Von einer, die auszog, das Musizieren zu lehren

Porträt Manchmal kann wenig Geld auch in Deutschland viel verändern. Zu Besuch bei Marianne Quast, Gitarrenlehrerin und Minikredit-Kundin aus Köln

Kwars ist es auf dem Mars zu langweilig. Vom ständigen „rot“ hat er genug. „Die Erde, diesen blau-funkelnden Himmelskörper, findet er viel aufregender, darum geht er auf Erkundungsreise“, liest Marianne Quast vor und blättert weiter in dem bunten Kinderbuch, in dem ein rotes Marsmonster mit riesigen Augen und zackigen Zähnen die Hauptrolle spielt. Es ist nicht irgendein Kinderbuch, es ist ihr Kinderbuch: 60 Seiten, bunte Illustrationen und auf dem Buchdeckel steht ihr Name. Ladenpreis 13,90 Euro. „Ein knappes Jahr habe ich daran gearbeitet“, sagt die Autorin, bevor sie ihre Vorlese-Stimme gegen den ernsten Ton eintauscht, mit dem sie hinzufügt: „Aber denken Sie nicht, dass man davon leben kann.“ Ein paar hundert Euro pro Jahr, mehr bringt so ein Buch nicht ein. Fast täglich gibt die 39-Jährige daher zusätzlich Gitarrenunterricht. Und doch wäre sie vor zwölf Monaten beinahe zu einem Fall für die Arbeitsagentur geworden, hätte wohl einen Hartz-IV-Antrag stellen müssen. Gerettet hat sie ein Mikrokredit, mit dessen Hilfe sich die umtriebige Frau ein drittes Standbein neben dem ­Schreiben und Unterrichten geschaffen hat. Denn nicht nur in Entwicklungsländern, sondern auch in Deutschland können sich Bedürftige bei Mikrofinanzinstituten kleine Geldbeträge borgen, für die große Privatbanken keinen Finger krumm machen. Das Geld hilft Gründern auf die Beine und bewahrt Selbstständige wie Marianne Quast bei finanziellen Durststrecken vor dem Ruin.

Chance für das Marsmonster

Allein in diesem Jahr haben etwa 1.500 Deutsche auf diese westliche Variante der Entwicklungshilfe zurückgegriffen, Tendenz steigend. Die Genossenschaftsbank GLS, die die Kleinstbeträge in Kooperation mit bundesweit 40 Mikrofinanzinstituten vergibt, rechnet bis 2015 mit 5.000 Kreditnehmern pro Jahr. Im Schnitt nehmen die Kunden 6.000 Euro auf. Für Banken sind solche Summen Peanuts, für die Kreditnehmer nicht selten überlebensnotwenige Finanzspritzen. Denn oft fehlen nur wenige tausend Euro, um aus einer guten Idee ein gutes Geschäft zu machen. Von den Mini-Krediten profitieren Menschen, die von Banken und staatlichen Förderstellen wegen fehlender Sicherheiten oder Perspektiven abgewiesen wurden. „Das ist generell die Besonderheit von Mikrokrediten, dass Personen finanziert werden, die von niemandem anderen finanziert werden“, sagt Falk Zientz, der Mikrofinanz-Chef bei der GLS Gemeinschaftsbank – Personen wie die Kinderbuchautorin Quast.

Die schmale Frau mit den lockigen dunklen Haaren und dem messingfarbenen Brillengestell winkt ab, wenn sie an die vielen Besuche bei ihrer Hausbank denkt. Für einen 3.000-Euro-Kredit verlangte ihr Sachbearbeiter einen Business-Plan, Sicherheiten, ein regelmäßiges Einkommen. Die Kölnerin schrieb ein Konzept und versuchte zu belegen, dass sie das Geld pünktlich zurückzahlen kann. An den niederschmetternden Kommentar ihres Bankberater erinnert sie sich gut: „Ganz nett, aber das können wir nicht unterstützen, wurde mir mitgeteilt“, sagt die enttäuschte Bankkundin. Mit Kreditnehmerinnen wie Quast lässt sich kein Geschäft machen: Sozial-Banker Zientz hat ausgerechnet, dass Privatbanken wegen der Prüfkosten und Ausfallgefahren bei Mikrokrediten mehr als 100 Prozent Zinsen nehmen müssten. Die GLS-Bank ist mit einem Fonds, den EU und Bund finanzieren, gegen Ausfallrisiken abgesichert, auch deshalb liegen die Zinsen bei gerade mal 7,5 Prozent.

Ein gutes Jahr nach dem Frusterlebnis bei der Bank sitzt Marianne Quast gut gelaunt an ihrem Wohnzimmertisch, auf dem zwei dünne Kerzen vor sich hin brennen und ein Früchtetee auf Trink-Temperatur abkühlt. Das Buch von Kwars, dem Marsbewohner hat sie zugeklappt, jetzt erzählt sie ihre eigene Geschichte, die damit beginnt, dass Geld für die gelernte Sozialpädagogin damals gar keine große Rolle gespielt hat, früher, als sie in Heidelberg als Sozialarbeiterin angestellt war. Ein beschauliches, sicheres Leben – das sie vor sieben Jahren für eine „neue Liebe“ eintauschte. Für die Liebe zu einem neuen Partner, für den sie nach Köln umsiedelte, und für die Liebe zu Kinderbüchern. Sie wollte endlich selbst welche schreiben. An Ideen mangelte es ihr nicht, aber an Geld. Obwohl Quast in den folgenden Jahren ein halbes dutzend Bücher schrieb und in ihrem Wohnzimmer so viele Gitarrenschüler unterrichtete, dass sie es längst aufgegeben hat, sie zu zählen, kam sie kaum über die Runden. Zu schwankend waren die Einnahmen, wenn Schüler absprangen, zu unberechenbar waren die Erlöse aus den Buchverkäufen.

Ende der Angst

Die ständige Angst, dass das Geld am Monatsende ausgeht, „so konnte es nicht weitergehen“, sagt Quast und schiebt einen bunten Flyer mit der Aufschrift „Mukifo“ über den Tisch. „Damit verdiene ich jetzt mein Geld“, kommentiert sie. Mukifo, das ist der Name eines Hamburger Unternehmens und steht für „Musikalische Kinderförderung“. Als Marianne Quasts Geld im vergangenen Jahr immer knapper wurde, bewarb sie sich bei den Hamburgern. Mit Erfolg. Seit knapp einem Jahr ist sie für Mukifo als eine Art Vermittlerin unterwegs. Ihre Aufgabe: Kindergärten davon überzeugen, Gitarren-Kurse zu buchen und ein Netzwerk von Musiklehrern koordinieren, die vor Ort Unterricht geben. „Da kenne ich mich aus, das ist genau mein Ding“, sagt die Freiberuflerin. Den Teil der Kurs-Gebühren, der weder an den Musiklehrer noch an Mukifo fließt, darf sie behalten. 50 bis 100 Euro kommen monatlich pro Kurs zusammen. „Wenn erstmal mehrere Kurse parallel laufen, ist das eine gute Einnahmequelle bei überschaubarem Aufwand“, sagt Quast. Das Problem: In der Startphase, in der sie Kontakte zu Kindergärten aufbauen musste, verdiente die Vermittlerin keinen Cent. Für die schleppende Anfangsphase brauchte sie Startkapital, „sonst hätte ich das gleich wieder aufgeben können“. Als ihre Bank die Schotten dicht machte und auch an staatliche Gründerförderung nicht zu denken war – Quast war ja zu diesem Zeitpunkt schon mehrere Jahre selbstständig gewesen –, stieß sie auf das Angebot eines Finanzanbieters, der damit warb, unkompliziert Mikrokredite zu vergeben. Sie legte ihr Konzept vor, dann ging alles ganz schnell. Nach wenigen Wochen flossen 4.500 Euro auf ihr Konto. „Das war meine Rettung“, sagt Quast.

GLS-Banker Falk Zientz kennt viele solcher Geschichten. Die meisten seiner Kunden führen kleine Dienstleistungsunternehmen oder arbeiten in der Gastronomie. Die Statistiken zeigen, dass diese Selbstständigen im Schnitt, 1,5 Arbeitsplätze schaffen, auch aus volkswirtschaftlicher Sicht also ein gutes Geschäft. Besonders stolz ist Zientz, wenn er in den Statistiken nachschlägt, dass unter den Kreditnehmern überdurchschnittlich viele Migranten sind und die Ausfallquote bei weniger als vier Prozent liegt, was „nur ein Bruchteil der Ausfälle bei öffentlichen Förderkrediten an Kleinstunternehmen ist“, so der Banker.

Auch Marianne Quast hat ihre ersten Raten zurückgezahlt, die ersten Gitarren-Kurse sind angelaufen. Sie glaubt fest daran, dass ihr Konzept aufgeht. „Im kommenden Jahr will ein Kindergarten mit fünf Gruppen einsteigen, das wäre ein großer Schritt nach vorne“, sagt sie. Dann hätte sie wieder mehr Zeit für die Kinderbücher. Der Geschichte von Marsbewohner Kwars hat die Teilzeit-Autorin ein offenes Ende verpasst: „Da kann noch ein zweiter Teil folgen“, sagt sie.

Johannes Pennekamp arbeitet im Wirtschafts-Journalistenbüro

weitwinkel-reporter.de

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11:00 16.12.2010

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