Von der Tötung des grau Emaillierten

Lesefutterspass Jörn Luthers und Frank Willmanns »Die Idioten«

Wer nach dem Sinn fragt, egal ob nach dem höheren oder gar - in altdeutschem Sinne - tieferen, hat schon verloren: Der Roman des Duos Luther/Willmann lebt vom unbändigen Fabulierspaß und einer ebensolchen Freude am Phantasiespiel, der Luftkutscherei.

Hier wird hemmungslos kompiliert und kolportiert, fühlt sich der Karl May versierte Leser unversehens in die Welt des 19. Jahrhunderts zurückversetzt, wenn man im ersten Teil des zweibändigen, eigentlich aber dreiteiligen Romans den Abenteuern von Jan de Olieslager und Professor Braun rund um den Globus folgt: »Inmitten der wild schäumenden Wogen des Meers erblickte der Professor die Gestalt eines etwa zwölfjährigen Mädchens mit goldgelben Haaren, wie es sich mit hilflosen Bewegungen gegen die fürchterliche Übermacht der Wellen zu wehren versuchte. Der Professor warf seine wundervolle, schwarze Lockenpracht herum, riss sich das Hemd vom durchtrainierten Körper, und während er ins Wasser sprang, rief er Jan in ruhigem Ton zu: ›Schau doch bitte mal nach, warum das Schiff nicht fährt und kümmere dich darum! Ich bin gleich zurück!‹« Fantasy und SF-Elemente gesellen sich hinzu: »Der ungeheure Druck der Explosion schleuderte sie aus dem zerschellenden Flugzeug. Sie flogen angeschnallt durch die Luft. Landeten nach etwa vierzig Sekunden angeschnallt auf einer Insel.«

Und es wimmelt dabei nur so von literarischen Anspielungen, Hinweisen auf einschlägig bekanntes Heldenpersonal (aus Joyce etwa) und weniger rühmliche Figuren (Reich-Ranitzki); zum eigenen und gewiss auch Gaudium ihrer Leserschaft jagen Luther/Willmann die deutsche Sprache über gut gedüngte Äcker, auf denen nicht nur die Metaphorik ihre skurrilsten Blüten treibt, sondern gelegentlich auch andere krause Kalauerpflänzchen bestens gedeihen: »Die Kundschaft war ein exquisiter Haufen ergrauter Helden des Flaschenkampfes.« Sind am Ende des ersten Teils so gut wie alle Helden tot - es gibt deren freilich unzählige -, so feiern sie in neuer Gestalt im zweiten Teil, der zunächst unsere beiden oberschlauen Intellektuellen und rauffreudigen (Pils-)Kampftrinker auseinander führt, um sie schlussendlich dann im wiedervereinigten Berlin, auf dem Prenzlauer Berg, auch die eigene Wiedervereinigung erleben zu lassen, ihre fröhliche Auferstehung.

Wobei dieses zweite Buch als eine bitterböse, immer jedoch schräg-komische Satire auf die entsprechende Szene vor Ort gelesen werden kann; wenn auch nicht muss, denn dafür steckt den Erzählern zu sehr der Schalk im Nacken, die pure Lust am Verwandlungsspiel in der Feder, was dieses so bizarre Roman-Unikum aus Abenteuer-Bildungs-Entwicklungs-Kriminal-Zeit-Gesellschaftsroman auszeichnet. Alles zusammen in bunter, das heißt unreiner Mischung: also der beste Lesefutterspaß!

Zugleich handelt es sich noch um die komische Widerlegung jener ernsthaften Ansicht Reinhard Jirgls, für den die RAF nach dem Ende der DDR mausetot war: mitnichten. In den hintersten und finstersten Winkeln nämlich des Prenzlauer Berges versammeln sich jene Aktivisten von der »Roten Faust«, der »fünften Generation des Terrors«, die dem großen Abenteuer, »der Tötung des grau Emaillierten« entgegenfiebern: »Gegen Schlingensiefismus, Technopest, Milchkaffeestudenten und Anbiederungsintelligentsia, Grund, Gosse und Gülle!« - Darauf einen dreifachen Toast.

Jörn Luther/Frank Willmann: Die Idioten. Roman. Ventil, Mainz 2002, 230 S., 12,90 EUR

00:00 02.05.2003

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