Von Lesern für Leser

Reanimation Wie kann einer Reich-Ranicki nachfolgen! Gründungsmitglied Jürgen Busche über das neue „Literarische Quartett“
Jürgen Busche | Ausgabe 23/2015 3

Das Zweite Deutsche Fernsehen wird im Herbst das Literarische Quartett wiederbeleben. Das ist eine gute Idee, denn die einst von Johannes Willms, damals aspekte-Chef, auf die Bildschirme gebrachte Sendung war beim Publikum äußerst beliebt und lief ungewöhnlich lange. Ich gehörte von Anfang an und für zwei Jahre zur Stammbesetzung, verließ die Runde aber, weil ich mich beruflich veränderte und der neue Arbeitsplatz nicht zu Fernsehauftritten dieser Art passte. Es wurden fortan illustre Gäste für den vierten Stuhl eingeladen.

An dieser Praxis will das neue Quartett festhalten. Die Namen der ständigen Mitglieder, die jetzt bekannt geworden sind, signalisieren aber doch eine andere Zielrichtung. Marcel Reich-Ranicki hatte anfangs und auch später Literaturkritiker um sich geschart. Diese kamen zumeist von renommierten Blättern. Gedacht war an distinguiertes Argumentieren mit durchdachten Kriterien. Die Diskussionsbeiträge sollten fundiert sein. Daraus wurde nichts. Das war ein Glück für das alte Quartett.

Das neue will damit gar nicht erst anfangen. Die Fernsehmoderatorin Christine Westermann befasst sich seit geraumer Zeit zwar auch mit Büchern, aber als Literaturkritikerin würden selbst ihre Freunde sie nicht bezeichnen. Sie liest gern. Der Schriftsteller Maxim Biller ist ein Springinsfeld von einiger literarischer Klasse, aber Literaturkritik sollte irgendwie auch seriös sein. Und wie Schriftsteller anderer Leute Bücher lesen, auch was sie lesen, das ist ein weites Feld. Als Reich-Ranicki-Nachfolger in der Sendung ist Volker Weidermann vorgesehen. Das könnte zum Problem werden. Wie kann einer Reich-Ranicki nachfolgen!

Weidermann war wie der 2013 verstorbene Kritiker-Papst lange Jahre bei der FAZ, genauer Feuilletonchef bei der FAS. Es waren dies die Jahre, in denen der 2014 verstorbene Frank Schirrmacher als Herausgeber erfolgreich die Öffnung, aber auch Verflachung des FAZ-Feuilletons betrieb. Die konkurrierenden Zeitungen waren erleichtert und jubelten. Gute Redakteure verließen das Blatt. Jetzt, da die FAZ sich wieder einigermaßen berappelt, ist auch Weidermann gegangen und hat beim Spiegel angeheuert. Er wird die künftigen Zuschauer des Quartetts nicht intellektuell überfordern. Das Quartett wird eine Gesprächsrunde von Lesern für Leser sein. Das ist nicht schlecht.

Die Frage ist aber, ob es gut genug ist. Ob es wieder einen kraftvollen, charismatischen, in jedem Augenblick die Szene beherrschenden Zampano wie Reich-Ranicki geben kann. Der war ja deshalb so erfolgreich, weil die Zuschauer ihn erleben wollten. Zur Erinnerung: Er ließ bald schon die ständigen Mitstreiter in seiner Sendung zu Wort kommen. Mehr nicht. Sie durften hin und wieder anderer Meinung sein als er, aber nicht zu ausführlich, vor allem: nicht zu kompliziert. Die Gäste wurden gehätschelt, aber zugleich an der langen Leine geführt wie Pferde beim Voltigieren. Das Publikum war entzückt, wenn er seinem Temperament freien Lauf ließ. Das freilich durfte nur er. Er konnte das aber auch. Es war ein Schauspiel, und das faustische „nur“ erübrigt sich hier. Man soll nicht beschreien, was Weidermann und den Seinen dazu einfällt. Das wird sich zeigen. Vielleich ist auch schon rasch alles Vergleichen unsinnig, weil das Neue überzeugt. Indes: Als der Schneider von Ulm auf dem Münsterturm sagte, er werde fliegen, da wurde wohl auch um ihn herum gemurmelt: Lass ihn doch erst mal machen.

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