Von einer Seele verstanden

Aussenseiter Zwei neue Biografien von Gerhard Schulz und Jens Bisky beleuchten das Leben des Dichters Heinrich von Kleist

Von seinem Leben wissen wir nur wenig. Briefe an die Verlobte und an die Schwester Ulrike, an die verehrte Helferin Marie von Kleist und an diverse andere Adressatinnen, an Freunde, Verleger oder preußische Amtspersonen. Dann die spärlichen Anmerkungen von Zeitgenossen, die sich häufen, als sein Ruhm sich wenige Jahre nach dem frühen Tod in Deutschland verbreitet. Und der immer wieder zitierte, erschütternde Satz, den er wenige Stunden, bevor er sich in den Mund schoss, an die Schwester schrieb: "Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war." Viel mehr sein Leben Erzählendes ist da nicht. Keine Tage- oder Notizbücher, kein Eckermann und kein Wikipedia. Zudem in den spärlichen Selbstzeugnissen viel Geheimnisvolles, Verschleierndes über seine "Lebenspläne" oder den Zweck der zahlreichen Reisen, die sein ruheloses, suchendes Leben prägten.

Natürlich ist da das Werk. Die schönste deutsche Prosa und die wunderbaren, seltsamen, immer noch aus den aktuellen Theaterspielplänen nicht wegzudenkenden Dramen, Trauer- und Lustspiele. Aber der Pferdehändler Michael Kohlhaas, der Richter Adam, die rasende Penthesilea, das liebliche Käthchen, der geile Jupiter oder der träumende Prinz aus der Zeit des Großen Kurfürsten, das sind Novellen- und Bühnenfiguren, deren Handeln und deren Haltung nicht automatisch mit ihrem Schöpfer verwechselt werden sollten. Lebensgeschichtliches aus dem Werk herauszulesen bleibt immer ein zwiespältiges Verfahren.

Heinrich von Kleists Biographen hatten und haben es also schwer. Da muss manches aus dem wenigen Material, das überliefert ist, konstruiert, vieles spekuliert werden. Vielleicht ist das der Grund, warum so lange keine neue, umfangreichere Lebensbeschreibung über diesen neben dem unglücklichen Hölderlin bedeutendsten Nachfolger der Dichterheroen Goethe und Schiller veröffentlicht worden ist. Nun aber wirft das Kleist-Jahr 2011 - er starb am 21. November 1811 - seine Schatten voraus. Zwei in diesen Wochen erschienene Biographien belegen dies.

Der Literaturwissenschaftler Gerhard Schulz, bis zu seiner Emeritierung in Melbourne lehrend und ein Spezialist für die deutsche Literatur um 1800, und der Journalist Jens Bisky, Kulturwissenschaftler und Redakteur des Feuilleton der Süddeutschen Zeitung, haben den Versuch unternommen, das Leben Kleists nachzuerzählen. Zwei beachtliche Arbeiten sind es, auf der Höhe der Kleistforschung und dem Leser nicht vorgaukelnd, hier liege ein Leben wie ein offenes Buch vor ihm. Schulz und Bisky spekulieren nicht, gehen mit den Legenden über diesen Dichter zurückhaltend um, und sie betten sein Leben mit dem notwendigen Einfühlungsvermögen in das zeit- und kulturgeschichtliche Umfeld ein.

Das Leben eines Außenseiters wird hier betrachtet. Eines Dichtergenies und eines am Leben Gescheiterten. Geboren in einer Zeit, in der Friedrich der Große Preußen reformierte und durch mehrere Kriege zur europäischen Großmacht formte. Aufgewachsen in der Welt des bald so viel beschworenen preußischen Militärs und einer angeblich unbestechlichen, strengen Verwaltung. Aufgeklärter Absolutismus und der geistesgeschichtliche Auftritt des Immanuel Kant, Französische Revolution, napoleonische Herrschaft und der Anfang des europäischen Nationalismus, Weimarer Klassik und Romantik - das sind die entscheidenden historischen und kulturellen Stichworte für dieses Leben.

Der Dichter - in Frankfurt an der Oder geboren - stammt aus einer alten preußischen Adelsfamilie. Nicht wohlhabend sind die Eltern. Preußische Offiziere müssen dem Vaterland für einen bescheidenen Sold dienen. Nach dem Tod des Vaters tritt Heinrich als Fünfzehnjähriger in die Armee ein. Sieben Jahre Soldat, Teilnehmer am Feldzug gegen die französischen Revolutionsarmeen und mehrerer Schlachten. Schließlich Secondelieutnant, dann bricht er aus und nimmt seinen Abschied. Er bleibt ein Privilegierter. Zeitlebens hatte er - wie viele Kleists - Zugang zum Hof. König Friedrich Wilhelm III. kennt den Mann, der später den Monarchen um ein Verwaltungsamt oder den Wiedereintritt in die Armee bittet. Er bleibt auch immer ein preußischer Patriot, wird gelegentlich gar zu einem wilden Nationalisten. Seine späteren Hassgesänge auf die siegreichen Franzosen - "Schlagt ihn Tod! Das Weltgericht fragt Euch nach den Gründen nicht!" - bezeugen dies auf zwar zeitgemäße, aber deswegen nicht weniger schauerliche Weise.

Solche Aufrufe an "Germania" dichtet er erst am Lebensende. 1799 zunächst Rückkehr nach Frankfurt. Bildungshunger und Träume von einer Wissenschaftslaufbahn. Sich lösen von den "Launen des Tyrannen Schicksal" will er sich. Der "freie denkende Mensch bestimmt nach seiner Vernunft, welches Glück für ihn das höchste sei, er entwirft sich seinen Lebensplan, und strebt seinem Ziele nach sicher aufgestellten Grundsätzen mit allen seinen Kräften entgegen". Ein Träumer, ein Idealist, ein Romantiker, ein höchst Sensibler schreibt diese Sätze am Anfang der Suche nach Lebenssinn und Lebensunterhalt. Tief ist immer wieder der Sturz vom Gipfel einer enthusiastisch ausgemalten Zukunft in den Abgrund gescheiterter Pläne.

Die Wissenschaft befriedigt ihn nicht und bietet wenig Chancen, die Verwaltungsarbeit hasst er, die Rückkehr zum Militärdienst bleibt letztlich eine unerfüllte Hoffnung. Zwischendrin der Plan, Bauer zu werden in einer Schweizer Idylle, dann zweimal Versuche auf dem Zeitungsmarkt, hohes Engagement und fehlende Leser begleiten diese kurzzeitigen Medienabenteuer. "Neue Enttäuschungen und neues Leiden waren ... unvermeidlich", schreibt Gerhard Schulz, "fehlte ihm eben doch die klare Erkenntnis, dass die Kollision zwischen seinen Erwartungen und der Wirklichkeit im wesentlichen nicht von der Wirklichkeit, sondern von seinen Erwartungen rührten, die er mit ihr nicht abzustimmen wusste."

Ein Weltabgewandter, der doch so gern die Welt erobern möchte, ist Kleist. Er kann lachen im Kreise der Freunde, er liebt, und für seine Reisen - in Deutschland, in der Schweiz, in Frankreich - findet er stets Wegbegleiter. Seltsam das schließlich scheiternde Verhältnis zur Verlobten Wilhelmine von Zenge, die er lenken und führen will, obwohl er doch selbst der Führung so bedarf. Immer geliebt die Schwester Ulrike, die ihn mit Geldsendungen und persönlichen Besuchen häufig vor dem Untergang bewahrt. Leidenschaftliche Briefe schreibt er an die Freunde, die ihn nicht weniger lieben. Beide Biographen gehen mit der durch manche Briefäußerung vermutbaren Homosexualität Kleists souverän und mit Fragezeichen um. Allein ist er nicht, aber einsam.

Ein schwieriger, zerrissener Mensch. In größerer Gesellschaft fühlt er sich unwohl, er stottert leicht, ist häufig übererregt. Wieland, der Kleists Schriftstellerbegabung schon sehr früh erkennt und bewundert, berichtet von einem Familienessen in seinem Hause, bei dem der Tischgast Heinrich geistesabwesend vor sich hin redet. Darauf angesprochen, entschuldigt er sich mit dem Hinweis, er habe gerade an einem seiner dichterischen Text gearbeitet. "Seelisch war Kleist gesund, sofern man das überhaupt sein kann", schreibt Bisky, "aber da er sein ›Ich‹, literarische Modelle nutzend, wo immer es ging, gegen die Welt entwarf, konnte es mit dieser nicht im Einklang leben." Und doch trifft nicht weniger eine andere Bemerkung dieses Kleist-Biographen zu: "Aber die Suche nach Abenteuern, das unermüdliche Pläneschmieden und Projektemachen gehören ebenso zu ihm wie das Gefühl der Einsamkeit und die unerfüllte Suche nach Nähe."

Dieser seltsame, traurig, gescheiterte, schließlich sich tief enttäuscht vom Leben abwendende Mann aber hat doch triumphiert. Als Dichter ist er unsterblich geworden. Ohne seine Novellen und Erzählungen, ohne seine Theaterwerke wären wir ärmer. Mit Blick auf Hölderlin und Kleist hält Gerhard Schulz fest: "Beide haben sie einen hohen Preis für das zahlen müssen, was sie anderen an großer Kunst zu schenken hatten." Und Bisky zitiert Kleist mit dem schönen, sehnsuchtsvollen Satz (aus einem Brief an Ulrike): "Verstanden wenigstens mögte ich gerne zuweilen sein, wenn auch nicht aufgemuntert u gelobt, von einer Seele wenigstens mögte ich gern zuweilen verstanden werden, wenn auch alle andern mich verkennen." Kleist zu verstehen, dazu tragen diese beiden klugen Biographien ein gut Stück bei.

Jens BiskyKleist. Eine Biographie. Rowohlt-Berlin, Berlin, Reinbek bei Hamburg 2007, 527 S., 22,90 EUR

Gerhard Schulz Kleist. Eine Biographie. C. H. Beck, München 2007, 607 S.,
26,90 EUR

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