Von den Aufbauern zu den Baby-Boomern

Erbengemeinschaft In den Verlagshäusern von "WAZ" und "Süddeutsche Zeitung" müssen sich die Nachkommen der Gründergeneration einigen, was ihnen ihr Prestige wert ist

Es ist die Zeit der Erbschaften. Die "Wiederaufbau-Generation" der alten BRD stirbt. Ihr Eigentum fällt an die "Babyboomer-Generation", also selten an Einzelkinder, oft dagegen an sehr umfangreiche Erbengemeinschaften. So ist es auch bei zwei der wichtigsten deutschen Zeitungshäusern geschehen: dem Süddeutschen Verlag in München und der WAZ-Gruppe in Essen. Da die meisten anderen Medienhäuser die Rolle der Geier auf dem Telegrafenmast einnehmen und abwarten, ob ökonomisch tödliche Unfälle passieren, berichten sie darüber nicht und die breite Öffentlichkeit erfährt nichts darüber, wie Meinungs- und Informationsvielfalt hier Gefahr drohen, unter die Räder zu geraten.

Die Essener WAZ (Westdeutsche Allgemeine Zeitung)-Gruppe ist schon lange der in seiner meinungsbildenden Bedeutung meist unterschätzte Mitspieler im großen Mediengeschäft. Sie produziert bis heute kein "bundesweites Qualitätsblatt" und schadet dem Image ihrer Heimatregion Ruhrgebiet damit seit Jahrzehnten nachhaltig. Für den Konzern als solchen dagegen war es besser so. Bundesweiter Vertrieb ist teuer; kaufmännisch lohnt er sich nicht. Meinungsbildend sind die Regionalblätter dennoch, nicht bei den Eliten, aber bei Millionen Lesern, die ihrem Regionalblatt mehr vertrauen als etwa dem Unterhaltungsblatt Bild.

Kaufmännisch ist der WAZ-Konzern immer aggressiv aufgetreten. So beherrscht er hierzulande über die Hälfte von Nordrhein-Westfalen und mit Hilfe seines Geschäftsführers Bodo Hombach hat er sich, bei uns fast unbeachtet, zum wichtigsten Medienhaus in Südosteuropa entwickelt. Eine Beteiligung am Fernsehgeschäft (RTL) wurde mit Gefühl fürs richtige Timing Mitte 2005 für über 500 Millionen Euro verkauft. Die WAZ ist also liquide und immer dann als Käufer im Gespräch, wenn wieder irgendwo ein Blatt oder ein ganzes Verlagshaus verkauft werden soll.

Fälschlicherweise wird die WAZ immer wieder als der SPD nahestehend klassifiziert. Das war noch nie richtig, auch dann nicht, als das Stammbundesland der WAZ lange Jahrzehnte von der SPD regiert wurde und Landesregierung und Verlag immer auf ein gutes Verhältnis zueinander geachtet haben. Richtig ist, dass die Familie Brost, 50-Prozent-Eignerin, sozialdemokratisch orientiert ist; die Witwe des verstorbenen Gründers hat eine enge persönliche Freundschaft mit Johannes Rau gepflegt; Schröders ehemaliger Strippenzieher Bodo Hombach vertritt die Familie in der Konzerngeschäftsführung. Diesen Job musste er sich mit dem kürzlich verstorbenen Erich Schumann teilen. Der war nicht nur als Sozi aufgefallen, sondern auch als Spender (800.000 Mark) an Helmut Kohl, als es dem wegen seiner Spendenaffäre sehr schlecht ging. Die breite Öffentlichkeit und die SPD hat das damals sehr entsetzt. Es war aber nicht überraschend. Denn die andere Hälfte des WAZ-Besitzes liegt bei drei Erben des zweiten WAZ-Gründers Funke. Und für einen dieser herzhaft zerstrittenen drei Familienstämme agiert als Stratege Helmut Kohls Anwalt Stephan Holthoff-Pförtner.

Die WAZ-Gruppe ist in der Branche als sparsam nach innen und gefräßig nach außen bekannt. Sozialdemokratisch sind allenfalls noch ihre älteren Redakteure. Der Chefredakteur der WAZ selbst, Ulrich Reitz, ist zwar ein liberaler Geist, aber wenn es drauf ankommt ein eisenharter Neoliberaler. Es soll Hombach selbst gewesen sein, der ihn Frau Brost nahegebracht hat.

Seit die Millionen des RTL-Verkaufs ins Haus gespült wurden, scheint allerdings nichts mehr im WAZ-Konzern wie zuvor. Die Familie Brost kann nicht gegen Familie Funke agieren. Familie Funke ist dreigeteilt in Grotkamp, Schubries und Holthoff; ob auch hier das Einstimmigkeits- oder das Mehrheitsprinzip zu gelten hat, darüber steht man jetzt schon seit geraumer Zeit gegeneinander vor Gericht. "Wer solche Eigentümer hat, braucht keine Heuschrecken mehr", meint dazu - nein, keine Gewerkschaftszeitung, sondern - das Manager-Magazin.

Die derzeit bewegungsfähigere WAZ-Familie Brost schaut schon lange sehr interessiert nach München. Dort geht es ähnlich zu, nur noch komplizierter. Die Süddeutsche Zeitung, Flaggschiff des gleichnamigen Verlages, ist das auflagenstärkste bundesweite Qualitätsblatt, mit zuletzt immer weiter wachsendem Vorsprung vor der konservativeren Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die SZ gehörte über viele Jahrzehnte fünf Familien beziehungsweise Erbengemeinschaften. Das hatte lange Zeit neben Komplikationen auch Vorteile für die Unabhängigkeit der Redaktion, denn bis fünf sich aufs Hineinregieren einigen, fließt viel Wasser die Isar hinunter.

Aber für die Entwicklung lang- und mittelfristiger Strategien kann eine solche Struktur schnell mörderisch werden. Die Besitzfamilien haben in den wirtschaftlich guten Jahren bis 2000 viele Gewinne geschrieben und wurden dann von der Medien- und Börsenkrise auf dem falschen Fuß erwischt. So war man gezwungen die Südwestdeutsche Medienholding (SWMH, Stuttgart/Ludwigshafen) als kapitalkräftige sechste Partei in die Eigentümer-Gemeinschaft aufzunehmen. Seitdem wurden nicht nur profitable Ideen kultiviert ("SZ-Mediathek"), sondern auch publizistisch ehrgeizige Projekte (NRW-Ausgabe) schnell wieder eingestellt.

Nachdem es nun wieder Gewinne gibt und bevor die nächste Krise droht, haben mehrere SZ-Familien ihr Interesse am Verkauf ihrer Anteile artikuliert. Einen Verlag kann man schlecht unter zahlreichen Erben aufteilen, viele Millionen Euro dagegen sehr gut. Lediglich Familie Friedmann hat öffentlich Widerstand dagegen angekündigt. Auch hier scheint ein langwieriger Rechtsstreit unter den Besitzerfamilien zu drohen. Es heißt, die SWMH habe sich ein Vorkaufsrecht gesichert. Doch sicher ist, dass auch viele andere die Lage aufmerksam studieren.

Die Süddeutsche Zeitung dürfte derzeit die wertvollste Zeitungsmarke der Republik sein. Dafür haben jedoch weniger die Besitzerfamilien gesorgt als eine ehrgeizige, kreative und streitbare Redaktion. Dazu gehört nicht nur der viel gefragte Hans Leyendecker, sondern auch ein hartnäckiger Rechercheur wie Klaus Ott; nicht nur der aus dem Presseclub bekannte Heribert Prantl und eine kluge Erbin wie Franziska Augstein, sondern auch im besten Sinne zeitgemäße Autoren wie Holger Gertz, Willi Winkler, Marcus Jauer und Juan Moreno. Sie sind das Kapital, das von kurzdenkenden, gierigen Erbengemeinschaften verspielt zu werden droht.


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00:00 30.03.2007

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