Von Hand gemacht

Queer Der Berliner Sexshop „Other Nature“ verfolgt in jeder Hinsicht ein aufklärerisches Prinzip: Er ist offen, alternativ, queerfeministisch und nachhaltig. Ein Besuch

"Home is where your dildo is." Charmanter lässt sich kaum für einen Sexshop werben. Anne Bonnie Schindler und Sara Rodenhizer legen Wert auf ein liebevolles Ambiente, wie den Spruch auf einem Schild vor ihrem Laden am Berliner Mehringdamm. Seit Oktober 2011 führen die beiden 31-Jährigen „Other Nature“, einen alternativen Sexshop, in dem Beratung und queerfeministischer Ansatz genauso großgeschrieben werden wie Nachhaltigkeit.

Der Holzboden im Eingangsbereich ist unlackiert, das Licht erhellt den Raum durch eine hohe Fensterfront mit Rundbogen. Verschiedene der angebotenen Sextoys kennt man so auch aus herkömmlichen Shops, man stößt aber auch auf raffinierte Ausnahmen wie Peitschen aus Fahrradschläuchen, Unikate mit edlen Holzgriffen, in Berlin hergestellt von einer befreundeten Sextoy-Bastlerin. „Support your Local Hero“ ist ebenfalls eine Selbstverpflichtung der Besitzerinnen. Bonnie Schindlers Augen strahlen, eine rötlichblond gefärbte Tolle wippt in die Stirn, ein grobmaschiger Strickpulli legt eine Schulter frei. Und wenn sie einmal anfängt zu reden, ist sie kaum zu stoppen. Begeisterungsfähigkeit, die ansteckt.

Nervöse Frauen

Die Idee mit dem alternativen Sexladen hatte Schindler, die zuvor in einem herkömmlichen Sexshop arbeitete, schon länger im Kopf. „Meine Erfahrung damals war, dass die Industrie nur auf den Orgasmus des Mannes konzentriert ist“, erzählt sie und welchen Unterschied es für sie machte, eine Frau oder einen Mann zu beraten. „Frauen waren oft nervöser, aber in der Beratung hat sich oft sehr schnell eine intime, und auch humorvolle Atmosphäre eingestellt. Oft hätten ihr die Kleinigkeiten Spaß gemacht, wie das Austauschen über die richtige BH-Größe. Warum das Ganze also nicht als eigenes Konzept aufbauen?

Per Zufall erfuhr Schindler, dass Sara Rodenhizer an einer ähnlichen Idee arbeitete. Rodenhizer hatte zuvor in Kanada für die Frauensexshop-Kette „Venus Envy“ als Managerin gearbeitet. Kurzerhand taten sich die beiden Frauen zusammen. Schindler kümmert sich um Veranstaltungen, Werbung und Presse, Rodenhizer um die Produktpalette. Im Laden stehen sie abwechselnd.

So frei und unkompliziert man sich bei „Other Nature“ gibt, ein oberstes Gebot gibt es trotzdem: Jede Kundin und jeder Kunde soll sich bei ihnen wohlfühlen. Wer Rat braucht oder Fragen hat, ist bei den beiden Frauen genauso richtig wie jemand, der lieber unbehelligt zwischen Gleitgelen, Analplugs und Vibratoren stöbert. Den Schüchternen geben kleine Infotafeln, die überall im Laden hängen, die nötigen Auskünfte über Toys und ihre Handhabung. „Tipps for having Fun with your bum“ steht dort zum Beispiel. Tipps für analen Spaß gibt Schindler aber auch gerne mündlich: „Wir texten die Leute schon zu, gerade wenn es um Analtoys geht“, sagt sie. „Dass sie bitte nie kleine Dildos anal verwenden sollen, weil die wegrutschen. Die Geschichten aus den Notambulanzen, was die Leute alles im Hintern stecken haben, sind kein Witz.“ Fast zärtlich schiebt sie ein paar Minivibratoren auf dem Verkaufstisch in Reih und Glied. Für Analpraktiken wird außerdem ausreichend Gleitgel empfohlen und mit Vorsicht und Respekt vor dem Anus des Partners zu agieren. Man mag schmunzeln und erröten, aber Aufklärung ist nun mal das Nonplusultra: „Wir möchten wieder einen Raum haben, in dem wir ganz offen und ehrlich darüber sprechen, was Sexualität ist, mit allen Vor- und Nachteilen“, sagt Schindler. Dazu gehören auch Menschen, die sexuelle Gewalterfahrungen gemacht haben oder im falschen Körper geboren sind. Diese Dinge gingen alle an.

Selbstbewusstere Frauen

Wenn hier eine Kundin von ihrer nachlassenden Libido erzählt, ist das sehr persönlich, aber auch notwendig, um sich mit der eigenen Körperlichkeit auseinander zu setzen. Egal, ob es sich dabei um sexuelle Lust, Unlust oder die Menstruation handelt. „Other Nature“ verkauft sowohl Men­struationstässchen aus Silikon, die eingeführt und anschließend ausgespült und wieder verwendet werden können, als auch Kulminebinden aus Baumwolle, die man bei 65 Grad in der Waschmaschine wäscht. „Fakt ist“, sagt Schindler, „dass eine Frau, die sich mit ihrer Menstruation, überhaupt mit ihrer Identität als sexuelles Wesen beschäftigt, ein stärkeres Selbstbewusstsein entwickelt.“ Denn gerade in heterosexuellen Beziehungen sei die Frau noch immer sehr auf die Hingabe gegenüber dem Mann abonniert. Und die Beschäftigung mit der eigenen Sexualität, auch durch Masturba­tion, lindere Kopf- und Regelschmerzen und setze Glücksgefühle frei.

Aufklärung betreiben sie und ihre Kollegin aber auch für Männer, obwohl sie sich anfangs schon Gedanken machten, ob sich die bei einem Laden, der sich speziell an Frauen richtet, womöglich ausgeschlossen fühlen. Aber die Sorge war unbegründet: „Bei der Eröffnung und auch später haben wir 30 bis 40 Prozent Männer im Laden gehabt, und das zeigt mir, dass einerseits unser Konzept funktioniert, andererseits eben auch Männer einen Raum suchen, in dem sie sich wohl fühlen.“ Denn schließlich müssten auch Männer ein Interesse daran haben, dass sie auf Frauen treffen, die sexuell selbstbestimmt sind. Zu Hause ist eben längst nicht nur, wo der Dildo steht, sondern dort, wo Partner sich gegenseitig respektieren.

Verena Reygers auf freitag.de jeden zweiten Mittwoch über Frauen und Musik. Obwohl sie selber in einem Sexshop für Frauen jobbt, hat sie bei Other Nature noch einiges gelerntkolumniert

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11:00 11.03.2012

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