Von Helden zu Geistern

Überwältigungskino Michael Glawogger wollte in "Workingman´s Death" körperliche Arbeit sichtbar machen, statt über sie zu reden

Krasni Lutsch liegt im Donbassbecken, dem Zentrum des ukrainischen Kohlebergbaus. Zur Sowjetzeit wurden hier Musterstädtchen für die Minenarbeiter errichtet, die man mit Propagandakampagnen zur Planübererfüllung antrieb. Benannt wurde die Stachanow-Bewegung nach dem Bestarbeiter Aleksej Stachanow, der 1935 in einer Schicht angeblich 102 Tonnen Kohlen förderte. An dem riesigen zu seinen Ehren errichteten Helden-Denkmal küssen sich heute noch die Brautpaare. Die meisten der alten Kohleminen aber sind unrentabel und von der offiziellen Förderung längst aufgegeben. Andere Arbeit aber gibt es hier kaum. Deshalb graben sich nun die Ukrainer auf eigene Faust in den Berg, um ein wenig Kohle herauszukratzen. Das ist selbstverständlich illegal, höchst gefährlich und nichts für klaustrophobisch Veranlagte: Gerade einmal vierzig Zentimeter hoch ist die Mine, die sich Tatjana, Volodja und Vassilij geschlagen haben, tief geht sie in den Berg hinein. Nach dem mühseligen Hineinrobben kann die Kohle nur liegend aus dem Stein gehauen werden.

Helden heißt diese erste von insgesamt sechs weltweiten Stationen von Michael Glawoggers Workingman´s Death wohl in Anspielung auf Stachanow und andere "Helden der Arbeit"; der Regisseur illustriert die Sequenz dazu noch mit einigen bisher unveröffentlichten Filmausschnitten aus russischen Archiven, die rekordleistende Hauer und jubelnde Menschenmengen zeigen. Heute sind die heroischen Zeiten der Arbeit für die ehemaligen Bergarbeiter nur noch melancholische Reminiszenz, geblieben ist der alltägliche Kampf ums Überleben und der ebenso überlebensnotwendige Humor.

Dass die Verwendung des Helden-Begriffs hier dennoch weder ironisch noch ideologiekritisch gemeint ist, wird schon bald deutlich, nicht nur in den Namen der folgenden Kapitel, die von Geistern, Löwen und Brüdern sprechen. Auch Glawoggers Inszenierung setzt ganz offensichtlich darauf, die alten heroischen Posen mit neuen globalen Inhalten zu füllen, statt sie zu dekonstruieren. In Indonesien (Geister) sind es die drahtigen Körper der Träger-Kulis, die die geschlagenen Schwefelbrocken in bis zu 100 Kilo schweren Körben auf dem Schulterjoch durch giftiggelb rauchende Nebelschwaden aus einem Vulkankrater Javas kilometerweit hinauf und hinab zur Wiegestation schleppen. Im nigerianischen Port Hartcourt (Löwen) folgt Wolfgang Thalers beeindruckende Steady-Cam im Dauerlauf den Arbeitsabläufen auf einem riesigen Freiluft-Schlachthof, wo Hunderte von Ziegen und Rindern geschächtet, gewaschen, enthäutet und dann auf lodernden Feuern über Autoreifen schwarz gebrutzelt werden. Ein halbstündiges apokalyptisches Inferno, das bewusst die Grenzen des Erträglichen für ein Publikum ausreizt, das sein Fleisch aus der Tiefkühltruhe bezieht. Auch die bengalischen Arbeiter (Brüder), die am Strand des pakistanischen Gaddani riesige Supertanker in Handarbeit zu wiederverwertbaren Stahlplatten zerschrotten, geben - funkensprühende Menschlein vor gigantischer Stahlkonstruktion - ein archaisch erhabenes Bild. In einem letzten, deutlich kürzeren Kapitel wird dann in einem neu errichteten chinesischen Stahlwerk die Zukunft beschworen. Doch auch hier sind - Rückgriff auf Stachanow - für die junge Generation die alten Helden-Denkmäler nur noch dafür gut, um vor ihnen zu posieren.

Die Aussage von Workingman´s Death scheint klar, wenn man diese Szenen mit dem Epilog konfrontiert, der als einziger Teil des Films im alten Kerneuropa spielt und eine Gruppe herumalbernder Jugendlicher auf einem zum Kulturspektakel umgewidmeten Hochofen im Duisburger IBA-Emscher-Park zeigt: Seht her, während ihr in Europa vom Ende der Arbeit fabuliert, schuppern sich anderswo auf der Erde immer noch Menschen die Rücken wund. Zu Recht wurde ja etwa Jeremy Rifkin, der die These vom "Ende der Arbeit" in seinem gleichnamigen Buch 1995 wohl am einprägsamsten formuliert hatte, unter anderem eine allzu eurozentristische Sichtweise vorgeworfen. Glawogger selbst (Megacities, Slumming) sagt zu seinem Film, er habe endlich einmal die körperlich Arbeit im Kino sinnlich erfahrbar machen wollen, statt nur über sie zu reden. Das ist ihm in ästhetischer Hinsicht sicher meisterlich gelungen. Denn die kommentarlosen, von dem New Yorker Jazzer John Zorn ebenso sparsam wie wirkungsvoll untermalten Szenen beeindrucken bis zur Schmerzgrenze und entlassen das Publikum fast betäubt aus Überwältigung. Erst später, wenn sich die Aufwühlung ein wenig gelegt hat und das Denken wieder einsetzt, tauchen doch einige Fragen und Zweifel auf, die mit genau diesen Gefühlen zu tun haben, die Glawoggers Film bei uns auslöst.

Antworten gibt es aber nicht. Denn es sind vor allem Gefühle, die zurückbleiben, von analytischer Durchdringung keine Spur. So führt die meisterlich eingelöste sinnliche Präsenz körperlicher Arbeit am Ende durch viele lodernde Feuer gereinigt in sich selbst zurück. Warum wird in der Ukraine offiziell keine Kohle mehr gefördert? Wer profitiert von der Arbeit der pakistanischen Werftarbeiter? In welchem Kontext funktioniert der nigerianische Schlachthof? Warum ist die Stahlproduktion vom Ruhrgebiet nach China ausgewandert? Und gibt es nicht auch dort - im Ruhrgebiet - Arten des Arbeitens, die sich nur vielleicht auf der Leinwand nicht so gut machen? Workingman´s Death drückt sich vor solch konkreten Aussagen und setzt lieber aufs überwältigende Sentiment. Ein weniger aufs Spektakuläre ausgerichteter Film hätte auf der Suche nach Bildern zur Arbeit im 21. Jahrhundert - so der Untertitel - zumindest versuchen müssen zu zeigen, dass Arbeit in erster Linie eine sozialökonomische Beziehung ist, die sich an einem konkreten Ort unter bestimmten historischen Bedingungen ereignet. So zeigt der Film am besten wohl die berufsbedingte Blindheit des Filmemachers selbst, den nur das interessiert, was sich in beeindruckenden Bildern auf Zelluloid bannen lässt.


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00:00 19.05.2006

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