Von Le Carré lernen

Stilbruch Achim Zons hat mit „Wer die Hunde weckt“ einen Thriller geschrieben, der zu journalistisch daherkommt
Von Le Carré lernen
Zons’ Vorlage: der Tanklaster-Abschuss von Kundus 2009
Foto: Massoud Hossaini/AFP/Getty Images

In seinem Künstlerroman Der Mann im Turm stellt Michael Krüger einen Schriftsteller vor, dessen ständige Redewendung lautet: „Erfahrungen lenken nur ab. Wer „Erfahrungen sammelt, kann kein ordentliches Buch schreiben.“ Krüger muss es wissen. Er war viele Jahre lang Lektor, zuletzt Chef des Hanser-Verlages. Achim Zons weiß das leider nicht.

Zons hat einen Thriller geschrieben, auf dessen beinahe vierhundert Seiten er zeigt, was er alles kann. Und das ist eine ganze Menge. Er kann eine komplizierte Handlung konstruieren, die den Leser bei der Lektüre hält. Er kann Spannungsmomente so schildern, dass man schneller lesen möchte, als die Sätze es zulassen. Er kann Konstellationen von Protagonisten in den Raum stellen, dass man das Gefühl hat, man sei dabei. Aber er kann nicht einfach hin erzählen. Er lässt sich immerzu ablenken von den Erfahrungen, von denen erglaubt, er könne oder müsse sie in seinem Buch verarbeiten. Das ist schade.

Zons ist ein guter Journalist. Die Erfahrungen, mit denen er hantiert, sind – wie bei Journalisten üblich – teils durch eigenes Erleben gewonnen, zum Teil von Kollegen mitgeteilt, zum Teil zusammengelesen. Dagegen ist nichts zu sagen. Man kann nicht alles selbst erleben. Aber ein Schriftsteller täte eben gut daran, alles selbst zu erfinden, oder es wenigstens so aussehen zu lassen, als habe er es selbst erfunden.

Ausgangspunkt von Zons’ Thriller Wer die Hunde weckt ist eine wirkliche Begebenheit. In Afghanistan fordert ein deutscher Oberst amerikanische F-15-Kampfjets an, um einen Fahrzeugkonvoi zerstören zu lassen, zu dem zwei Tanklastwagen gehören, die er in den Händen der Taliban vermutet, und von dem möglicherweise eine Gefahr für seine Soldaten ausgeht, deren Camp – im Roman – nicht weit entfernt ist. Die Zerstörung gelingt , aber es werden dabei Zivilisten getötet, darunter auch Kinder. Dieser Fall hat die deutsche Öffentlichkeit lange beschäftigt, der Generalbundesanwalt ermittelte wegen des Verdachts auf ein Kriegsverbrechen. Doch das Ermittlungsverfahren wurde eingestellt. Die letzte prozessuale Befassung mit ihm ist heute ein halbes Jahr her. Zons hat den Namen des Obristen und auch den Schauplatz, wo das entsetzliche Geschehen stattfand, verändert. Aber wer ein Buch von fast vierhundert Seiten liest, hat gemeinhin einen Kopf, mit dem er sich an den Fall aus dem Jahr 2009 erinnert.

Zons entwickelt nun um den tödlichen Angriff auf den Bus ein Komplott, in das der Oberst, er heißt hier Westphal, tiefer verstrickt ist, als es irgendeiner von dem damaligen annehmen konnte oder mochte. Das ist einem Thriller-Autor erlaubt. Er baut den schockierenden Ausgangspunkt für seine Geschichte möglichst drastisch. In dieser Geschichte spielen nun die Amerikaner die Hauptrolle und afghanische Helfer der Deutschen eine bittere Nebenrolle. Wie, das soll hier nicht verraten werden und manches andere auch nicht, was die Spannung des Buches ausmacht. Ein deutscher Journalist ist an der Sache dran, was ihm in jeder Hinsicht Unannehmlichkeiten bereitet, und auch Politiker, Bundeswehrtypen und Geheimdienstleute mischen mit. Hier zeigt sich Zons als glänzender Typenmaler und das hat man gern in solchen Büchern.

Seine Zeichnungen misslingen aber, sobald der Autor Erfahrungen, vor allem selbst gemachte, hineinarbeitet. Die Zeitung, für die der edle Journalist – vom Studium her Physiker – tätig ist, hat Zons zusammengesetzt aus den dreien in der bayerischen Hauptstadt: die Süddeutsche, der Münchner Merkur und die Abendzeitung. Zons glaubt vielleicht, das merke nur, wer die Zeitungen sehr gut, am besten von innen her kennt. Aber da irrt er. Ein intelligenter Leser merkt es an Unstimmigkeiten, wie sie sich ein – immer auch politischer – Thriller nicht leisten kann. Zons nennt die Zeitung die „wichtigste“ Zeitung in Deutschland. Das ist die Süddeutsche wohl. Aber die Chefredakteurin dieser Zeitung hat den Posten inne, weil ihr sehr viel älterer Mann zuvor dort Chefredakteur war. Sie ist also gleichsam im Erbgang Chefredakteurin der wichtigsten Zeitung in Deutschland geworden. Und das glaubt keiner, der seine fünf Sinne beisammen hat.

Keine Journalisten

Warum Zons seine Kenntnisse und Erfahrungen mit der Münchner Zeitungswelt so durcheinandergemischt hat, mag sein Geheimnis bleiben. Aber das Ergebnis ist leider nicht gut. Besser wäre es gewesen, er hätte eine ganz neue Zeitung mit schlangengrubengleicher Redaktion und knausrigem Verlag erfunden oder er hätte gleich die Süddeutsche geschildert. Beides hätte er hervorragend gekonnt. Schließlich rückt der renommierte C.H.-Beck-Verlag seinen Autor schon in die Nähe zu John le Carre. Nicht nur Zons, deutsche Thriller-Schreiber überhaupt sollten einmal bei Eric Ambler und John le Carré studieren, wie oft die in ihren Romanen ganz triviale Szenen und Ereignisse einstreuen, mit dem Gegensatz von gewöhnlichem Leben und ungewöhnlicher Gefahr zu spielen. Darin liegt ein wesentliches Element der Kunst des Erzählens von Spannungsromanen. Dafür ist freilich in Zeitungsartikeln kein Platz. Darum können Journalisten das auch nicht. Erskine Childers, John Buchan, Eric Ambler, John le Carré waren nie Journalisten, von ihnen zu lernen, ist keine Schande. Stevenson hat von Walter Scott gelernt, Buchan von Stevenson, Ambler von Buchan. Die Reihe kann fortgesetzt werden und muss nicht auf die Briten beschränkt bleiben.

Info

Wer die Hunde weckt Achim Zons C.H. Beck 2017, 399 S., 14,95 €

06:00 25.04.2017

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