Von Ausweis zu Ausweis

Bücherei Die Familie unseres Autors liebte Bücher. Nach der Flucht aus Sarajevo las nur noch er gerne und verbrachte viel Zeit in Stadtbibliotheken. Wer es sich leisten kann, Bücher zu besitzen, sagt damit viel über sich aus
Für immer verloren: Fast 20 Kisten wurden im Kriegswinter verheizt
Für immer verloren: Fast 20 Kisten wurden im Kriegswinter verheizt

Material: Adobe Stock, IStock, Getty Images

Wann habe ich eigentlich aufgehört, mir Bücher aus Bibliotheken auszuleihen? Es muss kurz nach meinem 30. Geburtstag gewesen sein. Ich weiß es so genau, da dieser Geburtstag in etwa mit meinem Umzug nach Kaiserslautern zusammenfiel und ich zum ersten Mal mein Leben in einer neuen Stadt nicht damit einläutete, dass ich die örtliche Bibliothek aufsuchte, um mir einen Ausweis zu holen. Zu diesem Zeitpunkt war ich nämlich bereits berufstätig und konnte es mir endlich leisten, Bücher zu kaufen. Ich hatte damals diesen Traum von einer Büchersammlung, die es mit der meines Großvaters Šefkija hätte aufnehmen können, der Dozent und Lektor gewesen war. Wir hatten seine Bücher bei unserer Flucht aus Sarajevo zurücklassen müssen, mit der Hoffnung, sie in Friedenszeiten wiederzubekommen. Aber der Verwandte, der sie in Obhut genommen hatte, gestand irgendwann, das meiste aus den 20 Kisten im letzten Kriegswinter verheizt zu haben.

Wir waren eine bibliophile Familie, und das sogar noch ein wenig mehr als für jugoslawisches Bildungsbürgertum üblich: Natürlich lasen wir gerne, aber mein Vater war zudem auch Dozent der Bibliothekswissenschaften an der Philosophischen Fakultät der Stadt Sarajevo. Folglich wurde ich schon früh in der nächstgelegenen Zweigstelle eingeschrieben – 30 Quadratmeter im Erdgeschoss eines Plattenbaus aus den 1960ern. Die Ausleihtheke befand sich direkt am Eingang, während unmittelbar dahinter ein Bücherregal den Raum in der Mitte so teilte, dass er von oben fast wie das kyrillische Scha-Zeichen aussah: wie ein ш, dessen Innenwand-Hälfte der Kinderliteratur gehörte.

Als ich 2017 nach über 20 Jahren und zum ersten Mal seit unserer Flucht in meine alte Heimatstadt zurückkehrte, stellte ich fest, dass es die kleine Bücherei immer noch gab. Die Bibliothekarin, die darin arbeitete, erinnerte sich gut an meinen Vater. Sie war eine der Studentinnen gewesen, deren mündliche Abschlussprüfungen er während der Kriegsjahre bei uns in der Wohnung abgenommen hatte, oder im Schutzkeller, wenn das Bombardement zu heftig geworden war. „Wie geht’s dem Tata denn?“, fragte sie, und ich antwortete, dass er Krebs habe. „Hat’s gestreut?“ „Leider.“ Daraufhin fing sie an zu weinen, und ich musste meine ganze Selbstbeherrschung aufbringen, um nicht auch in Tränen auszubrechen. Nun, wo mein Vater inzwischen verstorben ist, tröste ich mich gelegentlich mit dem Gedanken, dass er auch seinen Schülerinnen in guter Erinnerung geblieben ist.

Soll man Bücher besitzen?

Während sich die Bibliothekarin die Augen abtupfte, sah ich mich um. Eigentlich wirken Räume in Kindheitserinnerungen größer, hier war das jedoch nicht der Fall: Selbst als Grundschüler hatte ich mich mit erhobenen Armen zwischen der Theke und dem Mittelregal durchdrücken müssen, um zu Branko Ćopić, Ivan Kušan und Mark Twain zu gelangen – die kommunistischen Staaten des 20. Jahrhunderts unterschieden sich in vielerlei Hinsicht, es einte sie aber die Enge. Als Kind wurde ich in die winzige Büchereizweigstelle eingeschrieben, weil es in unserer winzigen Wohnung schon mehr als genug Bücher gab. Nach unserer Flucht wurde ich in die Kinderbibliothek der Stadt Mannheim eingeschrieben, weil wir uns als Kriegsflüchtlinge keine Bücher leisten konnten. Was sich dadurch langfristig in mein kindliches Hirn einfräste, war der vage Eindruck, dass Bücher ein Luxus seien – dass man sich nicht bloß Bücher leisten können musste, sondern auch den Raum dafür. Als Kriegsflüchtlinge waren wir zwar dem Krieg, jedoch nicht der Enge entkommen. Mein Bruder und ich teilten uns ein elf Quadratmeter großes Zimmer und machten die Hausaufgaben am Küchentisch. Und wir waren wirklich bitterarm.

Eine weitere Sache hatte sich nach unserer Flucht geändert: Ich war nun das einzige Mitglied unserer Familie, das gerne las. Der Krieg hatte meinen Eltern den Tagtraum verleidet, während ich ausschließlich noch in Tagträumen zu leben bereit war, also lebte ich durch Abenteuerromane – und da ich schüchtern war, jedoch irgendwie Deutsch lernen musste, vollzog sich auch mein Spracherwerb hauptsächlich durch das Lesen. In der Mannheimer Kinderbücherei war es stiller als in der Unterkunft und nicht so erstickend eng, also suchte ich mir nach der Schule einen der Wandtische und lernte Vokabeln, oder ich deklinierte, konjugierte. Nach etwa zwei Jahren, als ich Deutsch schon einigermaßen beherrschte, ermutigte mich eine Bibliothekarin, mich in die „richtige“ Stadtbücherei einzuschreiben: „Da gibt’s Krimis, die wären was für dich“, sagte sie.

Der große Krimi meines Vierteljahrhunderts als Büchereimitglied war vor allem die Frage, was die anderen Menschen in die Bibliotheken trieb. Während ich Bücher auslieh, weil ich sie mir nicht kaufen konnte, kam es mir oft so vor, als seien die anderen Nutzer:innen mehrheitlich eher Menschen, die zwar gerne lasen, es jedoch nicht einsahen, für Bücher Geld auszugeben. Grundsätzlich finde ich diese Haltung nachvollziehbar, denn eigentlich macht es wenig Sinn, Bücher zu kaufen: Sie sind ziemlich teuer (was einhergehend mit dem Rückgang von Taschenbuchausgaben dafür sorgt, dass immer weniger der neu erscheinenden Bücher als Schullektüre in Frage kommen – doch das ist ein anderes Thema), die meisten wird man aber nur einmal lesen. Was nutzlos rumliegt, sollte zumindest wertvoll sein, doch Bücher verlieren trotz ihres hohen Einstiegspreises so schnell an Wert, dass selbst alte Streichholzschachteln bessere Sammlerobjekte abgeben. Wer mir nicht glaubt, braucht sich nur einmal bei Ebay umzuschauen, wo signierte Hardcover bekannter Autoren für neun Euro inklusive Versand angeboten werden und über Monate keine Abnehmer finden. Verglichen mit einem alten Gitarrenverstärker oder einem Marken-Rennrad sind alte Bücher bloß Papierabfall: Weimarer Goldschnitt-Ausgaben obskurer Dostojewski-Übersetzungen bekommt man hinterhergeworfen, denn wer liest noch gerne Fraktur? Nein, Bücher sind nichts wert.

Im Keller der Stadtbücherei

Um sie besitzen zu wollen, muss man auf die Verheißung eines bürgerlichen Lebens hereinfallen, man muss sich danach sehnen, die eigene akademische Potenz zur Schau stellen zu können. Meine Eltern waren promovierte Dozenten, ich hatte keine Chance. Mein ganzer Lebenslauf raste, vom Verlusttrauma des Krieges angepeitscht, auf den Punkt zu, ab dem ich anfangen würde, eine Bibliothek anzuhäufen. Doch wieso sollte ein Mensch, der Literatur liebt, ohne für sich eine Rolle daraus herleiten zu wollen, Bücher kaufen? Solange es Bibliotheken gibt, fällt mir kein guter Grund ein. Bibliotheken sind mehr als ein Ort, sie sind der Ort, für den Bücher eigentlich bestimmt sind.

Als Schriftsteller erfreut mich der Gedanke ungemein, dass man noch lange nach meinem Tod meine Bücher finden können wird – so wie ich zwei meiner liebsten Bücher, Edmund Gosses Father and Son und Frank Conroys Stop-Time, beim Stöbern im Keller der Stadtbücherei von Portishead gefunden habe. Ja – Bibliotheken sind der Ort, dank dem Schriftsteller:innen immer wieder in fremde Herzen finden. Oder, um meinen Vater zu zitieren, der sie noch leidenschaftlicher liebte als ich: Bibliotheken sind das Gedächtnis der Literatur.

Tijan Sila wurde 1981 in Sarajevo geboren. Er lebt in Kaiserslautern. Sein letzter Roman Krach (Kiepenheuer & Witsch 2021) über eine Punkband in der pfälzischen Provinz wurde vom Magazin Musikexpress auf Platz 6 in der Liste der besten Romane des Jahres gewählt

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