche. Die Ötscherregion will das vermeiden
Franz Schandl | Ausgabe 27/2015 2

Alpen sind in einer Alpenrepublik keine Seltenheit. Und doch sind sie kaum Gegenstand reflektierter Betrachtung, sondern dienen als Kulisse, Panorama und Sujet. Verstädterung einerseits und ländliche Entsiedelung andererseits prägen das Bild. Ihnen ist unter den herrschenden ökonomischen Bedingungen wohl kaum zu entgehen.

Wäre man vor die Aufgabe gestellt, den unspektakulärsten Teil der europäischen Alpen zu suchen, man könnte in den niederösterreichischen Kalkalpen, konkret in der Gegend um den Ötscher fündig werden. Und das spricht gar nicht gegen den Ort, vermochte er doch gerade dadurch einiges zu bewahren, was anderswo der Fremdenverkehrsindustrie längst zum Opfer gefallen ist. Zieht man nämlich alle Einrichtungen und Ausformungen des Tourismus ab, was bleibt dann übrig? In den Fremdenverkehrszentren der Alpen kann man sich darunter gar nichts mehr richtig vorstellen. Am Ötscher geht das noch, vor allem weil er vom Massentourismus eher gestreift als getroffen wurde. Darin liegt ein ausgesprochener Reiz.

Ein Dorn im Auge

Die diesjährige niederösterreichische Landesausstellung unter dem Titel Ötscher:Reich hat diesen Raum zu ihrem Thema gemacht. Um die Alpen geht es, exemplarisch dokumentiert an einer Region des Mostviertels. Das Gebiet beherbergt den letzten Gipfel der Alpen, östlich von ihm schließt sich als sanfter Alpenausläufer nur noch der Wienerwald an. „Trotz der Nähe zu Wien repräsentiert diese touristisch wenig erschlossene Alpenregion in vieler Hinsicht den unauffälligen Normalfall der Alpenentwicklung“, schreibt Werner Bätzing, einer der Ausstellungsmacher und emeritierter Professor für Kulturgeografie an der Universität Erlangen-Nürnberg. „Obwohl die Stadt Wien nur knapp 100 Kilometer Luftlinie vom Ötscher entfernt liegt, ist die Ötscherregion ein abgelegenes Gebiet, abseits von Hektik und Geschäftigkeit der Ballungszentren.“ Der Landstrich wirkt weder zugestellt noch designed.

Natürlich wollen wir keine rührselige Geschichte einer unberührten Natur auftischen – die gibt es nicht. Selbstverständlich ist es eine berührte Landschaft, aber nicht jede Berührung ist ein Übergriff. Es gibt durchaus zurückhaltende Räume, die ahnen, ja spüren lassen, was unaufdringliche Schönheit bedeutet. Man wandere durch die Schluchten der Ötschergräben. Zweifellos handelt es sich hier um eine unterbeschädigte Region. Die allgegenwärtige Kommerzialisierung ist zwar nirgends zu leugnen, aber es fehlt ihr dort die drückende Hast und grobe Opulenz, was wirtschaftlich, also marktwirtschaftlich gedacht, heutzutage mehr unter Leiden denn Freuden fällt.

Was geboten wird, wird nicht unbedingt angeboten. Das birgt ökonomische Nachteile. Mangelnde Geschäftstätigkeit ist jedem Raum ein Dorn im Auge. Im Kampf der Standorte hat er aufzurüsten. Auch die Landesausstellung ist ein von Landesregierung und Sponsoren finanziertes Aufrüstungsprogramm. Es soll sich in Zukunft etwas mehr tun, als sich bis jetzt tut. Was dazu sagen? – Wenn es aufgeht, ist es nicht gut, und wenn es nicht aufgeht, auch nicht.

Ernannt zur Himmelsleiter

„Der Tourismus nutzt und belastet die alpinen Ökosysteme, ohne sich um ihre Reproduktion zu kümmern“, sagt Bätzing. Viele Alpenzentren sehen heute aus wie nach einem Flächenbombardement der Fremdenverkehrsindustrie. Die Gegend um den Ötscher dagegen ist eine wenig formatierte Landschaft, keine Schnellstraße quert sie, und auch die Eisenbahn von der Landeshauptstadt Sankt Pölten in den Wallfahrtsort Mariazell, der schon knapp hinter der steirischen Grenze liegt, ist eine Schmalspurbahn, die mühsam ihren Weg durch die Serpentinen findet. Schier endlos windet sie sich die wenigen Kilometer durch scheinbares Niemandsland, selbst die Stationen wirken verwaist und lassen auf den ersten Blick keine Wohnstätte erkennen. Siedlungen verstecken sich oft hinter den nächsten Hügeln. Bei einer Reise mit der Mariazellerbahn kann man jedenfalls das Schauen lernen.

PR-gerecht wurde die Mariazellerbahn nun zur Himmelstreppe ernannt. Das klingt flotter und esoterischer noch dazu. Das Mythische darf ja nicht fehlen. In Puchenstuben, einem dieser Halteorte, ist Österreich angeblich am finstersten, doch wie es die Dialektik so will, erlaubt gerade diese Dunkelheit den hellsten Sternenhimmel des Landes. Der Waldanteil beträgt über 80 Prozent, die Region gehört damit zu den waldreichsten Zonen der Alpen. Erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der einstige Urwald wirtschaftlich genutzt und entsprechend gepflegt. Dies führte freilich auch dazu, dass die Mischwälder durch Fichten- und Föhrenkulturen ersetzt wurden. Die Forstwirtschaft spielt seit damals eine zentrale Rolle, und sie ist in der Landesausstellung gut aufbereitet, von der Geschichte der Holzknechte über die mühsamen Transportwege bis hin zur modernen Holzverarbeitungsindustrie.

Das Gebiet ist bisher einer Monostruktur entgangen. „Deshalb findet sich hier von allem etwas, aber nie in dominanter Form, sondern so, dass die verschiedensten Nutzungen nebeneinanderstehen – es herrscht sozusagen der Normalfall der modernen Alpenentwicklung in leicht chaotischen Strukturen. Dieses durchaus sympathische Gemisch hat dazu geführt, dass diese Alpenregion trotz des Fehlens großer Erschließungsprojekte keine Entsiedelung kennt und die Bevölkerung in den letzten 140 Jahren sogar leicht gewachsen ist.“ (Bätzing) Im engeren Sinne handelt es sich aber um keine Krisenregion. Die Arbeitslosigkeit ist niedrig und anders als in anderen Landesteilen (zum Beispiel dem Waldviertel) gibt es keinen Bevölkerungsrückgang. Trotzdem, die Zahl der Agrarbetriebe sinkt, immer mehr Menschen pendeln aus und der Tourismus stagniert.

Böse Zungen meinen, der Tourist sei der verkehrte Fremde, daher habe sich auch der Ausdruck Fremdenverkehr eingebürgert. Gelitten wird jener nur ob des Geldes, das er bringt. Für Besucher ist es immens schwierig, kein Tourist zu sein. Trotzdem sollte man es versuchen. Manchmal ist das auch weniger anstrengend, als den Zwängen der Reklame nachzukommen und eine obligate Kaufpflicht als Urlaubender zu erfüllen. Wer ein Programm hat, ist meist sowieso programmiert. Die Freizeitindustrie hat die Freizeit fest im Griff, sie will jedem oder jeder das Hemd ausziehen. Das Angebot bestimmt wegen seiner finanziellen Übermacht jede Nachfrage. Im eingeborenen Land der Älpler den Tourifallen zu entgehen, das ist eine anspruchsvolle, aber nicht unlösbare Aufgabe. Am Ötscher gewiss leichter als in Salzburg oder Tirol.

Autofahrer zum Beispiel erfahren nicht die Landschaft, sie fahren lediglich durch. Sie eilen, und wo sie nicht eilen können, werden sie ungeduldig. Kaum etwas wird von Autofahrern so gehasst wie schmale Straßen oder gar Serpentinen. Erstens müssen sie da langsamer fahren und zweitens auch noch auf die Umgebung achten. Der Weg verscheucht das Ziel. Für beides haben die Automobilisierten als rasende Subjekte der Zwangsbeschleunigung nicht viel übrig, dafür sind sie nicht prädestiniert. Derlei macht unruhig, ja fuchtig. Da lieben sie doch ihre Tunnels und pflegen auch den entsprechenden Blick.

Einfach Wanderer zu sein, ist eine Herausforderung, der man sich stellen sollte. Ein Wanderer ist einer, der nicht nur geht, sondern stets weiter geht. Er ergeht sich nicht nur in der Landschaft – die Landschaft ergeht sich auch an ihm. Durch das Gehen nimmt er nicht nur Anteil, sondern wird Bestandteil, zumindest für Fristen, die länger als Momente dauern. Je mehr man sich einem Gebiet hingibt, desto mehr gibt es her. Bätzing und sein Koautor Hannes Hoffert-Hösl schreiben, ihr Wanderbuch sei dazu da, „damit man das, was man unterwegs sehen kann, nicht übersieht“. Das hat was für sich, denn der ungeübte Wanderer hat wenig Sensorium für das, was wirklich beachtenswert ist. Aber dazu gibt es Literatur, wenn auch nicht immer so klug durchdacht und einfach formuliert wie die des Alpenforschers. Werner Bätzing hat mit seinen vor allem im Zürcher Rotpunktverlag publizierten Büchern Elementares zum analytischen Verständnis beigetragen. Soeben ist auch die vierte. Auflage seines Standardwerks Die Alpen erschienen.

Sankt Petersburgs Vize

Der bedächtige Charme des Ötscherlandes ist abseits von no risk, no fun. Dummerweise zu verunglücken, das ist selbst für den Flachländer schwer. Auch Lawinen gibt es kaum. Der falsche Kitzel diverser Abenteuer entfällt. Der ungeübte Wanderer muss sich nicht fürchten. „Andererseits gibt es auf diesen Wegen keine technischen Schwierigkeiten, also keine ausgesetzten Passagen oder Kletterstellen, auch Gletscherüberquerungen entfallen. Es handelt sich also durchgehend um leichte bis mittelschwere Wanderungen.“ (Bätzing)

Wer der eingeforderten Kurzweiligkeit entgehen will, der ist dort gut aufgehoben. Kontemplation, um nicht das absurde Wort Erholung zu verwenden, ist ohne Langeweile unmöglich. Zur Fadheit neigt sie bloß, wenn man mit ihr und mit sich selbst nichts anzufangen versteht. So richtig frisch wird man jedoch in einer Sommerfrische nur, wenn sie beträchtlich länger dauert als ein Urlaub. Was ein Problem ist.

Es ist schon eine verschlafene Gegend. Wer Events und Action braucht, muss sie woanders suchen. Selbst Promis, die regelmäßig auf Besuch gekommen sind, hat man nur wenige aufzubieten. Zwei jedoch werden am Veranstaltungsort Laubenbachmühle hervorgehoben: Peter Alexander, der Schlagerstar, residierte regelmäßig am Lunzer See. Und dann wäre da noch der ehemalige Vizebürgermeister von Sankt Petersburg, der Anfang der 90er Jahre mit seiner Familie zwei Winterurlaube in Göstling verbrachte. Nach einem weiteren Karrieresprung sollte er aber fortan bei seinen hochalpinen Freunden am protzigeren Arlberg einkehren. Doch das mit Wladimir Putin ist so eine ganz eigene Sache.

Info

Die niederösterreichische Landesausstellung ist bis 1. November 2015 geöffnet

06:00 15.07.2015

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