Von der Telefonzelle zur Turnhalle

SPD Die Sozialdemokraten haben nun zum dritten Mal ihren Kanzlerkandidaten nach demselben Muster bestimmt. Die beiden letzten Male ging das entsetzlich schief
Von der Telefonzelle zur Turnhalle
Kann die SPD wieder führende Regierungspartei in Deutschland sein?

Foto: Steffi Loos/Getty Images

Aber natürlich kann Martin Schulz Bundeskanzler werden. Er muss dafür nur bis in den September hinein pausenlos Hammerreden halten. Und Angela Merkel muss in der Sommerpause der Fußballbundesliga mit einem Spieler des deutschen Meisters RB Leipzig durchbrennen.

Aber kann die SPD führende Regierungspartei in Deutschland sein? Da sind Zweifel angebracht. Zum dritten Mal hintereinander haben die Sozialdemokraten ihren Kanzlerkandidaten nach demselben Muster bestimmt. Zweimal ging das entsetzlich schief. Frank-Walter Steinmeier wurde es 2009, nachdem der Parteivorsitzende Kurt Beck überspielt worden war. Eine Kamera am Schwielowsee fing Bilder der Intrige auf. Die Partei musste brav Ja sagen. Steinmeier verlor krachend.

Aber anstatt nun in der Opposition gründlich zu erörtern, was in der SPD zu geschehen habe, riefen drei Männer eine existenzielle Krise der Partei aus und ließen sich dafür feiern, dass sie untereinander alles ganz Notwendige ganz schnell erledigten. Und der Sack war zu. Für die Wahl 2013 sollte im Herbst davor entschieden werden, wer Kanzlerkandidat würde: Steinmeier, Steinbrück oder der Parteivorsitzende Gabriel. Doch Steinmeier sagte schon im Sommer ab. Gabriel folgte wenig später. Und für Steinbrück war es zu spät, Nein zu sagen. Er verlor krachend.

Zuletzt wollte die SPD die Kandidatenfrage Ende Januar 2017 entscheiden. Doch der Parteivorsitzende – immer noch Gabriel – beriet sich lieber mit seinen Hamburger Freunden und teilte denen mit, was geschehen solle: Martin Schulz werde Kanzlerkandidat und Parteivorsitzender, er selbst Außenminister. Als man dies in Berlin erfuhr, stand alles schon gedruckt in zwei Hamburger Blättern. Doch nun begab sich ein Mirakel: Hatte es anfänglich so ausgesehen, als könnten die von Gabriel frühzeitig unterrichteten Spitzengenossen eine ausgelassene Party in einem Telefonhäuschen feiern, so ist jetzt schon vorherzusagen, dass alle, die von Anfang an Bescheid wussten, in keine Turnhalle mehr passen. Das ist gegenläufig zu Gabriels Wolfsburger Freunden, bei denen die Zahl derer, die nie etwas vom Abgas-Betrug erfahren hatten, mit der Zeit immer größer wird.

Und wie immer ging es auch hier um das „Überleben“ der SPD. Dabei handelt es sich um eine Partei, die auf Länderebene neun Regierungschefs stellt, und wo nicht überall den Bürgermeister. Parteien in der Bundesrepublik leben weniger von der zentralen Spitze her als aus den Städten, Kreisen und Ländern. Auch die SPD.

Damit wären wir wieder bei dem Ex-Bürgermeister Schulz aus Würselen.

Der Autor und Journalist Jürgen Busche schreibt in seiner Kolumne Unter der Woche regelmäßig über Politik und Gesellschaft

06:00 02.02.2017
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