Von Kakerlaken entführt

Medientagebuch Der Reiz der "Ekel-Formate": Künstliche Versuchsanordnung im Dienste der Authentizität

Es hat den Anschein von Aufrüstung. MTV strahlt in seinem deutschen Programm ab Anfang Februar neue amerikanische Reihen aus, die mühelos die Ekel- und Schreckensszenarien von Ich bin ein Star - Holt mich hier raus (RTL) überschreiten. Sie tragen Titel wie Scare Tactics oder Wildboys und sie berichten von Überrumpelungs- und Selbstversuchen. In Scare Tactics (Starttermin: 3. Februar) überrascht Shannen Doherty normale Sterbliche mit Horror- und Schreckensszenarien, wie man sie aus dem Kino kennt. Nur dass der aufwendige Filmset für amerikanische Bürger aufgebaut wird, die nichts von ihrem Unglück wissen oder nur ahnen. So werden harmlose Urlauber von Monstern entführt, die einem Horrorfilm der fünfziger Jahre entstammen. Es ist eine Sendung nach dem Prinzip der Versteckten Kamera, die ja schon seit den frühen sechziger Jahren auf die Überraschung auf den Gesichtern von Prominenten und weniger Prominenten geeicht war. Wurden in diesem etablierten Format Gegenstände oder Institutionen verstellt oder umgebaut, um die Prominenten zu verwirren und zu irritieren, geht es in den neuen Formaten um den Schrecken, der aus Furcht um Leib und Seele erwächst.

Das verbindet sie mit einem Format wie Wildboys, in dem Steve-O und Chris Pontius wie schon in ihrer Vorgänger-Sendung Jack-Ass die absurdesten Selbstversuche unternehmen, indem sie sich Krokodilen zum Kampf stellen, mit Schlangen anbandeln und zu Insekten aller Art innige Beziehungen aufbauen. Auch hier ist weniger der Vorgang selbst wichtig, der ja nichts anderes als die juvenile Mutprobe vergangener Jahrzehnte für Kameras ausbeutet und ausweitet, als die Mimik und die Gestik der Probanden in den Momenten ihrer Versuche. Es geht in all diesen Formaten um den entscheidenden Augenblick, in dem sich die Emotionen unwillkürlich auf dem Gesicht und auf dem Körper der beobachteten Personen abzeichnen. Und genau das verbindet sie mit dem im Januar heftig diskutierten Dschungel-Camp von RTL. Auch hier waren die allein entscheidenden Momente die Großaufnahmen der Gesichter von Küblböck und Konsorten, wenn Kakerlaken auf sie ausgeschüttet wurden, ihnen Schlangen auf den Leib rückten oder Riesenspinnen sich auf ihrer Haut vergnügten. Selbst diesen Medienprofis, die sich im Schlammlager noch in den müdesten Stunden so gaben, als seien sie auf einer Party der Berlinale, also vorlaut, dreist und unhöflich, gelang es nicht, ihr einstudiertes und angeschminktes Gesicht zu wahren. Und genau das bestaunten die Zuschauer, die sich ja wie die Camp-Bewohner nur selten an Kakerlaken, Schlangen und Großspinnen erfreuen.

Der Schrecken, der Ekel, die Furcht des Augenblicks trieb etwas zutiefst Menschliches auf ihren Gesichtern und Körpern hervor, was sonst hinter ihren einstudierten Rollen und ihren aufwendig operierten Gesichtern verschwindet. Und genau dieses Rollenspiel, diese uniform geschneiderten Körper und Gesichter, die trainierten Posen, das stereotype Geschwätz bestimmen das Fernsehen im großen Teil des Restprogramms. Bis ins Feld der Politik hinein, was die Debatte um die Echtheit der Haarfarbe des Kanzlers zeigt oder das Entfernen der Tränensäcke von Berlusconi demonstriert. Die Welt, wie sie im Fernsehen erscheint, wirkt von Tag zu Tag künstlicher und abstrakter. So könnte man das Dschungel-Camp ebenso wie die Filmwelten von Scare Tactics oder die Selbstversuche von Wildboys als hochaufwendige und zugleich extrem künstliche Versuchsanordnung nehmen, die so etwas wie Authentizität in der unwillkürlichen Reaktion der Probanden züchtet.

In diesem Verfahren steckt immanent der Zwang zur Reizsteigerung und zur Aufrüstung des Schreckens. Wer sich an Kakerlaken, Schlangen, Spinnen gewöhnt hat und mit ihnen umgeht, als seien sie Hund oder Katze, wird mit anderem erschreckt werden müssen, ob es sich nun um Aliens, Monster oder Gangster handelt. Gleichzeitig gewöhnen sich auch die Zuschauer an die Gesichter im Angesicht des gewöhnlichen Schreckens. Sie erscheinen irgendwann ebenso stereotyp wie der Gesichtsfaltenwurf des angeblich nachdenklichen Guido Westerwelle oder das zwanghafte Schmunzeln der Souveränität signalisierenden Angela Merkel. Auch das treibt die Produzenten zur Reizsteigerung an. Moralischer Protest kommt dagegen nicht an. Es ist ein Spiel, das dem Fernsehen als Distanzmedium innewohnt. Aber ein praktischer Protest hilft: Man kann abschalten.


00:00 06.02.2004

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