Von Kleinbittersdorf nach Berlin

Direktkandidatur in Saarbrücken Oskar Lafontaine tritt in seiner Heimat an. Die SPD-Genossen sind darüber stinksauer

Kleinkleckersdorf gilt als Inbegriff der deutschen Provinz - und daran wird man unwillkürlich erinnert, wenn man den Platz vor dem Bahnhof von Kleinblittersdorf erreicht hat. Der Ort liegt im äußersten Südwestzipfel Deutschlands, im Saarland, zehn Kilometer südlich von Saarbrücken. Ganz in der Nähe fließt die Saar, am anderen Ufer liegt Frankreich.

Im Hinterzimmer der Kleinbittersdorfer Gaststätte Roter Hahn startet an diesem Abend ein sagenhaftes politisches Comeback. Die WASG hat zur Wahlkreiskonferenz eingeladen und möchte den ehemaligen SPD-Bundesvorsitzenden Oskar Lafontaine zum Direktkandidaten für den Wahlkreis 296 (Saarbrücken) küren. Der kommt vorsichtshalber etwas früher als sonst zu seinen Parteiauftritten, kennt einige angereiste Journalisten, aber kaum jemanden von seinen neuen Parteifreunden, setzt sich irgendwo an einen Tisch und harrt gespannt der Dinge, die auf ihn zukommen. Das dauert noch ein wenig, weil die Organisatoren am Vorstandstisch noch eifrig miteinander tuscheln. Mit halbstündiger Verspätung geht es dann endlich los.

Als der kommissarische Landesvorsitzende Frank Unterschemmann, ein Lehrer mit Bart und enormer Leibesfülle, "das prominente Neumitglied" begrüßt, wird verhalten geklatscht und auf die Tische geklopft. Man würde ja gern formal zur Wahl schreiten, meint er, aber so lange der Einigungsprozess mit der PDS noch nicht abgeschlossen sei, könne man an diesem Abend leider nur eine Empfehlung für einen Direktkandidaten Oskar Lafontaine abgeben. Der kokettiert, dass er sich ja wohl nicht mehr groß vorstellen müsse, geht nach vorn, obwohl es dort kein Rednerpult und kein Mikrofon gibt, und legt munter los.

"Ich will ein paar Bemerkungen zu unserem Vorhaben machen", sagt er und man merkt ihm nicht an, ob er verbittert ist, wieder ganz unten und in der Provinz anfangen zu müssen. Im Gegenteil - kämpferisch klingt er, vielleicht ein wenig kapitalismuskritischer als noch zu SPD-Zeiten. Nach zwanzig Minuten, in denen er über die Interessen des Volkes, das Versagen der Bundestagsparteien und die Chancen der neuen Linkspartei spricht, hat er den Roten Hahn für sich erobert - so wie er einstmals beim legendären Mannheimer Parteitag Rudolf Scharping vom SPD-Vorsitz verdrängte.

Beim Wahlgang muss Lafontaine vor die Tür, denn als WASG-Mitglied in Saarlouis ist er in Saarbrücken nicht stimmberechtigt. Das Ergebnis erinnert an seine besten Zeiten im Saarland, als Lafontaine SPD-Landesvorsitzender, Ministerpräsident und politischer Übervater in einem war. Ohne Gegenstimme bei zwei Enthaltungen soll Oskar im Wahlkreis Saarbrücken, dort wo seine politische Karriere 1976 als Oberbürgermeister begann, als Direktkandidat bei vorgezogenen Neuwahlen antreten.

Zehn Kilometer Saar abwärts, im Saarbrücker Schloss, das Lafontaine als Ministerpräsident umbauen ließ, kommt sein Comeback gar nicht gut an. Hier haben sich Mitglieder der SPD-Kreisverbände Saarbrücken-Stadt und Saarbrücken-Land versammelt. Trotzig entschlossen machen sie die Bundestagsabgeordnete Elke Ferner wieder zur Direktkandidatin. In der Versammlung und vor allem danach, beim Umtrunk mit Kartoffelsalat und Würstchen, wird mit derber Kritik an Lafontaine nicht gespart. "Dieser Drecksack", meint der frühere Saarbrücker Oberbürgermeister Hajo Hoffmann, "warum kandidiert er nicht im Wahlkreis von Gerd Schröder?" Der Europaabgeordnete Jo Leinen ergänzt: "Das hat die Elke nicht verdient. Sie und viele andere Genossen haben sich damals für Oskar im Wahlkampf die Beine ausgerissen. Und jetzt tritt er gegen uns an."

Später lässt Reinhold Jost, der SPD-Generalsekretär an der Saar, per Pressemitteilung verkünden: "Für Lafontaine war und ist Solidarität immer nur eine Einbahnstraße. Man darf gespannt sein, ob er auch diesmal wieder die Flucht aus der Verantwortung antreten wird, wenn es mal nicht nach seinem Willen läuft." Die Kandidatin selbst gibt sich verhalten optimistisch, ihr Direktmandat zu verteidigen, das sie 2002 zum ersten Mal holte. 1998 rückte sie für Lafontaine in den Bundestag nach, nachdem er ebendieses Direktmandat neben allen seinen anderen Ämtern niedergelegt hatte. Aber so ganz sicher ist sie sich auch nicht, ebenso wie viele ihrer Genossinnen und Genossen.

Die menschliche Enttäuschung über Lafontaine bei den saarländischen Genossen ist verständlich. Verloren sie doch 1999, sozusagen als Kollateralschaden von Lafontaines Rücktritt, die Regierungsmehrheit im Lande an Peter Müller und die CDU. Geblieben sind ihr als politische Machtbasis das Amt des Oberbürgermeisters in der Landeshauptstadt, zwei Landräte und die vier saarländischen Bundestagsdirektmandate. Nach den aktuellen Umfragewerten könnten alle vier Mandate verloren gehen, selbst Schröder-Kritiker Ottmar Schreiner kann in Saarlouis nicht sicher sein.

Dass Lafontaine das Direktmandat in Saarbrücken holt, ist wohl unwahrscheinlich, aber er könnte der SPD-Kandidatin so viele Stimmen abnehmen, dass eine bisher kaum bekannte CDU-Lokalpolitikerin das Rennen macht. Und so klammert sich die Saar-SPD an das Wahlmanifest der Bundespartei. Das, so der Landesvorsitzende Heiko Maas, sei eine gute Grundlage für einen erfolgreichen Wahlkampf. Er setzt darauf, dass die Wähler sich erinnern, wie sich die Landes-SPD schon 2003 im Zuge der Sonderparteitage zur Agenda 2010 für Änderungen am Kurs von Kanzler Schröder einsetzte. Insgeheim macht Maas aber vielleicht eine andere Rechnung auf: Gewinnt die Union die Macht in Berlin und wechselt Ministerpräsident Peter Müller ins Bundeskabinett, könnte die SPD 2009 bei den Landtagswahlen im Saarland der CDU wieder gefährlich werden. Denn für den in der Bevölkerung hoch geschätzten Müller ist im Land weit und breit kein adäquater Nachfolger in Sicht ist. Außerdem hätte eine unionsgeführte Bundesregierung bis dahin die Möglichkeit zu zeigen, dass sie es auch nicht besser kann als Rot-Grün.


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00:00 22.07.2005

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