Von Erich lernen

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Die Qualifikation der deutschen Fußballnationalmannschaft zur nächsten Weltmeisterschaft ist in Gefahr. Das sollte Grund genug sein, an einen der tragischsten deutschen Fußballfans des vergangenen Jahrhunderts zu erinnern. Erich Mielke hieß der Mann, ist mittlerweile tot und einer breiteren Öffentlichkeit eher als Minister für Staatssicherheit der DDR bekannt. Nicht der Bessere sollte gewinnen, wie es Menschen mit Distanz, die oft eher Ignoranz ist, gerne formulieren, sondern sein Berliner Fußballclub BFC Dynamo. Wenn ein Mensch alles tut, was in seiner Macht steht, dann kann das besonders dann sehr viel sein, wenn er beinah die gesamte Staatsmacht verkörpert. Also wurde der BFC Dynamo von 1978 bis 1988 ununterbrochen DDR-Meister, nahm mit leidlichem, freilich nie durchschlagendem Erfolg am Europapokal teil, und nach der Wende ging es mit ihm noch schneller bergab als mit den Mitgliederzahlen der SED.

Nun ist es zwar wahr, dass die DDR ihre Erfolge ohnehin nur im Sport erzielte, aber dazu kann gewiss nicht der Fußball gezählt werden. Das aber ist es nicht, was Erich Mielke zum tragischen Fußballfan machte. Wäre es das, er wäre bloß ein tragischer Kommunist, mit ein bisschen Faible für Fußball, also nichts besonderes. Erich Mielke aber war der festen Überzeugung, dass der Fußball die Massen vom Wesentlichen ablenke, der Beseitigung ihrer Not, denn die verblödeten Massen strömten ihren erfolgreichen fußballerischen Vorbildern nach. Folglich müsste die Staatsmacht den Fußball zur Chefsache machen. Mielke gründete im Jahr 1966 den BFC Dynamo. Der habe die besondere Verantwortung, ließ Mielke bei der Gründungsversammlung verlauten, "als Fußballklub der Schutz- und Sicherheitsorgane durch hohe Leistungen und faires Auftreten das Vertrauensverhältnis zwischen den Werktätigen und den Schutz- und Sicherheitsorganen weiter zu festigen". Ein toller Plan also, allein, die Massen kamen nicht, schenkten lieber anderen Vereinen Sympathie, Eintrittskarten und das Geld für die Stadionbratwurst. Das Vertrauensverhältnis zwischen Werktätigen und dem Staat, dieser Befund lässt sich nach dem Ende der DDR eindeutig feststellen, ist nicht durch fußballerische Erfolge zu verbessern.

Gelernt hat man jedoch nicht daraus, und die Folgen muss der arme Rudi Völler heute ausbaden. Wie es nämlich nach Mielkes Scheitern weiter ging, ist schnell erzählt: Die letzte BRD-Nationalmannschaft wurde 1990 Weltmeister, deren Teamchef Franz Beckenbauer verkündete unmittelbar danach: "Wir sind die Nummer eins in der Welt. Aber die Auswahl wird noch größer, noch kompakter durch die ostdeutschen Spieler. Wir sind über Jahre nicht mehr zu besiegen. Es tut mir Leid für den Rest der Welt, aber es ist so."

Nach Beckenbauer kam Berti Vogts und es begann der schmähliche Absturz einer Nationalmannschaft , die, wenn schon nicht das Vertrauensverhältnis zwischen den Werktätigen und den Schutz- und Sicherheitsorganen so doch wenigstens das zwischen Bevölkerung und der die deutsche Einheit zusammenbastelnder Regierung herstellen sollte. 1994 und 1998 schied Vogts mit seinem gesamtdeutschen Team jeweils früh bei der WM aus, ein zwischenzeitlicher EM-Titel war schnell vergessen, und nach 1998 kam man beim Deutschen Fußballbund auf eine Idee, die von Erich Mielke hätte stammen können: Man holte mit Erich Ribbeck einen Trainer aus der Rente zurück, der zwar noch keine nennenswerten fußballerischen Erfolge vorweisen konnte, der aber unfallfrei und hold lächelnd Pressekonferenzen absolvierte. Einfach das Vertrauensverhältnis wieder herstellen, war die Devise, und alles hätte gut funktioniert, wenn nicht die Erfolge weiter ausgeblieben wären. Nach Ribbeck sollte Christoph Daum kommen, und zwischenzeitlich wurde der unerfahrene aber beliebte Rudi Völler verpflichtet, der sich nach Daums zur Genüge bekannter Unpässlichkeit zur Dauerlösung entwickelte.

Das Vertrauensverhältnis der Werktätigen zur ihrer Fußballführung schien wieder hergestellt, jedenfalls hatte man auch ein paar Spiele gewonnen, freilich nicht gegen nennenswerte Gegner. Seit den letzten zwei Desastern - 1:5 gegen England, 0:0 gegen Finnland - sieht das anders aus, und die Mielke-Vorstellung, Erfolg im Fußball sei ganz leicht zu kaufen oder anzuordnen, ist schon wieder gescheitert. Da sich hierzulande Tragödien als Farce wiederholen, gilt für die Wiedergänger Mielkescher Fußballpolitik, dass sie sich mehr als ihr Vorbild lächerlich machen. Das kommt davon, wenn man aus anderer Leute Scheitern keine Schlüsse zieht.

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00:00 12.10.2001

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