Von Goethe zu Goebel

Künstlerisch erfolgreich, politisch gefährdet Rudolstadt zeigt, wie groß ein Theater für eine Kleinstadt sein kann und sein muss

Es beginnt mit einem heimatlich heimeligen Sehnsuchtsbild: Die Bühne ist vollgestellt mit Tischen, auf denen die Schauspieler singend stehen und über die bunte Tischdeckenwelt ihres Alltags hinaus schweben wollen. Wenn auch jeder mit seinem Schlager gegen die der anderen ansingt, ergibt das vielstimmige Konzert der gefühligen Hoffnungslieder doch einen einstimmigen Chor der Wehmut und Hoffnung. So wird Kitsch zur Kunst. Wenn die Familie hinabsteigt in die Niederungen des Lebens, sich zusammen in der Küche vereinzelt, dann sitzen sozialer Jammer und innere Leere mit am Tisch. Armin Petras hat nach Marek Hlaskos Erzählung Der achte Tag der Woche, die er um deren einstige direkte politische Protestfunktion in sozialistischer Welt kürzte, ein Stück über die Verlorenheit einer Familie geschrieben, die aus alter Erstarrungszeit in die neue Leere einer ungewohnten Freiheit fällt.

Nach der Uraufführung in Krakow durch den Autor brachte Uta Koschel in Rudolstadt die deutschsprachige Erstaufführung heraus. Ihre zwischen Slapstick und Poesie, bitterem Witz und heiterem Ernst wechselnde Inszenierung hat mit Daniela Schober in der Rolle der jungen Agnes eine tolle Darstellerin. Die Schauspielerin lässt ihre Figur mit aller Scheu- und Direktheit auf die Suche nach dem Prinzip Hoffnung durchs Leben rennen. Während der arbeitslose Vater sich im DDR-Trainingsanzug durch den Tag grämt, döst sich die kranke Mutter im Morgenmantel aus der Realität. Daniela Schobers jungfräuliche Agnes, die sich in die Liebe zu einem gerade aus dem Gefängnis entlassenen Mann stürzt, sich schließlich aber im Bett einer verheirateten Zufallsbekanntschaft wieder findet, strahlt das innere Leuchten einer selbstverständlichen und selbstbestimmten Welt- und Lebenszugewandtheit aus. Man schaut dieser Schauspielerin gern und fasziniert zu. Wie auch der gesamten, liebenswerten Inszenierung, die das wiederholte Heraustreten der Schauspieler aus ihren Rollen (um sich zu erklären und das Geschehen zu erzählen) elegant zur melancholischen Besänftigung des expressiven Elends der Figuren nutzt.

Dem neuen ging zum Spielzeitauftakt ein altes Stück voraus. Wolf Bunge inszenierte Lessings Emilia Galotti als Konzert der Stimmen in modisch gelackter Wohnwelt (Bühnenbild: Toto). Hinter Gaze musiziert ein Gitarrist im historischen Kostüm, während die Männer auf der Bühne ganz von heute sind. Der Prinz kommt als eitel schwätzender, narzisstischer Körperkult-Yuppie daher, während Marinelli (der famose Till Schmidt) als pragmatischer, kühler Manager funktioniert. Bunge stellt neue Rollenklischees und alte Ikonen in szenischer Versuchsanordung zueinander. Stimmen, Atmosphäre und Gefühle prägen das Konzept-Spiel. Die Frauen liefern den (vergeblichen) Gefühlston, denn sie kommen aus alter Zeit. Die Männer (bis auf Vater Galotti,, der wie eine alte Volkstheater-Karikatur unterm Schlapphut wirkt) sind von heute. Wer will, kann Ost und West assoziieren. Das Konzept ist klar: mit einer Emilia unter (schauspielerisch unfreiwillig groteskem) emotionalem Überdruck, einer Orsina mit dem übersteigerten Temperament einer Fernseh-Soap-Figur und mit einer fast prollig geerdeten Mutter Galotti wird man unterhalten, aber nicht überzeugt: Weil die Figuren und das Geschehen nur konzeptionell bebildert werden, uns dabei aber völlig fern bleiben.

Dennoch: zwei Inszenierungen in Rudolstadt, und weit und breit kein Hauch von Provinztheater. Ein homogenes Ensemble auf erstaunlich gutem Niveau in intelligenten Inszenierungen vor vollem Haus: Was will man mehr? Die Landespolitiker jedenfalls wollen weniger. Bei den von Kultusminister Goebel angekündigten kulturellen Sparmaßnahmen des Landes Thüringen um 10 Millionen wird es Rudolstadt hart treffen: der Landeszuschuss soll von 3,21 auf 1,5 Millionen verringert werden. Damit geht es einem Theater an die Existenz, das nach der abgebrochenen Fusion mit Eisenach seit 2003 mit den verbliebenen Sparten Schauspiel und Orchester in einem erfolgreichen Kooperationsmodell (mit Musikhochschulen und dem Theater Nordhausen), trotz des Schwerpunkts im Schauspiel, gewissermaßen das künstlerische Angebot eines Dreispartenhauses bietet.

Nach seiner Eröffnung im Jahr 1793 wurde das durch Fürst Ludwig Friedrich II. zu Volksbildungszwecken gegründete Theater Rudolstadt von Weimar aus durch Goethe geleitet. Damals hatte die Stadt 3.800 Einwohner, heute mehr als 26.000. Der Spielplan ist klug gemischt: es finden sich Stücke von Büchner und Müller, Gombrowicz und Brecht, Lutz Hübner und Daniel Call neben einer soliden Inszenierung von Ibsens Hedda Gabler durch den Intendanten, wie auch Ladies´ Night, Kann denn Liebe Sünde sein oder Kochen mit den neuen Schauspielern. Intendant und Geschäftsführer Axel Vornam hat seit 2003 die Zuschauerzahl immerhin um ein Drittel auf 80.000 gesteigert.

Und das in einer Stadt, in der es kaum Bildungsbürger gibt und die Jugend nach dem Abitur, weil ohne Hoffnung auf Ausbildungsplätze, die Gegend verlässt. Trotzdem oder gerade deshalb versteht sich das Theater auch als soziokulturelles Zentrum. Man geht stark auf das Publikum zu, mit öffentlichen Proben, mit Seniorenbetreuung auf dem Land, mit Nachtcafés für die mittlere Generation und einer umfangreichen Jugendarbeit. An Engagement wird am Rudolstädter Theater mit seinen 145 Mitarbeitern (davon 22 Schauspieler) nicht gespart, allenfalls an den Gehältern. Denn die sind nach einem Haustarifvertrag auf dem Niveau des Jahres 2003 festgeschrieben.

"Kulturverödung ist Volksverblödung" lautet der Slogan, mit dem das Theater gegen die angekündigten Kürzungen protestiert. Rote Fahnen allerdings sieht man nur auf der Bühne: in Sascha Hawemanns fulminanter Version von Heiner Müllers Germania Tod in Berlin / Wolokolamsker Chaussee III-V. Hier sind Müllers Texte auf Wende- und Nachwendezeit übertragen, und in den Brüchen zwischen den ineinander montierten Parolen und Liedern, den alten Texten von Müller und neu hinzu geschriebenen, scheinen die gesellschaftlichen Verwerfungen kräftig auf. Wenn ein "Genosse der Staatssicherheit" als mit seinem Schreibtisch verwachsener Bürokrat aus Müllers Wolokolamsker Chaussee gegenüber den Wende-Demonstranten von seiner "Pflicht" tönt, oder wenn ein junges Mädchen einen Jungen klammernd bespringt, dabei Madrid du Wunderbare singt, während ein anderer Junge dazu masturbiert, dann sind zwei Arten dieser Inszenierung beschrieben, wie Realitätsverwirrung funktioniert oder zu einem nicht mehr aus der Realität zu beziehenden Lustgewinn führen kann. Auch wenn die Inszenierung in ihren Bildern schier ertrinkt, weil Hawemann jede Situation, jeden Satz illustriert und körpersprachlich veräußerlicht, ist dies ein faszinierender Diskurs über den Zerfall einer Ideologie und eines Staates.

Theater in Rudolstadt, das ist in seinen besten Momenten großes Theater für eine Kleinstadt. Das Rudolstädter Theater demonstriert allein mit seiner künstlerischen Arbeit für seine Überlebensfähigkeit und Notwendigkeit.


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00:00 27.10.2006

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