Von der erreichbaren Besessenheit

Berliner Abende Wie hat eigentlich der Homo sapiens sein Leben organisiert, als er noch nicht zum Homo mobilicus mutiert war? Der Alltag muss extrem risikoreich ...

Wie hat eigentlich der Homo sapiens sein Leben organisiert, als er noch nicht zum Homo mobilicus mutiert war? Der Alltag muss extrem risikoreich gewesen sein. Zum Glück gibt es heute für alle Prüfungen des Lebens so ein handtellergroßes Etwas, in das der Mensch je nach Temperament hineinkreischen oder auch dezent säuseln kann. Und das schon früh am Morgen in der U-Bahn: "Hallo Schatzi, es sieht nach Regen aus. Mach mal schnell im Schlafzimmer das Fenster zu. Bis denne, Bussiiii." Die Bahn hat sich noch keine drei Stationen von ihrem Ausgangspunkt entfernt, da ist Finchen in die Schule geschickt worden, Schneckel hat die Pausenbrote im Kühlschrank entdeckt und Manfred weiß, dass er den hellgrünen Schlips mit den versprengten blasslila Karodreiecken zum marineblauen Hemd tragen soll. Mein Geschmack ist das nicht, aber solange es noch keine kollektive Meinungsfindung in einer spontan geschalteten Telefonkonferenz aller involvierten Fahrgäste gibt, bleibe ich stummer Ohrenzeuge. Sollten sich aber wirklich, wie der dänische Futurologe Rolf Jensen behauptet, die Menschen künftig in mobilen Stämmen zusammenfinden - über den Globus verteilt, aber durch das Funknetz in ständiger Interaktion - , würde ich diesen Vorschlag meinem Stammeshäuptling auf die Mailbox sprechen.
Die Risikobereitlosigkeit geht weiter. In der Mittagspause, wir sitzen in kleiner Runde am Kantinentisch, klingelt eines der Handys, die dicht neben dem jeweiligen Tellerrand platziert sind. "Hey, was ist denn heute genießbar?" N. gestikuliert hilflos vor einer mit Speisen gefüllten Glasvitrine, überfordert von der Aufgabe zwischen drei Essen wählen zu müssen. Wie er da so steht und sein Handy um Rat fragt, drängt sich der Gedanke auf: Sie passen gut zusammen, vielleicht sollten sie heiraten. Schon huscht ein Lächeln über N.´s Gesicht, er tippt liebevoll auf das Gerät, versenkt es in der Hosentasche und geht zielsicher auf die Essenausgabe zu. Manchmal rät ihm sein Handy auch ab. Dann dreht er sich wortlos um und verlässt den Raum.
Nur Männer können dem Mobilfunk in dieser Weise verfallen. Nach Freud muss die männliche Libido auf irgendetwas projiziert werden, nicht unbedingt auf eine Frau. So habe ich es jedenfalls kürzlich gelesen. Ein guter Freund von mir trägt neuerdings stets zwei Handys bei sich!? - Nein, von der Mobiltelefonie besessen scheint er nicht. Wenngleich es dieses Phänomen wirklich geben soll. Menschen, die dieser noch kleinen Bewegung angehören, nennen sich selbst "verstrahlt". Sie sammeln Mobilfunkgeräte und Sim-Karten, so wie andere Briefmarken. Sie suchen und finden Mobilfunksender, so wie andere Pilze. Mir wurde von einem "Verstrahlten" berichtet, der fünf Stunden auf einem Marktplatz gestanden haben soll, bis er die Antennen gepeilt hatte. Ist es nicht viel schöner, fünf Stunden im Wald zu spazieren und hinterher zu einem anständigen Pilzmahl Gäste einzuladen? Aber ich bin ja weiblich und daher nicht so "strahlenanfällig". Wieso überhaupt Strahlen, es ist doch immer von einer wellenartigen Ausbreitung die Rede ...? Ach richtig, Männer reden nicht, Männer sind nicht geschwätzig. Sie kommunizieren, und das möglichst auf Grund der reinen Erreichbarkeit. Ein Gespräch ist gut, wenn es von einem besonderen Ort aus geführt wird, aus einem besonderen Netz, über einen besonderen Satelliten. Das Thema des Gesprächs ist Nebensache oder codiert: GPRS, EMS, HSCSD ... Egal, es lässt sich kaum so viel telefonieren, wie es Verbindungsmöglichkeiten gibt. Man sagt, Männer, die von der Mobiltelefonie besessen sind, müssen ihr Gerät präsentieren. Selbst in Funklöchern wurden sie in eindeutiger Mission schon gesichtet.
An der Mobilfunkbetreiber-Hotline, da wo die Normalsterblichen mit ihren Problemen aufschlagen, soll es vermieden werden vom "Gerät" zu sprechen, zumindest unter dieser Bezeichnung. Verschiedentlich kam es zu Irritationen, wenn die meist weiblichen Kundenbetreuer dem Anrufer die Funktionsweise bestimmter Tastaturbelegungen oder Dienste praxisnah erklären wollten und dazu fragten: "Haben Sie Ihr Gerät vor sich?"
Aber hier schweifen wir ab. Die Eingangsfrage galt dem Leben davor, dem Leben vor der Erfindung des Handys ... als die Fenster bei Verlassen der Wohnung noch geschlossen wurden; Finchen auf die Uhr schaute, um pünktlich zur Schule zu gelangen; Schneckel noch kein Alzheimer hatte und die Stullen von allein aus dem Kühlschrank nahm und Manfred karierte Hemden ohne Krawatte trug. - Keine Ahnung wie das damals war, ich werde mal meinen multimedialen Begleiter befragen: mein i-mode(tm) Handset.

00:00 24.05.2002

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