Von der Dürre in die Traufe

Italien Erst Frost, dann Hitzesommer, schließlich katastrophale Ernteausfälle: LandwirtInnen und Erntehelfer stehen vor den Trümmern ihrer Existenz. Und fragen sich: War das nur ein Horrorjahr oder doch Klimawandel?

Mitten im Chianti steht der Hof von Claudia Caccetta und ihren drei Partnern. Auf 23 Hektar zwischen Florenz und Siena bauen sie hier Wein an, vor allem Sangiovese-Trauben und alte Sorten wie den „canaiolo“ oder „foglia tonda“. Hinzu kommen 2.500 Olivenbäume, zehn Hektar Ackerland und seit Neuestem auch ein überdimensionierter Gemüsegarten. Eigentlich ein ertragreiches Geschäft. Doch dieses Jahr hat sie die Hälfte ihrer gesamten Ernte verloren. „Zuerst kam der Frost im März, der alle Wein- und Oliventriebe zerstört hat. Und dann die große Hitze, die drei, vier Monate anhielt. Kein Regen. Über Monate.“ Deshalb fände man guten Wein dieses Jahr „bei euch, in Deutschland“, sagt Claudia. Sie lacht, aber ein wenig Unglaube über diese verkehrte Welt schwingt mit.

Je nach Region sind die Erträge um 15 bis 25 Prozent gesunken. Einige Winzer haben dieses Jahr gar nicht erst geerntet, zu mager wäre die Ausbeute gewesen. So gibt es wenigstens eine Entschädigung von der Regierung. Bei den Olivenbäumen, deren Olivenöl nicht nur für die italienische Küche wichtig ist, sondern auch als Exportgut in die ganze Welt geht, sieht es teilweise noch schlimmer aus. Teilweise mehr als 80 Prozent Verlust gab es bei den Olivenölproduzenten in Zentral- und Norditalien. Weil der Sommer so heiß und trocken war. Klein und trocken seien die Oliven dieses Jahr, sagt eine Olivenölproduzentin, „die sehen fast aus wie Nüsse“.

Es ist ein veritables Schreckensjahr für die italienische Landwirtschaft. 70 Prozent weniger Birnen und Haselnüsse, insgesamt sogar ein Drittel weniger Früchte. Die Pfirsichernte hat sich fast halbiert. Aber schlechte Jahre gab es doch immer schon. Vielleicht ist das ja alles nur eine Laune der Natur? „Nein, hier handelt es sich nicht um eine Ausnahme”, sagt Lorenzo Ciccarese, Agrarforscher am staatlichen Institut für Umweltschutz ISPRA. „Wir erleben immer mehr Dürren und Hitzewellen. Das Klima hat sich signifikant verändert.“

Erst Hitze, dann Starkregen

Seit 1985 wird es stetig wärmer. Das letzte Jahrzehnt war das heißeste seit 1961. Im vergangenen Jahr lag die Durchschnittstemperatur um 1,5 Grad höher als normal, der Niederschlag aber sank um fünf Prozent. „Was wir stattdessen erleben, sind sogenannte „bombe d’acqua“, plötzlich auftretender Starkregen. Dieser zerstört ganze Ernten auf einen Schlag.“

Insbesondere der Wein- und Olivenanbau ist stark bedroht. „Die Landwirtschaft braucht ein stabiles Klima. Unter den Temperaturschwankungen leidet nicht nur die Quantität, sondern auch die Qualität“, erklärt Lorenzo Ciccarese. So verändere das Klima die Zusammensetzung der Moleküle, die bei einem guten Wein ausschlaggebend sind. Für die Olivenindustrie geht es schlichtweg ums Überleben.

In den letzten Jahren hatte schon das Bakterium Xylella in Süditalien ganze Landstriche von jahrtausendealten Olivenbäumen dahingerafft. Die Krankheit ist vermutlich durch eine Kaffeepflanze aus Mittelamerika nach Italien gelangt. Durch den Klimawandel könnte sie sich nun noch schneller verbreiten, der ganze Mittelmeerraum gilt als „höchst bedroht”.

Italien ist eines der am stärksten vom Klimawandel betroffenen Länder Europas. Wenn der technologische Fortschritt weiter auf sich warten lässt und die Politik keine ausreichenden Maßnahmen ergreift, könnten fast ein Zehntel aller Ackerflächen in Südeuropa bis Ende des Jahrhunderts verschwinden – zwei Drittel davon in Italien. Ein alarmierendes Signal. Experten schätzen den wirtschaftlichen Schaden auf eine Summe zwischen 58 und 120 Milliarden Euro, so ein Bericht der Europäischen Umweltagentur (EAU) aus dem Jahr 2019. Auch wenn die landwirtschaftliche Produktion „nur“ 2,2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmacht – dahinter steckt viel mehr. Eine ganze Kulturlandschaft ist zunehmend gefährdet. Auf Sicht verlieren viele Italiener*innen ihre Lebensgrundlage und im schlimmsten Fall auch ihre Heimat. Und auch viele Tourist*innen werden dann ausbleiben.

Doch die Ernteausfälle bedrohen nicht nur die wirtschaftliche Existenz der Landwirtinnen, sondern auch das Auskommen vieler Erntehelfer. 900.000 Menschen arbeiten offiziell im Agrarsektor, wenn man die illegalen Migrant*innen, die sogenannten „irregolari“ (der Freitag 39/2021), hinzuzählt, sind es um einige mehr. Meist sind es sie, die sich für wenige Euro am Tag auf den Feldern verdingen.

Keine 30 Minuten von der Altstadt von Florenz entfernt liegt eine Sozialküche der Caritas, eingepfercht zwischen einer viel befahrenen Straße und einer Eisenbahnbrücke. Die Einkaufsstraßen der Altstadt, der Ponte Vecchio und die Uffizien sind hier sehr weit weg.

Gegenüber von der Essensausgabe gibt es einen kleinen Platz ohne viel Charme. Zwei Kästen mit verdorrten Pflanzen, Bänke aus Beton. Hier sitzen die, deren Alltag meist nur noch mit 50-Cent-Bier zu ertragen ist. „In Italien gibt es keine Arbeit“, lallt einer der Männer. Seit 20 Jahren lebe er nun schon in Italien, ursprünglich komme er aus Tunesien. Eine Aufenthaltserlaubnis hat er nicht, dafür aber eine ganze Menge Wut im Bauch: „Nicht mal mehr auf den Feldern werden wir gebraucht.“ Ein Herr mittleren Alters aus Algerien mischt sich ein, er stellt sich als Giovanni vor. Er habe es dieses Jahr überall versucht. Weder auf den Olivenhainen noch auf den Weinbergen gebe es Arbeit. „Früher habe ich manchmal für einen Teller Spaghetti und eine Zigarette gearbeitet, selbst das geht jetzt nicht mehr.“

Einzelfälle? Laut Giovanna Grigioni, Referentin der Caritas in Florenz, suchen auch immer mehr Italiener*innen nach Arbeit in der Landwirtschaft. Das ist kein Zufall. Einer aktuellen Studie zufolge leben derzeit 5,6 Millionen Menschen in Italien in „absoluter Armut“ – eine Million mehr als vor Covid. „Wir sehen hier immer mehr neue Gesichter. Ungefähr ein Drittel mehr als vor der Pandemie. Das ist ein alarmierendes Signal“, stellt Giovanna Grigioni fest.

Auch bei Claudia Caccetta im Chianti waren sie dieses Jahr nur zu fünft oder sechst bei der Weinernte. Normalerweise sind sie mehr als doppelt so viele. Ihr Betrieb werde in Zukunft wahrscheinlich mehr und mehr auf Agrotourismus setzen müssen, sagt sie. Für eine Olivenölproduzentin aus der Gegend ist die Lage noch ernster: „Noch so ein Jahr überleben wir wirtschaftlich nicht“.

Niklas Mönch wird an der Journalismusschule in Lille ausgebildet und arbeitet für deutsche wie französische Medien

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