Von der KP bis Occupy

Der Roman Jonathan Lethem erzählt die Geschichte der Linken als Familiensaga
Florian Schmid | Ausgabe 08/2014

Gut zwei Jahre nach Occupy und ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der autoritären staatssozialistischen Systeme schreibt Jonathan Lethem mit seinem Roman Der Garten der Dissidenten eine Geschichte der amerikanischen Linken in Form einer voluminösen Familiensaga. Angefangen bei der kommunistischen Partei der dreißiger Jahre bis hin zu den jüngsten Sozialprotesten anlässlich der Finanzkrise erzählt er von drei Generationen New Yorker Linksradikaler. Von Brüchen und Kontinuitäten – sowohl familiärer als auch politischer Art. Die Zerwürfnisse, Trennungen, Spaltungen und ebenso die Fähigkeit, sich wiederzufinden und solidarisch zueinanderzustehen, werden in dieser Familie Zimmer ganz ähnlich durchexerziert wie das Linke bekanntermaßen weltweit in ihren Parteien und Gruppierungen tun. Trennung und Verbindlichkeit sind die beiden Pole, um die herum Lethem sein Epos linksradikaler biographischer Ereignislinien entwickelt.

Exil, Folk und Kommunen

Der fast 500 Seiten starke Roman setzt mit dem Exil der polnischen Jüdin Rose Zimmer nach New York ein, erzählt von ihrem Engagement in der kommunistischen Partei, der gescheiterten Ehe mit einem deutschen Kommunisten und ihrem Rauswurf aus der KP. Ihre Tochter Miriam heiratet einen erfolgreichen linken, aus Irland eingewanderten Folksänger und geht mit ihm nach Nicaragua. Dort werden die beiden von den Contras ermordet. Ihr Sohn Sergius wächst erst in einer New Yorker Kommune auf, dann in einem hippiesken Quäker-Internat und schließlich landet er eher zufällig bei der Occupy-Bewegung. Dabei springt die Erzählung in 16 Einzelkapiteln fast anarchisch von einem Zeitstrang zum nächsten, wodurch die einzelnen Erzählebenen wie ein dichtes Netz miteinander verknüpft und die biographischen Abrisse aus unterschiedlichen Jahrzehnten ineinander verwoben werden.

Geographischer Dreh- und Angelpunkt des Romans ist eine genossenschaftliche Wohnsiedlung in Brooklyn namens Sunnyside Gardens, wo die Familie lebt. „Sanktioniert als linkes soziales Experiment von Lewis Mumford und Eleanor Roosevelt“, wie es im Roman heißt, waren die Sunnyside Gardens „zur Hälfte eine kropotkinsche Kommune und zur Hälfte Gramercy Park“. Inmitten dieses jüdischen Arbeiteridylls aus Kommunismus und kleinbürgerlicher Beschaulichkeit führt Rose Zimmer ein strenges Regiment in ihrem Haushalt, aber auch die Nachbarschaft hat Respekt vor der resoluten Frau. „Rose war die von der Partei erschaffene Neue Frau, unversöhnlich von Natur aus und berauschend in ihren Ansprüchen, ihren abrupten Ausbrüchen und ihren stürmischen Ausgrenzungen.“ In ihrer Figur exemplifiziert Lethem die starke, selbstbewusste Kommunistin, die sich gegen alle Widerstände durchsetzt, aber an den rassistischen Vorurteilen ihrer Zeit zu scheitern droht, als sie wegen der Affäre mit dem schwarzen Polizisten Douglas aus der Partei geworfen wird. Wo es Brüche gibt, entstehen bei Lethem aber immer auch neue Verbindungslinien. Fortan wird Rose zur Mentorin von Douglas’ Sohn Cicero, der schließlich als linker Akademiker Karriere machen wird.

Dennoch resümiert Rose: „Der wahre Kommunist steht am Ende immer allein da.“ Neben ihrer Tochter Miriam verliert sie auch ihren Ehemann Albert. Der blonde, deutsche Jude, der in Lübeck in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Manns aufgewachsen ist, verlässt Rose und siedelt auf Geheiß der Partei in die DDR über. Dabei hatte er zuvor den Kommunismus schon mal als den „Amerikanismus des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet.

Neben dem Kommunismus widmet Jonathan Lethem sich auch ausführlich den antiautoritären Bewegungen der sechziger und siebziger Jahre. Er selbst, Jahrgang 1964, wuchs in einem linken Haushalt in einer vornehmlich schwarzen Community in Brooklyn auf, lange vor der Gentrifizierung des Stadtteils. Der Garten der Dissidenten ist also, wie auch andere seiner Romane, autobiographisch angehaucht. Die popkulturelle Seite der linken Bewegung kommt am stärksten in den Kapiteln über Miriams Jugend Ende der Sechziger zum Zug. Das legendäre New Yorker Chelsea-Hotel wird dabei ebenso zum Handlungsort wie eine Siebziger-Jahre-Fernseh-Show im Stile von Wer wird Millionär. Miriam versucht in dieser Sendung ihr Glück – und scheitert ausgerechnet an den Fragen zur Protestgeschichte, die sie eigentlich beherrschen müsste. Der Weather Underground, die politische Folkmusik, hippieskes Kommunenleben und riesige Demonstrationen im Central Park fungieren als buntes Hintergrundrauschen einer bewegten Zeit, die mit dem Engagement in Nicaragua ein ebenso drastisches wie dramatisches Ende findet.

Auf der Flughafentoilette

Konterkariert wird diese antiautoritäre Welt von den Briefen ihres Vaters Albert, der als braver Parteisoldat in Dresden lebt. Andauernd werden Familienbande in Der Garten der Dissidenten gekappt. Und wieder wirksam, wenn es der Lauf der Geschichte oder auch der Anspruch, linke oder kommunistische Politik machen zu wollen, erfordern.

Womit wir bei der Gegenwart wären und dem fulminanten Schlussakkord dieses Epos. Miriams verwaister Sohn Sergius lernt mit Anfang vierzig eine Occupy-Aktivistin kennen, die durch New England tourt und die Camps der Bewegung abklappert. „Das ist eine historische Sache. Man muss das im größeren Zusammenhang sehen. Wir sind viral!“, erklärt sie ihm. Inhaltlich vermittelt der Roman wenig über Occupy, Lethem geht es um die gesellschaftliche Wahrnehmung und subkulturelle Positionierung dieses jüngsten Stücks linker Geschichte. Roses Ziehsohn Cicero und seine Studenten etwa stehen Occupy kritisch gegenüber. Seiner Meinung nach betrachten diese „die Bewegung mit demselben Agnostizismus wie eine Social-Media-Website, zu der sie noch keine Einladung bekommen hatten“. Als Sergius zurück nach New York will und auf der Flughafen-Toilette Sex mit seiner Occupy-Freundin hat, setzt ihn die Airport-Security fest. Im Verhör wird er gefragt, wer er ist und was er auf dem Flughafen tut. In Gedanken antwortet er: „Ein Rückwartsreisender. Ein Zeitpilot. Gebürtiger amerikanischer Kommunist (...) Sie haben einen amerikanischen Kommunisten festgenommen.“

Der Garten der Dissidenten Jonathan Lethem Tropen 2014, 476 S., 24,95 €

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