Von Menschen für Menschen erdacht

Im Gespräch Douglas Rushkoff über Judentum als Bildersturm und Idolzerstörung, über den Staat Israel als bloß historische Notwendigkeit und über hippen Fundamentalismus

Douglas Rushkoff, Professor für Kommunikationstheorie an der New York University, hat in den USA viel Aufsehen mit seinem Buch Nothing Sacred erregt. Es ist eine polemische und wütende Attacke gegen das institutionalisierte Judentum und eine Liebeserklärung an die großen Ideen der jüdischen Schriften, die auch gegen die die Renaissance des religiösen Fundamentalismus ins Spiel gebracht werden könnten. Spinoza, Moses Maimonides, Marx und Freud heißen Rushkoffs jüdische Helden, und "smash your idols" lautet für ihn die Grundidee des Judentums, die er aus seiner Interpretation der überlieferten Texte gewinnt.Im institutionalisierten amerikanischen Judentum dagegen findet Rushkoff ein Denken vor, das sich dieser Idee im Zeichen von "Interessenpolitik" schon lange entledigt hat. Den jüdischen Chic - von Madonnas Kabbalismus bis zur jüdischen Pop-Szene in New York - geißelt er als billigen Konsumismus.

FREITAG: Herr Rushkoff, Sie sind Medienkritiker, Filmemacher und Essayist. Wie kamen Sie zu Ihrer leidenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Judentum?
RUSHKOFF: Hauptsächlich, weil ich im Judentum so viele großartige Grundlagen für meine medientheoretischen Arbeiten, für ein "offenes Denken", für Kommunikationstheorien und das Leben in einer post-religiösen Welt entdeckt habe. Ich war aber enttäuscht darüber, dass das heutige Judentum diese Grundlagen für gegenteilige Zwecke verwendet und fand deshalb, dass es eine gute Aufgabe sei, darzulegen, welches Potential für ein zeitgenössisches Denken tatsächlich im Judentum liegt. Darüber hinaus wollte ich die Frage aufwerfen, ob das Judentum noch zeitgemäße Antworten bietet für die Aufgaben, für die es einmal erfunden worden ist, oder ob wir über das Judentum hinausgehen müssen, um diese Aufgaben zu bewältigen.

Ihr Buch klingt wie ein Manifest. Was ist Ihre Hauptkritik am heutigen Judentum?
Meine Kritik richtet sich gegen diejenigen, die glauben, dass die Juden dieses Stück Land im "Nahen Osten" von Gott empfangen haben, mit festen Grenzen als Erbschaft derjenigen, die die zehn Gebote am Berg Sinai erhielten. Es gibt viele, zu viele heutzutage, die glauben, dass sie ein gottgebenes Recht auf dieses Stück Land haben. Diese Leute fühlten sich durch mein Buch bedroht, weil es daran erinnert, dass das Judentum von Menschen für Menschen erdacht worden ist. Dass es Menschen waren, die diese Geschichten aufgeschrieben haben und sie allen Menschen vermacht haben, als ein ungeheuerlich großartiges System, um den Aberglauben zu überwinden. Meine Kritiker sind auf der einen Seite die Religiösen, wobei ich mit religiös nicht unbedingt die Orthodoxen meine, sondern religiöse Zionisten. Und auf der anderen Seite sind es so genannte "Tribal Jews". Manche sind ganz modern, machen coole Musik oder Kunst, glauben aber, dass das Judentum eine Ethnie oder eine Rasse ist und behaupten, dass jüdisch sein das gleiche sei wie schwarz zu sein, also ein Garant für Coolness. Sie wollen nichts davon hören, dass Judentum im Grunde nichts mit einer Kategorie wie "Rasse" zu tun hat.

Es gibt aber glücklicherweise auch viele, die lange darauf gewartet haben, dass jemand endlich einmal sagt "Ja, diese Schriften haben auch für uns noch etwas zu bedeuten": Nicht weil es eine Religion neben anderen ist, sondern weil es eine großartige Technologie darstellt, die uns Menschen weiterbringen kann.

Was macht für Sie das Judentum aus?
Die Kernideen des Judentums sind Ikonoklastik, abstrakter Monotheismus und soziale Gerechtigkeit. "Smash your Idols" heißt das Motto. In den alten Tagen waren es die Pharaonen oder Götter, heute ist es das Fernsehen, MTV, das gestürzt werden muss. Gott wird so abstrakt, dass am Ende nur noch die Menschen zählen. Du brauchst diese Vaterfigur im Himmel nicht mehr. Die Menschen können sich den realen Problemen zuwenden. Das Judentum bietet einen Weg, damit das passiert, es ist sein Kern. Eigene unablässige Analyse und Interpretation stehen im Vordergrund. Das Judentum ist eine Antwort auf die Frage: Was tun in einer buchstäblichen Welt. Im Übergang von den Hyroglyphen zum Alphabet wurde das Judentum erfunden. Vom Analphabetismus über Rezeption bis dahin, wo man die Geschichte selbst zu schreiben beginnt, führt der Weg. Das ist der große Unterschied.

Sie beschreiben Ihre Generation als so genannte "Lapsed (gefallene, fehlgetretene) Jews". Was meinen Sie damit?
Dieser Begriff wurde eigentlich von offiziell jüdischer Seite gebraucht, deren einziges Interesse darin zu bestehen scheint, Leute zu animieren, Synagogen-Beiträge zu entrichten. Nach deren Definition bin ich eigentlich kein Jude, weil ich keine Synagoge besuche. Ich fragte mich, was diese "Lapsed Jews" ausmacht. Was sie anstelle des Judentums praktizieren. Und ich kam zum Schluss, dass deren Schaffen oftmals mehr mit seinen eigentlichen Werten gemein hat als der Gang in eine Synagoge oder die Geldspende für israelische Siedlungen in der West-Bank.

Wie haben die Kritiker reagiert?
Wütend. Es wurde eine Kampagne gegen das Buch initiiert, eine Menge Rezensionen veröffentlicht, die vollkommen am Inhalt des Buchs vorbeigeschrieben waren. Es wurde darin behauptet, dass das Buch den Holocaust leugne und das Existenzrecht Israels bestreite, was absolut falsch ist. Wenn einmal eine solche Behauptung in die Welt gesetzt ist, dann ist natürlich keiner mehr bereit, sich näher damit auseinander zu setzen.

Wer hat den Boykott initiiert?
Große Philanthropen, deshalb, weil das meiste Geld im Moment dazu dient, die Amerikaner, besonders die amerikanischen Juden für eine unkritische Unterstützung Israels zu gewinnen. Sie unterstützen die Bush-Kampagne. Viel Geld fließt in Studien, die untersuchen, wie viele Juden in Amerika leben, ob die amerikanischen Juden andere Juden heiraten und jüdische Kinder bekommen oder aus dem Judentum herausheiraten.

Ihnen wurde der Vorwurf des "Jüdischen Selbsthasses" gemacht.
Ja, und es wurde behauptet, dass mein Buch wissenschaftlich nicht ernst zu nehmen sei. Das ist aber nicht wahr. Viele Judaisten an amerikanischen Universitäten haben mir bestätigt, dass meine Thesen richtig sind und benutzen das Buch in ihren Seminaren, weil es eine gute Einführung in das Denken von Spinoza und Maimonides und anderen großen jüdischen Philosophen bietet.

Können Sie Ihre Hauptkritik an Israel kurz zusammenfassen?
Zuerst einmal ist es wieder wichtig klarzustellen, dass die Idee der Heimstatt Israel im 18. Jahrhundert unter dem Eindruck der Pogrome und Vertreibungen, die überall in Europa stattfanden, entstanden ist. Sie war keine Verwirklichung der Ideale des Judentums, sondern ein Kompromiss: Wir brauchten einen sicheren Ort, an dem wir vor antisemitischer Bedrohung sicher wären. Das hatte rein gar nichts mit der Vorstellung zu tun, dass Israel so etwas wie die Verwirklichung des göttlichen Willens ist. Ich glaube daher, dass die Frage, ob Israel die Verwirklichung jüdischer Ideen ist oder nur eine historische Notwendigkeit, sehr wichtig ist. Ich denke es ist letzteres, eine Notwendigkeit, um in einer barbarischen Welt zu überleben.

Was halten Sie von neuen Phänomen wie einer "Jüdischen Popkultur", wo "jüdisch sein" den Charakter eines Markenzeichens erhält?
Die meisten dieser "jüdischen" Szenetypen, die irgendwelche hippen jüdischen Dinge tun, kapieren einfach nicht, dass sie nur deshalb von Philanthropen finanziert werden, weil sie ihnen als willkommene Werkzeuge für deren Zwecke dienen: die Unterstützung Israels und Anwerbung neuer Mitglieder. Die Untersuchungen, die in Auftrag gegeben worden sind, kamen zu dem Schluss, dass das Judentum eine zeitgemäßere, hippere Verpackung braucht, um junge Leute zu begeistern. Insofern verbirgt sich dahinter eine geschickte Werbestrategie: Wie können wir erreichen, dass Judentum so cool wird wie MTV? Lustigerweise heißt eine Studie "Israel im Zeitalter Eminems". Jüdischen Heranwachsenden werden darin verschiedene Werbestrategien vorgestellt, um zu schauen, was der beste Weg ist, um junge Leute anzusprechen. Erwartungsgemäß kam man zum Ergebnis, dass eine coolere Verpackung genügt, um junge Leute für eine pro-israelische Unterstützung zu begeistern: Judentum plus Eminem eben. Letzten Endes ist das aber einfach nur Marketing. Dabei sollte das Judentum eine Befreiung von der MTV-Kultur darstellen. Religion ist kein Ort, an dem Coolness regieren sollte. An Begriffen wie "Coolness" krankt unsere Welt schon genug. Aber die jüdischen Organisationen sind auf den Trichter gekommen: Jetzt versuchen sie jüdischen Kids das Gefühl zu geben, cool zu sein.

Ist das ein neues Phänomen?
Es erinnert an die 50er und 60er Jahre. Damals hatten die Juden die "Catskills" und eiferten in allem dem weißen, angelsächsischen Amerika nach. Sie bauten Hotels, in denen sie deren Lebensstil kopierten, ließen sich die Nasen operieren, um nicht-jüdisch auszusehen. Heute ist eben die schwarze Hip-Hop-Kultur das Non plus Ultra der Coolness; so imitieren sie logischerweise die. Die Ironie ist, dass sie glauben, ganz anders als ihre Eltern zu sein, in Wirklichkeit aber das gleiche tun. Und mit Judentum hat das alles schon gar nichts zu tun.

Aber trotzdem scheint ja ein Verlangen nach einer jüdischen Kultur zu existieren?
Es gibt zwei Kräfte im heutigen Amerika. Es gibt diese große christliche Bewegung, mit einer ganzen Rockszene, riesigen Veranstaltungen, eigenen Mediennetzwerken; und es gibt logischerweise auch eine fundamentalistische jüdische Bewegung. Für mich sind die oben angesprochenen Dinge Teil davon, ein quasi hipper Fundamentalismus. "Du bist Teil einer Rasse." "Das ist dein Land." Es geht um Zusammenhalt, der auf diese Weise produziert wird.

Amerika steht an einer Wegscheide: zwischen Fundamentalismus und Fortschritt. Der Fundamentalismus gibt sich sehr modern. Er benutzt das Fernsehen oder moderne Magazine. Ich schätze diese fundamentalistische Bedrohung als sehr gefährlich ein: Amerika ist eingelullt im Konsumismus und Kapitalismus und hat sich eine "Kriegs-Mentalität" zugelegt. Es ist gefährlich, die Augen zu schließen und zu glauben, dass alles o.k. ist.

Sie postulieren ein offenes Judentum. Selbst der Begriff "Judaismus" ist Ihnen, wie Sie sagen, "nicht heilig". Das bedeutet für Sie auch ein Durchbrechen aller Kategorien, die historisch einen Juden definieren. Am Beispiel des "als Juden" in Pakistan getöteten Amerikaners Daniel Pearl zeichnen Sie nach, wie schmerzhaft es ist, die kulturellen Vorstellungen einer jüdischen Identität zu verlassen ...
Daniel Pearl ist getötet worden, weil seine Mörder ihn als Jude bezeichneten. Es ist problematisch, wenn wir dieses Verständnis der Terroristen übernehmen. Es gibt keine jüdische Rasse. Der erste, der von Juden gesprochen hat, war der Pharao, die ersten, die vom jüdischen Blut gesprochen haben, waren die Inquisitoren. Es ist keine jüdische Idee, es ist die Idee der Feinde der Juden. Im Judaismus geht es um das Gegenteil: um das Durchbrechen der Grenzen. Wenn man als Jude getötet wird, weil man jüdisches Blut hat oder ähnliches, wird man für eine fremde Idee getötet. Wenn man das akzeptiert, dann arbeitet man dem Weltbild der Killer entgegen. Heutzutage scheint das zu funktionieren. Viele Juden glauben irgendwie Teil einer Rasse zu sein.

Gerade sehr assimilierte Geistesgrößen wie Einstein und Marx verkörpern für Sie die "wahre" Idee des Judentums. Assimilation ist nach Ihrer Theorie keine Selbstaufgabe?
Erst einmal ist es wichtig festzustellen, an welche Tradition man sich assimiliert. Judaismus hat wenig mit seiner heutigen Praxis zu tun. Er war keine Religion, sondern war der Weg aus der Religion, der Weg, die engen Grenzen der Religion zu brechen. Die Schönheit dieser Idee rührt doch daher, dass ganz verschiedene Stämme sich im Zuge einer Idee vereinigen, wie es in der Thora geschrieben steht. Ich verstehe es eher als einen Witz, dass alle Stämme von Jakob abstammen, es sind ganz einfach verschiedene Gruppen, die sich unter einer Idee vereinigen.

Das schöne ist, du brauchst nicht Teil eines bestimmten Stammes sein, um an der Idee teilzuhaben. Deshalb halte ich es auch für total falsch, an irgendeine Rassenkategorie zu glauben.


Das Gespräch führte Steffen Stadthaus

Douglas Rushkoff: Nothing Sacred. The Truth about Judaism. Three Rivers Press 2004


00:00 02.07.2004

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