Von der Rippe

Mode Designer verwischen gezielt Geschlechtergrenzen. Ein Blick in Gegenwart und Geschichte des Unisex
Gerhard Hafner | Ausgabe 09/2015 6
Von der Rippe
„Men’s Wear“ 2013/14 von Jean Paul Gaultier in Paris. Model Andrej Pejić ist inzwischen ganz Andreja
Foto: Kristy Sparow/Getty Images

Geschlechtergrenzen sind flüssig geworden. Vielleicht überflüssig? Shared wardrobe, geteilter Kleiderschrank, nennt der britische Designer J. W. Anderson sein Konzept, bei dem Frauen und Männer dieselbe Kleidung nutzen. Anderson begann mit Herrenbekleidung, erweiterte sein Spektrum um die Damenmode und vermischt nun lustvoll das, was vormals streng geteilt war. In seinen Kollektionen hebt er die Grenzen der Geschlechter auf und entwirft ein Outfit, das für Frauen und Männer gleichermaßen tragbar ist.

Sein Online-Shop unterscheidet zwar ganz traditionell zwischen Damen- und Herrenabteilung, aber androgyne Teile werden in beiden Abteilungen in identischen Größen angeboten. Was durchaus zur Verwirrung der Geschlechter beitragen kann, wenn er oder sie beim Auswählen die Konfektionsgröße in Damen- oder Herrengrößen übersetzen muss.

Viel Aufmerksamkeit bekam vor einiger Zeit auch das australische Model Andrej/-a Pejić. 2011 machte Pejić Furore, indem er/sie sowohl für Herren- als auch für Damenkleidung modelte. Nach einer Operation zur Anpassung an das weibliche Geschlecht im vergangenen Jahr betonte sie dann, sie sei „die gleiche Person, überhaupt kein Unterschied, bloß ein anderes Geschlecht“. Und natürlich ist auch Conchita Wurst für die Modebranche interessant. Im Kleid und mit Bart trat sie nach ihrem Sieg im Eurovision Song Contest unter anderem in Shows des Designers Jean Paul Gaultier auf.

Das Verwischen von gesellschaftlichen Grenzen ist in der Mode natürlich nichts Neues. Ihre Dynamik bezieht sie ja gerade aus der ständigen Überschreitung von Konventionen. Blieben ihre Macher bei den hergebrachten Stoffen, Formen und Farben, wäre sie tot und dröge, Uniform oder Tracht. Seitdem mit der beginnenden Neuzeit die Mode entstand, orientierten sich die weniger Wohlhabenden an den Herrschenden. Sie verstießen gegen Kleiderordnungen, eigneten sich die Formen der Mächtigen an, wodurch diese sich genötigt sahen, sich immer wieder abzusetzen. Damit heizt Mode auch die Wirtschaft an, sie ist „des Capitalismus liebstes Kind: sie ist aus seinem innersten Wesen heraus entsprungen und bringt seine Eigenart zum Ausdruck wie wenig andere Phänomene des socialen Lebens unserer Zeit“, schrieb der Ökonom Werner Sombart 1902.

Orientierung an der Macht

Ist Mode aber auch des Patriarchats liebstes Kind? Immerhin orientiert sich Mode an der Macht – wie auch die Frau, wenn sie sich in den Herrenanzug wirft und ihn dann Hosenanzug nennt. Als Modevorreiter erwies sich zunächst aber der Mann: Er trug als Erster Strumpfhosen, Hosen und Absätze unter den Schuhen. Der Bürgersmann legte den adeligen Prunk ab und hielt, wie es der österreichische Architekt Adolf Loos ausdrückte, alles Ornament an Häusern und Kleidung für ein Verbrechen. Herausgekommen ist dabei auch die Garçonne, die flachbrüstige Frau im Boy-Look. Von Hannelore Schlaffer auch „Bauhausfrau“ genannt, ein Abbild des Mannes, gleichsam aus dessen modischer Rippe geformt.

Damit war bereits lang vor J. W. Andersons shared wardrobe der Megatrend der Mode gesetzt. Gar nicht so sehr auf dem Laufsteg, sondern vor allem im Alltag wird Unisex getragen, was aber im Wesentlichen als Vermännlichung der Frau übersetzt werden kann. In Beruf und Politik materialisiert sich der dress for success im Stoff der Sachlichkeit und der Kompetenz, verkörpert im maskulinen Stil. Dabei eine wie auch immer geartete Weiblichkeit nicht zu verschleiern ist eine alltägliche Gratwanderung für berufstätige Frauen.

Doch Unisex muss keineswegs Gleichmacherei und Verzicht auf Sexappeal bedeuten. Mode für Frauen, die ihre Requisiten aus den Schränken der Männer beziehen, kann durchaus auch Erotik kultivieren und steigern, wie Barbara Vinken in ihrer Studie Angezogen. Das Geheimnis der Mode zeigt. Der gegenwärtige Fokus auf die langen Beine von Frauen greift etwa die Jahrhunderte währende Besessenheit der Mode von wunderschön bestrumpften und beschuhten Beinen auf – und zwar mit denen von Männern. Er zitiert das Pfauenhafte vergangener Männlichkeit. Macht man sich diesen historischen Hintergrund bewusst, werden dadurch andere Blicke auf den weiblichen Körper möglich.

Dennoch: Im Zentrum des Blicks bleibt der weibliche Körper in seiner nicht-androgynen Form. Als zu Beginn der 90er Jahre Judith Butler ihr Kultbuch Gender Trouble (deutsch: Das Unbehagen der Geschlechter) veröffentlichte, quasi die Bibel der Dekonstruktion der Geschlechter, kam es gleichzeitig zu einem Hype um schwangere Prominente und Models. Aus der Umstandskleidung wurde schicke, offensiv erotische Schwangerschaftsmode. Der schwangere Körper wird seitdem als Modeaccessoire in vielen Zeitschriften zur Schau gestellt. Mit einer solchen Feier fruchtbarer Weiblichkeit kann kein Mann, kein Crossdresser mithalten. Der Unisex gerät hier an seine ultimative Grenze. „Behaupte ich also, daß die Anatomie das Schicksal ist? Ja, sie ist Schicksal ...“, meinte bereits Freud.

Die Formung des Körpers leistete jahrhundertelang das Textil, er wurde zugerichtet und geschnürt durch Kleiderschnitte und die Stangen des Korsetts. Schnürmieder sind heute ins Kabinett erotischer Antiquitäten abgewandert, weil sie nicht mehr effizient sind. Die Modellierung des Körpers wurde modernisiert: Diät, Fitness und ästhetische Medizin tun mittlerweile bessere Dienste. In einem Prozess der Zivilisation des Körpers hat sich der äußere Druck nach innen, auf und unter die Haut verlagert. Der Fitnesstrainer und der Schönheitschirurg ersetzen den Modedesigner. Die zweite Haut zu ändern ist old school und bleibt an der Oberfläche gegenüber den Botoxbehandlungen, den nose jobs und nicht zuletzt der modischen Stilisierung primärer Geschlechtsmerkmale.

Zur Demokratisierung

Zwei gegenläufige Trends sind daher auszumachen. Auf der einen Seite die eher intellektuelle Unisexmode auf der Grundlage des Genderbendings und der Dekonstruktion. Auf der anderen Seite eine populäre Stilisierung des Körpers, des geschlechtlichen Körpers – und da weiterhin vor allem des weiblichen. Japanische Mode, etwa von Issey Miyake, Rei Kawakubo und Yohji Yamamoto, orientiert sich dagegen nicht an den Schnitttechniken der westlichen Mode, die sich am Körper abarbeitet, ihn verhüllt und enthüllt, aufbauscht und einschnürt. Der Schnitt symbolisierte im Westen immer auch den Schnitt zwischen Ständen und Geschlechtern. Die dunkle Mode aus Fernost ist daher seit drei Jahrzehnten bei Frauen beliebt, die sich nicht auf den Körper reduzieren lassen wollen.

Der Kampf ums Gewand wird auf dem Terrain der Frauen ausgetragen. Doch könnten davon auch Männer betroffen sein? Wenn die Macht nicht mehr nur männliches Monopol bleibt, sondern die Hillary Clintons und Angela Merkels an Zahl und Einfluss zunehmen und die kritische Masse überschreiten, könnte das vielleicht auch zu einer Feminisierung der Männerkleidung führen.

Während die Durchlässigkeit der Mode einst von oben nach unten verlief, von den Pariser Modezaren zum Rest der Welt, ist dieses Durchsickern bereits seit einigen Jahrzehnten von einem Trend zum bubble up, von dem Aufstieg von Jeans und Streetwear, umgekehrt worden. Fashion-Blogs machen mit Straßenfotos und Alltagskleidung der Vogue Konkurrenz. Sie demokratisieren den Style. Und das ist ein Feld, auf dem auch Männer im 20. Jahrhundert Innovationen vorzuweisen haben – ob sie dies nun Mode nennen oder nicht. Sie haben die Jeans populär gemacht, Jugendmoden wie die der Beatniks und Hippies, der Punker und Hip-Hopper gingen von ihnen aus. Kleidung war Teil der Rebellion gegen Väter und ältere Brüder. Mädchen blieb da meist nur übrig nachzuziehen.

Heutzutage setzt sich der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis von den protestantisch-sparsamen Knotenmännern mit Schlips ab und lässt sein Hemd frei über der Hose hängen. Er erinnert damit genau an diese Verbindung von Lässigkeit und Rebellion, vor allem im Kontrast zur strengen Bundeskanzlerin in ihren ewigen Hosenanzügen, die eingefroren in ihren Dresscode wirkt.

Panta rhei sagten die alten Griechen. Alles fließt. In der Mode sowieso.

06:00 02.03.2015

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